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Stau im Stall

Corona bringt Schweinehalter in Not

PlaySchweine in einer Box
Stau im Stall - Corona bringt Schweinehalter in Not | Video verfügbar bis 02.12.2021 | Bild: dpa

• In deutschen Ställen stauen sich die Schweine. Der Rückstau betrifft inzwischen mehr als 600.000 Schweine.
• Aufgrund von Corona haben viele Schlachthöfe ihre Kapazitäten reduziert. Hinzu kommt die Afrikanische Schweinepest, die zu einem Exporteinbruch beim wichtigsten Markt China geführt hat.
• Der Preis für Schlachtschweine ist derzeit so niedrig wie lange nicht mehr.
• Viele Schweinehalter sind inzwischen in ihrer Existenz bedroht.

Schweinefleisch auf einem Brett
Schweinefleisch ist in allen Varianten beliebt | Bild: SWR

Schweinefleisch zu Dumpingpreisen, die Angebote in Supermärkten und Discountern überschlagen sich. Gerade mal 2,18 Euro kostet ein Kilo Schweinefleisch in einem Supermarkt. Befragte Kunden finden, dass der Preis nach oben korrigiert gehört, denn davon könnten die Schweine nicht ernährt werden und die Landwirte nicht überleben.  

Ferkelzucht mit Riesenverlusten

In Nordhessen befindet sich der Familienbetrieb von Norbert Klapp. Er hat sich auf Ferkelzucht spezialisiert. Krisen ist er gewohnt, auch Preisschwankungen. Doch deutsches Schweinefleisch als Ramschware, das hat er noch nie erlebt und meint dazu: "Das ist wie ein T-Shirt für 2 Euro, da weiß ich doch, dass nicht alle Umwelt- und Sozialkosten mit abgedeckt sind. Geht nicht. Und irgendwer bezahlt. In diesem Fall für 2,18 Euro für das Schweinefleisch bezahlt es der deutsche Erzeuger, der es dann aber irgendwann nicht mehr liefert, weil er seinen Beruf aufgegeben hat."

Ferkel im Stall
Immer mehr Ferkel tummeln sich im Stall | Bild: SWR

In seinem Stall tummeln sich so viele Ferkel wie selten. Seit Corona gibt es Engpässe in den Schlachthöfen. Die Gastronomie fällt als Abnehmer weg. Hinzukommt dass wegen der Afrikanischen Schweinepest, kurz ASP, auch der Export nach China zusammengebrochen ist. Das hat den Preis abstürzen lassen. Für die Schweinezüchter hat das fatale Folgen, wie Norbert Klapp berichtet, der auch Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Kurhessen ist: "Wenn man mal mit Durchschnittszahlen arbeitet über alle Betriebe hinweg, haben wir Kosten von 60 Euro für so ein Ferkel, bis es mal 30 Kilo wiegt. Ungefähr in acht Wochen sind die dann soweit. Und Einnahmen haben wir im Moment von 40 Euro. Wir haben schon ein Defizit von 20 Euro zurzeit."

Rund tausend Ferkel verkauft Norbert Klapp normalerweise pro Monat an Mastbetriebe. Derzeit macht er 20.000 Euro Verlust, jeden Monat und sagt dazu: "Ja, es geht an die Existenz, es geht aber auch unheimlich an die Moral. Das ist das Problem. Also die Selbstmotivation, wenn man morgens in den Stall geht und Eintritt bezahlt. Das wird dann auf Dauer schon schwierig."

Die Arbeit bleibt, trotz der Verluste. Eine Belastungsprobe für den Familienbetrieb mit zwei Angestellten, denn kurzfristig zu reagieren, ist in der Ferkelzucht nicht möglich. Der Ferkelzüchter berichtet weiter: "Ich kann das ja nicht steuern. Also die Ferkel, die hier stehen, vor 200 Tagen ist die Sau besamt wurden. Da war ASP noch kein Thema und Corona so richtig auch noch nicht. Deswegen haben wir halt biologische Zyklen, die ganz normal durchlaufen. Da werden auch jetzt weitere Ferkel geboren, ob ich den Stall nun leer bekomme oder nicht."

Der Agrarökonom Prof. Achim Spiller von der Universität Göttingen beschäftigt sich schon lange mit dem Schweinemarkt. Einen derartigen Verfall des Schweinepreises hat er noch nicht erlebt: "Insgesamt ist das für Schweinemäster nichts Ungewöhnliches, dass die Schweinepreise schwanken. In der Wissenschaft nennen wir das den Schweinezyklus. Das ist geradezu sprichwörtlich, dass der Schweinepreis immer mal rauf und runter geht. Aber dieses ausgeprägte Preistief mit den ganzen Verwerfungen, mit dem Schweinestau und so, das ist sicher auch ungewöhnlich."

Schweinepreise im freien Fall

Grafik: Preis für Schweine
Die Preise für Schweine sind im freien Fall | Bild: SWR

Seit Februar 2020 ist der Schweinepreis im freien Fall. Pro Kilogramm Schlachtschwein erhält der Bauer derzeit nur 1,19 Euro. So niedrig war der Schweinefleischpreis seit 2011 nicht mehr.

