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Lieferketten

Wie die Corona-Krise die Deglobalisierung beschleunigt

PlayContainer im Hafen
Lieferketten | Video verfügbar bis 25.03.2021 | Bild: SWR

  • - Die deutsche Wirtschaft ist derzeit auf Lieferungen insbesondere aus China angewiesen.
  • - Langfristige Planung erschwert kurzfristige Reaktionen und ausbleibende Lieferung sind nicht zu kompensieren.
  • - Kürzere Lieferketten und mehrere Anbieter machen Unternehmen deutlich flexibler.- Wirtschaftsforscher sehen einen Abbau langer Lieferketten und Rückverlagerung von Produktion nach Deutschland.

Für den Geschäftsführer eines Modegeschäfts ist es ein emotionaler Moment, zum ersten Mal nach der Schließung wieder im Ladengeschäft zu stehen. In seinen drei Filialen in Rheinland-Pfalz hat er insgesamt 20.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, voll mit aktueller Frühjahrsware. Einen Großteil wird er in einigen Wochen nicht mehr verkaufen können, denn einen Online Shop hat er nicht. 

Saisonware später unverkäuflich

Modegeschäft voller Ware und ohne Kunden
Volle Regale im geschlossenen Laden | Bild: SWR

Am Beispiel einer Übergangsjacke aus der Frühjahrskollektion zeigt er, wie "verderblich" seine Ware ist. In zwei Monaten kann er diese nicht mehr verkaufen. Auch Kinderbekleidung, die traditionell gern an Ostern verschenkt wird, bleibt jetzt im Laden liegen. Dazu kommt ein weiteres Problem: Obwohl er in den nächsten Wochen nichts verkaufen kann, hat er allein in dieser Woche rund 1.000 Pakete mit neuer Ware bekommen, ein Großteil der Lieferung kommt aus Fernost.

Der Händler erläutert, dass das Unternehmen sehr lange Lieferwege und Produktionszeiten habe. Die jetzt vorhandene Ware sei bereits vor sechs Monaten bestellt worden, muss deshalb auch abgenommen und vor allem auch bezahlt werden, obwohl keine Umsätze gemacht werden. Die laufenden Kosten müssen ebenfalls irgendwie gestemmt werden.

Lange Lieferketten machen es schwer, in der Krise kurzfristig zu reagieren.

Fehlender Nachschub

Während beim Modehändler mehr geliefert wird als ihm lieb ist, hat man anderswo das Problem, dass überhaupt nichts geliefert wird.

Besonders brisant ist das, wenn es um Gesundheit geht. Beispiel: Die heiß begehrten Mundschutzmasken. Der Produktmanager eines großen deutschen Händlers für Medizinprodukte würde sie jetzt gern an Krankenhäuser und Arztpraxen verkaufen. Doch die Masken werden hauptsächlich in Billiglohnländern wie China produziert. Er erklärt: "Die Situation momentan ist relativ kritisch. Wir haben kaum einen Mundschutz auf Lager in Deutschland, weder mit Ohrschlaufen noch mit Bindebändern und die Kliniken haben großen Bedarf. Wir versuchen derzeit alles, die Ware zu beschaffen, aber es ist äußerst schwer."

Mundschutz als Symbol der Krise
Mundschutz als Symbol der Krise | Bild: SWR

Deswegen hat er nun Unternehmer aus verschiedenen Branchen an einem Tisch zusammengebracht. Gemeinsames Ziel ist ein Mundschutz "Made in Germany", denn: "90 Prozent der meisten medizinischen Materialien werden in Asien hergestellt. Speziell in der Provinz um Hubei und dessen haben wir uns alle abhängig gemacht und aus diesem Schlamassel müssen wir uns jetzt alle rausziehen."

Mit dabei sind Textilverarbeiter und Automobilzulieferer TEG. Normalerweise werden bei TEG beispielsweise Türverkleidungen genäht. Jetzt soll auf den Produktionsflächen innerhalb von wenigen Wochen eine Mundschutz-Produktion anlaufen.

