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Fremdwährungskredite

Tausende deutsche Häuslebauer betroffen

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Fremdwährungskredite – Tausende deutsche Bauherren betroffen | Video verfügbar bis 13.06.2019 | Bild: SWR

Vor etwas mehr als zehn Jahren sind freie Finanzvermittler in Neubaugebieten in Süddeutschland unterwegs, auf der Suche nach potenziellen Kunden. Im Auftrag eines österreichischen Finanzinstituts werben sie für so genannte Fremdwährungskredite.

Vertrauen erwecken mit Sparkassenlogo

Wir treffen Evi B. in München-Trudering. Sie hat damals, wie viele andere, einen solchen Kredit abgeschlossen und wollte mit einem Schweizer-Franken-Kredit ihre Doppelhaushälfte finanzieren, unschlagbar günstig. Sie berichtet: "Wir sind ursprünglich angerufen worden, ob wir Interesse hätten und dann wurde uns ein Termin genannt und dann kamen eben zwei Damen zu uns ins Haus. Die eine war von der Bank, hatten wir gedacht, und die andere Dame war die Vermittlerin."

Die angebliche Bankmitarbeiterin legte ein Dokument des österreichischen Finanzinstituts vor, der S-Immofin, darauf das typische Sparkassenlogo. Für Evi B. wirkte alles seriös: "Es ist uns versprochen worden, dass wir durch diesen Währungstausch oder Wechseltausch, den man immer wieder vornehmen kann, die Kreditsumme schneller abzahlen kann. Wir haben eigentlich nur verloren. Wir hätten vielleicht jetzt noch einen Minimalbetrag zum abbezahlen, aber funktioniert halt nicht."

Der supergünstige Kredit hatte für sie ein teures Ende. Eine sechsstellige Summe muss sie draufzahlen.

Sie hat Evi B. damals überzeugt: Gabriele Zobel aus der Nähe von Ingolstadt. Rund 200 Kunden hat die ehemalige Beraterin der österreichischen S-Immofin vermittelt und damit gutes Geld verdient. Inzwischen kommen ihr Zweifel an der damaligen Geschäftspraxis. Erstmals gibt sie ein Interview und sagt unter anderem: "Ich hatte zeitweise Untervermittler, die für mich gearbeitet haben. Das waren bestimmt 15 bis 20, bei mir…" Und sie sagt, wie sie Ihre Arbeit empfand: "Wir tun was Gutes, das lief super."

Österreichische Banker in Bayern?

Wir bitten den zuständigen österreichischen Sparkassenverband um eine Stellungnahme. Die Antwort: "Die Kunden sind von sich aus auf uns zugekommen" ... behauptet man und weiter heißt es: Die S-Immofin sei ausschließlich von Österreich aus tätig geworden.

Doch Gabriele Zobel erzählt uns etwas anderes: Regelmäßig sei eine Mitarbeiterin aus Österreich zu ihr gekommen: "Wir haben dann bei mir zu Hause Kunden angerufen, frei aus dem Telefonbuch und aus der Telefon CD und haben gefragt, ob Sie Interesse an Darlehen haben …"

Logo der "Ersten Bank"
Welche Rolle spielt die "Erste Bank" | Bild: SWR

Wir treffen Fahrschullehrer Hannes F. in München. Auch er hat einen solchen Kredit in Schweizer Franken abgeschlossen. Die Methode der Vermittler ist ähnlich: "Die Anbahnung war bei mir in München. Der Herr kam aus Österreich, aus Kufstein, zu mir nach München rein, hat mir diese ganzen Formalitäten erklärt. Also man hat zwei Dinge: Euro und Schweizer Franken. Dann hat man nach den Risiken gefragt. Risiken waren überhaupt kein Problem, weil auf der einen Seite Schweizer Franken und auf der anderen Seite Euro. Da war die damalige Antwort, wollen Sie mich irgendwo herumführen, wir haben kein Risiko."

Das Risiko sei also heruntergespielt worden. Und was Hannes F. erst später bemerkte: Den Kreditvertrag hat er nicht mit der S-Immofin, sondern mit der österreichischen "Erste Bank" abgeschlossen. Diese hat er erst kurz vor der Unterschrift zum ersten Mal gesehen. Kaum war der Vertrag unterschrieben, begann für ihn und andere das Desaster:

Der Euro gab gegenüber dem Schweizer Franken nach, die Kredite verteuerten sich, bis heute um 25 Prozent. Auch Hannes F. muss gewaltig draufzahlen, fast 100.000 Euro, wie er angibt.

Die Verantwortlichen weisen jede Schuld von sich. Die Aufklärung über das Risiko sei in Informationsblättern erfolgt und auch in mündlichen Gesprächen, heißt es.

