SENDETERMIN Mi., 26.05.21 | 21:45 Uhr | Das Erste

Erdbeeranbau

Warum der Folienanbau immer mehr zunimmt

PlayGrafik: Erdbeeren
Erdbeeranbau | Video verfügbar bis 26.05.2022 | Bild: SWR

  • · In Deutschland setzen immer mehr Erdbeerbauern auf den Anbau in Folientunneln.
  • · Nicht nur wegen der Optik der Folienfelder sind sie umstritten.
  • · Deutsche Erdbeerbauern können so international konkurrenzfähig bleiben.
  • · Mit Blick auf Umwelt und Nachhaltigkeit sind Erdbeertunnel in Deutschland besser als Importe. Chemische Pflanzenschutzmittel werden ebenfalls weniger oder gar nicht benötigt.

Erdbeeranbau im Folientunnel
Erdbeeranbau im Folientunnel mit Vorteilen | Bild: SWR

Bei Salem am Bodensee reiht sich ein Folien-Tunnel an den nächsten. Seit Jahrzehnten baut Rolf Haller hier Erdbeeren an, auf konventionelle Weise. Die kalten Temperaturen machen den Bauern dieses Jahr zu schaffen. Auf den Tunnelanbau ist Erdbeerbauer Rolf Haller erst vor 15 Jahren umgestiegen. Zuvor baute er seine Erdbeeren im Freiland an. Dem Tunnelanbau stand er skeptisch gegenüber: "Ich habe es zum ersten Mal vor 25 Jahren in Spanien gesehen, als ich über Huelva geflogen bin. Und dann war da ein Tunnelmeer, ich glaube, von mehreren von tausend Hektar. Da habe ich gedacht, um Gottes Willen, so etwas machen wir in Deutschland nie."

Mithalten im Wettbewerb

Mit ihren Folien konnte die spanische Konkurrenz fast das ganze Jahr Erdbeeren liefern, die deutschen Erdbeerbauern mit Freilandanbau dagegen nur wenige Wochen. Das wurde für die heimischen Erdbeerbauern immer mehr zur Gefahr.

Prof. Werner Dierend, Experte für Obstbau an der Hochschule Osnabrück, beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie der Beerenanbau hierzulande optimiert werden kann. Er meint, ohne Folie wären die deutschen Obstbauern nicht mehr konkurrenzfähig: "Wir haben also im Sommer, im Juni, wenn die Haupternte kommt, aus dem Freiland, dann haben wir viele Erdbeeren auf dem Markt. Die Erzeugerpreise sind niedrig, natürlich auch die Preise für die Verbraucher. Das ist das Schöne. Aber für die Betriebe ist es dann wirklich problematisch. Und wenn jetzt der Angebotszeitraum verlängert wird, zum Beispiel durch Verfrühung, dann kann ein Teil der Ernte auch zu besseren, zu höheren Preisen verkauft werden. Und das ist eindeutig auch ein Vorteil für die Betriebe."

Auch Erdbeerbauer Rolf Haller stellte deshalb die ersten Felder auf Folienanbau um und kann deshalb seine deutschen Erdbeeren bereits Ende April anbieten. Schon da sind die Supermarktketten scharf auf die deutschen Früchte. Denn spanische und italienische sind da schon längst im Verkauf. Bei den deutschen Bauern wächst so der Druck. Doch wenn die den Supermärkten eine Lieferung zusagen, müssen sie auch beliefert werden, Und diese Liefersicherheit gelinge nur mit den Tunneln, so Erdbeerbauer Rolf Haller.

In der Vorsaison bekommt er für seine Erdbeeren von den Supermärkten zwischen 2,20 Euro und 3 Euro pro 500 Gramm Schale. In der Hochsaison fallen die Preise, auf gerade mal ein bis zwei Euro.

Mit Hilfe der Folientunnel und der früheren Ernte können die deutschen Anbauer nun frühzeitiger der ausländischen Konkurrenz Marktanteile abgreifen.

Knapp die Hälfte aller in Deutschland verkauften Erdbeeren kommt aus dem Ausland, vor allem aus Spanien, den Niederlanden und Griechenland.

Grafik: Erdbeerimporte
Knapp die Hälfte der Erdbeeren wird importiert | Bild: SWR

Tunnel und Bio kein Widerspruch

Der Erdbeeranbau im Tunnel in Deutschland ist immer mehr auf dem Vormarsch. Auch wenn die Bauern dafür immer wieder kritisiert werden, wie Rolf Haller berichtet:  "Der Verbraucher sagt, deine Tunnel sind nicht schön. die wollen wir in Deutschland nicht sehen. Die Spritze wollen wir in Deutschland nicht fahren sehen. Aber essen will ich schon gut und nur das Beste." Und so steigt auch die Nachfrage nach deutschen Erdbeeren von Jahr zu Jahr - deutsch, regional und am besten noch bio.

Auch in Eberdingen in der Nähe von Stuttgart hat Biobauer Swen Seemann einen Teil seiner Erdbeerfelder inzwischen übertunnelt. Bioanbau im Tunnel ist für ihn kein Widerspruch: "Für uns ist das […] so eine Art Versicherung, dass wir wenigstens eine gewisse Ernte einfahren. Also man muss bedenken, durch das, dass die Erdbeeren unsere Hauptkultur sind im ganzen Betrieb, und die Erdbeersaison in der Regel im Jahr maximal zehn Wochen dauert und wir eigentlich unsere Umsätze in zehn Wochen generieren, dann braucht man so eine gewisse Sicherheit, dass wir auch wirklich die Ernte einfahren können."