Nachdenken über Veränderungen

Die Mundschutzmaske - das Symbol der Corona-Krise, aber auch ein Symbol dafür, dass Lieferketten überdacht werden müssen.

Das wird eine Lehre aus der Krise sein, sagen Wirtschaftsexperten wie Gabriel Felbermayr vom Institut für Weltwirtschaft Kiel: "Die Unternehmen werden sich gut überlegen, wie sie in Zukunft unterwegs sind, ob sie nicht mehr Gewicht legen müssen auf Liefer-Verlässlichkeit, auf Sicherheit. Das heißt, sie werden höhere Lager-Bestände brauchen. Sie werden sich überlegen: Brauche ich nicht auch Produktionsstätten näher an meiner Kundschaft, das heißt näher an Deutschland, vielleicht in Deutschland, wenn man in Deutschland verkaufen will."

Mundschutzproduktion
Mundschutzproduktion als Ausweg bei Trigema | Bild: SWR

Das Textilunternehmen Trigema aus Burladingen hat schon immer auf heimische Produktion gesetzt, weil Innovationen hier besser umzusetzen seien. Das sei jetzt ein Vorteil, erzählt uns Geschäftsführer Wolfgang Grupp im Videochat, denn nun konnte er seine Produktion kurzfristig auf Mundschutzmasken umstellen: "Das ist natürlich klar: Wenn so etwas Schnelles gefordert wird oder schnell umgestellt werden muss, dann ist natürlich die Vor-Ort-Produktion zehn Mal einfacher, als wenn ich durch zig europäische Länder oder sogar noch Außereuropa organisieren muss und so weiter."

Das hilft seinem Unternehmen auch wirtschaftlich in der Krise, denn die Trigema-Läden sind seit vergangener Woche geschlossen: "Das ist eine Riesen-Chance. Denn wenn mir gut 50 Prozent des Absatzes wegbricht, dann sind für mich und 1.200 Beschäftigte die Probleme enorm. Und da habe ich nun eine Riesen-Chance gehabt und die habe ich dann natürlich selbstverständlich erst recht genutzt."

Ganz ohne Importe geht es jedoch auch bei Trigema nicht. Die Baumwolle für die Produkte stammt aus verschiedenen Ländern. Deshalb gibt es mehrere alternative Lieferketten. Sich so wenig wie möglich abhängig von Lieferketten zu machen, mit dieser Strategie ist Trigema bislang schon gut gefahren.

Die Wirtschaft wird sich verändern

Auch anderswo werden globale Lieferketten weniger und kürzer, um mehr als ein Drittel. Davon geht zumindest die Wirtschaftsforscherin Prof. Dalia Marin aufgrund der wachsenden Unsicherheit durch das Coronavirus aus.

Die Expertin für Internationale Wirtschaftsbeziehungen von der Technischen Universität München erläutert dazu: "Daher wird jetzt eine sicherere Produktionsweise, eine risikoärmere Produktionsweise attraktiv. Und das ist eine Produktionsweise, in der man die Produktion zurückholt in das ursprüngliche Land nach Deutschland."

Entscheidend ist hier der so genannte Unsicherheits-Index der Universität Stanford. Dieser Index basiert darauf, dass weltweit Zeitungen nach Schlagwörtern wie beispielsweise "Unsicherheit" und "Wirtschaft" durchforstet werden. Dadurch sind Forscher wie Prof. Dalia Marin in der Lage, Veränderungen im Sicherheitsgefühl abbilden zu können: "Ich gehe zum Beispiel davon aus, dass das Coronavirus den Unsicherheitsindex um 300 Prozent steigern wird. Davon gehe ich deshalb aus, weil in der Vergangenheit das Sars-Virus diesen Index um 70 Prozent hat steigen lassen. Und wenn jetzt dieser Unsicherheitsindex um 300 Prozent steigt, dann ergeben unsere Schätzungen aus der Vergangenheit, dass die Lieferketten um 35 Prozent zurückgehen werden."

Auch wenn die Krise irgendwann vorbei ist. Nach der Corona-Krise wird die Wirtschaft eine andere sein als zuvor.

Stand: 26.03.2020 11:34 Uhr

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