Detektivarbeit zu den Hintergründen

Grafik: Östereichische Bankberater ziehen durch Deutschland
Das Bankennetz um S-Immofin soll Berater nach Deutschland entsendet haben | Bild: SWR

Hinter der S-Immofin steckten mehrere Gesellschafter, alles Banken aus dem österreichischen Sparkassenverbund. Die S-Immofin warb selbst oder mit freien Finanzvermittlern vor allem in Süddeutschland um neue Kunden.


So sollen rund 14.000 Fremdwährungskreditverträge abgeschlossen worden sein

Wirtschaftsdetektiv Medard Fuchsgruber hat im Auftrag etlicher Kreditnehmer diese Vorgänge untersucht. Seine Analyse: Die Verluste für die Betroffenen sind dramatisch: "Das Finanzierungsvolumen etwa, wenn man das konservativ, also niedrig rechnet, ist man bei S-Immofin leicht bei einer Milliarde, die hier finanziert wurde und der Schaden 25 bis 50 Prozent." Man müsse von Schadenssummen zwischen 250 bis 500 Millionen Euro ausgehen, bestätigt der Detektiv auf Nachfrage.

Dem Wirtschaftsdetektiv liegen Gutachten vor, die Gerichte inzwischen dazu in Auftrag gegeben haben. Daraus geht hervor, dass die Verluste bei den Kreditnehmern nicht nur aus Währungsverlusten herrühren, sondern wohl auch aus versteckten Provisionen: "Die Realität wird heute erst langsam den Einzelnen bewusst, dass erstens er nicht über eine Bank gezeichnet hat, des Weiteren stellt er fest in den Gutachten, die jetzt über diese komplizierte Finanzierung erstellt werden, jetzt plötzlich Zinssätze über mehr als zehn Prozent auftauchen."

Grafik: Kursverfall Franken-Euro
Ungünstige Kursentwicklung für Fremdwährungskredite | Bild: SWR

Die ehemalige Finanzvermittlerin Gabriele Zobel erläutert dazu: "Diese ganzen versteckten Gebühren hat die Bank ja nicht in den Effektivzins eingerechnet, sonst hätte ja der Kunde diesen hohen Zinssatz gesehen." Der tatsächliche Zinssatz, alles eingerechnet, hätte zwischen 9 und 13 Prozent gelegen, so die ehemalige Vermittlerin.

Suche nach den Verantwortlichen

Die S-Immofin ging inzwischen in der Bausparkasse der Sparkassen auf. Sie ist die Rechtsnachfolgerin und damit heute verantwortlich. Der Verband weist die Vorwürfe zurück, spricht von einer "üblichen und gesetzlich zulässigen Abgeltung für den Beratungsaufwand". "Eine Verteuerung" habe sich dadurch "nicht ergeben", erwähnt dann jedoch eine zusätzliche "bonitätsabhängige Marge“.  Damit gibt das Unternehmen also höhere Kosten für den Kunden zu.

Versteckte Gebühren in den Kreditverträgen, höhere Zinsen. Doch das ist noch nicht alles. Der Redaktion liegt ein internes Papier des Instituts vor: Handlungsanweisungen an Mitarbeiter. Danach sollen diese im Gespräch mit den Kunden keine Banknamen nennen und, es wird deutlich, die S‑Immofin übernahm auch bankübliche Tätigkeiten wie Bonitätsprüfungen etwa.

Doch hätte die Sparkassen-Tochter so überhaupt tätig werden dürfen? Der Redaktion liegt dazu ein Statement des Bundesamtes für Finanzaufsicht BaFin vor. Die hatte das Institut geprüft. Das Ergebnis: "Eine Erlaubnis (…) zum Betreiben von Bankgeschäften (…) besteht und bestand für die Gesellschaft nicht."

Also eine österreichische Bankengesellschaft, die zum Betreiben der Geschäfte nicht einmal eine Berechtigung hat. Wie ist das zu bewerten?

Wir treffen den internationalen Finanzexperten Helge Quehl. Er kennt einige Fälle und auch die Gutachten. Sein Fazit: "Die Bank muss sich hier an dieser Stelle, aus meiner Sicht, klar die Haftung zurechnen lassen und ich bin überzeugt, dass durchaus hier auch im Managementbereich eine Haftung ist, eine Organhaftung einsetzt."

Finanzgeschäfte ohne Erlaubnis: Die Geschädigten hoffen daher, einen großen Teil ihrer Verluste einklagen zu können. Die Geschäfte des österreichischen Sparkassen-Instituts werden jetzt deutsche Gerichte beschäftigen.

Stand: 31.07.2018 12:08 Uhr

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