Die Kritik am Tunnelanbau kann er teilweise nachvollziehen. Doch ohne wäre ein Erdbeeranbau in Deutschland kaum mehr möglich.

Unter Klimagesichtspunkten sind deutsche Tunnelerdbeeren deutlich besser als die Tunnelerdbeeren aus Spanien, sagt Obstbauexperte Prof. Werner Dierend von der Hochschule Osnabrück: "Wenn man es ganz kurz sagt, muss man sagen, dass die Produktion jetzt im Tunnel in Deutschland und Spanien energetisch gesehen gar nicht so unterschiedlich ist. Vielleicht klimatisch gesehen in Spanien durch die höheren Temperaturen etwas günstiger, weil der Ertrag etwas höher ist, aber ansonsten sehr ähnlich. Aber dann kommt der lange Transportweg mit Kühlung von Spanien nach Deutschland. Und den müssen wir draufrechnen."

Grafik: 3 Tage Transport im Kühl-LKW aus Spanien
Im Kühl-LKW sind die Erdbeeren aus Spanien 3 Tage unterwegs | Bild: SWR

Bis Erdbeeren aus Spanien in Deutschland ankommen, ist ein LKW rund drei Tage unterwegs. Und bis die Früchte dann wirklich im Verkauf sind, können schon mal fünf Tage vergehen.

Wasserverbrauch und Giftstoffe

Prof. Werner Dierend erläutert außerdem, dass bei den Erdbeeren aus Spanien der Wasserverbrauch in der CO2-Bilanz noch nicht berücksichtigt sei. Insbesondere den hohen Wasserverbrauch sehe er bei den spanischen Erdbeeren kritisch.

Um den langen Transportweg zu überstehen, werden in Spanien außerdem Sorten mit einem härten Fruchtfleisch angebaut. Außerdem werden viel mehr Insektizide eingesetzt.

"Plusminus" hat in einer Stichprobe in Supermärkten und Discountern acht Mal Erdbeeren aus Deutschland und drei Mal spanische und griechische Erdbeeren gekauft. In einem Labor wurden die Erdbeeren auf Pestizide und Insektizide untersuchen.

Das Ergebnis: Bei den spanischen Erdbeeren fand das Labor sogar ein Pestizid, das bei uns nicht mehr zugelassen ist. Auch die deutschen Erdbeerproben hatten teilweise bis zu sechs verschiedene Spritzmittel, allerdings alle weit unter den gesetzlichen Grenzwerten. Nur eine Probe Bioerdbeeren war ganz frei davon.

Die Ergebnisse zeigen wir dem Pestizidexperten Lars Neumeister, der dazu meint: "Ich bin mit den Ergebnissen ganz zufrieden. Man muss diese natürlich im Kontext betrachten, wir haben natürlich Proben, die gar keine Pestizide haben und welche mit sechs Pestiziden. Aber in den Vergleichen zu den früheren Jahren ist das eine deutliche Verbesserung."

Folien und Nachhaltigkeit

Für Bio-Bauer Swen Seemann kommt der Einsatz von Pestiziden nicht in Frage, obwohl der Anbau so schwieriger ist. Er arbeitet mit tierischen Nützlingen. So schützt er die Erdbeerpflanzen vor Krankheiten und Schädlingen. Als Öko-Bauer legt er viel Wert auf Nachhaltigkeit, auch bei den Folien: "Es ist so, dass wir die Folie nicht als Verbrauchs-, sondern als Gebrauchsgegenstand haben, das heißt wir bauen jedes Jahr alle Tunnel komplett ab und die Tunnelfolie kommt dann im Juli wieder runter. Und dann wird sie eingelagert. Und im nächsten Jahr kommt genau die gleiche Folie wieder drauf und das Ganze wiederholt sich fünf bis acht Mal."

Erdbeerernte im Folientunnel
Erdbeeranbau im Folientunnel hält deutsche Bauern wettbewerbsfähig | Bild: SWR

Die Tunnelfolien sind auch bei Erdbeerbauer Rolf Haller mehrere Jahre im Einsatz. Sie wirken sich bei ihm ebenfalls auf den Pestizideinsatz aus. Bei einem so wechselhaften, feuchten Wetter wie im Frühjahr 2021 etwa müsste er im Freilandanbau viel häufiger spritzen als im Tunnel. Sonst droht den Erdbeerpflanzen ein Pilzbefall: "Es regnet und es ist feucht. Und sobald es mehr wie eine Stunde feucht ist, kann der Pilz wachsen. Und es ist immer ein Problem. Und deshalb haben wir hier im Tunnel ganz wenig Probleme. Sie sehen hier kaum faule Erdbeeren, weil die immer geschützt sind vor dem Regen."

Auch wenn der Tunnelanbau für viele kein schöner Anblick ist: Er wird in Deutschland noch weiter zunehmen. Denn er macht die heimischen Erdbeerbauern wettbewerbsfähig gegenüber der Konkurrenz aus dem Ausland. In Jahren wie 2021 etwa gäbe es ohne Folienanbau noch keine deutschen Erdbeeren.

Ein Beitrag von Barbara Hirl
Online-Bearbeitung: Björn Glöckner
Der Beitrag wurde produziert vom Südwestrundfunk (SWR) für "Das Erste".

Stand: 26.05.2021 22:28 Uhr

6 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.