Schweine im Stall
Schweinezüchter bekommen noch Geld für ihre Tiere | Bild: SWR

In Fulda betreibt Peter Bleuel in der 6. Generation seine Schweinemast. Gerade stehen 1.450 Schweine in seinem Stall. Die Buchten sind voll. Normalerweise gehen wöchentlich 80 Schweine zum Schlachthof. Doch der musste wegen Corona die Produktion herunterfahren. Der Schweinezüchter erläutert den aktuellen Stand: "Morgen und übermorgen müssten die eigentlich weggehen und wir haben aber jetzt nur eine Zusage für in zwei Wochen. Das bedeutet jeden Tag drei Kilo Futter, in der Woche 5 Euro Futterkosten. Und für so ein Schwein kriegen wir nachher 120 Euro und wenn es aus der Gewichtsmaste, aus dem Gewichtszweig rausgefallen ist, kriegen wir vielleicht noch 110, obwohl es 2 Wochen gefüttert wurde und wir 15 Euro Mehrkosten haben."

Auch Peter Bleuel macht sich inzwischen Sorgen um seine Zukunft. Und so geht es vielen Schweinebauern. Mehr als 600.000 Schweine stauen sich derzeit in deutschen Ställen.

Notschlachtungen mit unzulässigen Methoden

Tierrechtler Jan Peifer, Vorsitzender Deutsches Tierschutzbüro e.V., zeigt uns Videoaufnahmen aus einem Schweinebetrieb in Norddeutschland. Dicht an dicht drängen sich die Tiere. Das führt auch verstärkt zu Krankheiten und zu Nottötungen, kritisieren Tierschützer. Zu den Aufnahmen aus dem Stall erläutert er: "Die kranken Tiere müssten eigentlich notgetötet werden. Das tut der Landwirt auch hier. Er tut es allerdings auf eine nicht zugelassene Art und Weise. Mit einem Gewehr erschießt er diese Tiere. Das sieht man auch hier. Und das ist gesetzwidrig und es gibt auch einen guten Grund, dass das gesetzwidrig ist, weil es nicht funktioniert. Man sieht also auf den Bildern immer wieder, dass die Tiere im Grunde wieder aufstehen. Und er macht überhaupt nicht den Kehlschnitt. Also hier hätte eigentlich der Kehlschnitt erfolgen müssen, auch das passiert nicht."

Was steckt hinter diesen Aufnahmen? Wir wollen den Bauern konfrontieren, haben einen Interviewtermin mit ihm vereinbart. Er möchte unerkannt bleiben, uns aber die Gründe für sein Handeln erklären: "Ich betäube es ja vorher mit Stresnil und schieße es dann und töte es dadurch. Das ist für mich, in meiner Auffassung, humaner, als die Geschichte mit dem Bolzenschussgerät und dann das Schwein anpacken und dann die Kehle durchschneiden und dann spritzt das Blut überall hin."

Der Landwirt hat inzwischen reagiert und eine teure Stromzange, die die Tierschutzverordnung für das Töten kranker Schweine anordnet, angeschafft, denn auf Grund des Schweinestaus werden sicherlich weitere Nottötungen notwendig sein. Die niedrigen Schweinefleischpreise bedrohen seine Existenz: "Für uns ist das natürlich auch eine Wahnsinnsbelastung, weil der Schlachthof gibt uns ganz genau vor, wie viel Gewicht ein Tier haben muss, damit es in seine schöne Schale für den Lebensmittelhandel rein passt. Wenn die Teilstücke zu groß werden, ziehen die uns eiskalt von dem geringen Preis, der jetzt eh schon ins Bodenlose gefallen ist, zusätzlich noch Geld ab."

Macht China sich unabhängig?

Während die deutschen Schweinehalter um ihre Existenz kämpfen, hat China als wichtigster Exportpartner für die deutschen Schweine in der Krise längst aufgerüstet, wie Agrarökonom Prof. Achim Spiller berichtet: "China hat die Afrikanische Schweinepest dazu genutzt, die kleinen Betriebe, die Hinterhofbetriebe sozusagen, rauszuschmeißen. Die bauen jetzt riesige Ställe dort auf, die machen eine sehr großbetriebliche Schweineproduktion, die dort aufgebaut wird, die dann irgendwann dazu führt, dass sie gar keine Importe mehr brauchen."

Bei deutschen Schweinehaltern sind die Kosten auf Grund der immer strengeren Vorgaben für die Haltung immer weiter gestiegen. Norbert Klapp fordert deshalb stabile Preise und eine Absatzsicherung des Handels. Nur so könne er die Investitionen, die der Tierschutz von ihm fordert, auch refinanzieren: "Da sind auch manche Anforderungen, muss man einfach so sagen, unsinnig. Also ich sag mal was: Ein Ferkel aus meiner Sicht, die haben wir ja irgendwann mal in die Ställe geholt, weil sie da besser und hygienischer und gesünder zu halten waren. Ob ich die nun unbedingt im Winter auf der Weide im Schlamm haben will, das weiß ich auch noch nicht. Da können sich zwar irgendwelche Leute sagen, ja wir haben das in Deutschland alles verbessert, aber das haben wir nicht, wir haben es abgeschafft."

Die Bauern hoffen jetzt, dass die Preise sich wieder erholten. Doch durch den Überhang an Schlachtschweinen in ganz Europa ist für die Krise erstmal kein Ende in Sicht.

Ein Beitrag von Annika Erbach und Edgar Verheyen
Online-Bearbeitung: Björn Glöckner
Der Beitrag wurde produziert vom Südwestrundfunk (SWR) für "Das Erste".

Stand: 03.12.2020 11:26 Uhr

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