SENDETERMIN Mi., 25.03.20 | 22:05 Uhr | Das Erste

Gefälschte Bewertungen

Florierende Geschäfte mit gekauften Sternen

PlayGrafik: Amazon-Warenkorb und Bewertungssterne
Gefälschte Bewertungen | Video verfügbar bis 25.03.2021 | Bild: SWR

  • - Falsche Bewertungen sind ein gutes Geschäft für Bewerter und Auftraggeber.
  • - Nutzer kaufen Produkte, bewerten diese positiv und bekommen den Kaufpreis erstattet.
  • - Fake-Bewertungen sind illegal, aber schwer nachzuweisen. Händler tun viel dagegen, aber offenbar noch nicht genug.

Produkte im Wert von mehreren hundert Euro, und das quasi gratis. Unser Reporter Julian ist für "Plusminus" in ein lukratives Geschäftsmodell eingestiegen: Das Geschäft mit gefälschten Bewertungen bei Amazon-Marketplace.

Geschäft mit Fake-Bewertungen blüht im Verborgenen

Verschiedene Bewertungen
Bewertungen beeinflussen das Kaufverhalten | Bild: SWR

Seine Recherche beginnt vor einigen Monaten mit einem Link, den er von einem Zuschauer bekommen hat. Der Link führt Julian in einen WhatsApp-Gruppenchat. Angeblich sollen hier Amazon-Kundenbewertungen gehandelt werden. Die Gruppe nennt sich "Produkttester Testen DE 2". Tatsächlich bieten mehrere Vermittler Produkte an: Glühbirnen, Lichterketten, Handyhüllen, Bluetooth-Boxen und vieles mehr.

Unser Reporter entscheidet sich für ein Bartöl für knapp 16 Euro. Und beginnt den Chat mit dem Vermittler. Dabei heißt es unter anderem, dass er es gern bestellen und nach mindestens acht Tagen die Bewertung schreiben könne. Julian kauft das Bartöl über seinen privaten Amazon-Account.

Wie wichtig sind Kunden die Produktbewertungen?

In einer kurzen Umfrage berichten uns Verbraucher, dass sie beispielsweise oft auf die Rezensionen schauen, wie viele es gibt und wie gut sie sind. Und auch, dass sie beim Kauf eher zu einem gut bewerteten Produkt greifen als zu einem scheinbar weniger guten, da sie glauben, andere Nutzer hätten damit schon bessere Erfahrungen gemachtden Bewertungen der anderen Nutzer vertrauen.

Die Bewertungen von anderen Kunden sind also ein wichtiges Kaufkriterium für Verbraucher.

Unser Reporter hat mittlerweile sein Päckchen mit dem Bartöl bekommen, made in China. Die Qualität ist für ihn ok, aber nicht berauschend. Er fragt beim Vermittler nach, wie er das Bartöl nun bewerten soll. Da heißt es, er solle fünf Sterne geben und mindestens 15 Worte dazu schreiben.

Das Produkt überzeugt Julian nicht wirklich, aber nur wenn er dem Produkt fünf Sterne gibt und eine positive Produktbewertung schreibt, soll er sein Geld zurückerhalten.

Und tatsächlich: Wenige Tage später bekommt er die Kosten des Bartöls abzüglich der Paypal-Gebühren rückerstattet. Der Absender kommt aus China.

Sind solche Fake-Bewertungen legal?

Fake-Bewertung echter Käufe
Fakebewertung echter Käufe | Bild: SWR

Um herauszufinden, ob dieses Geschäft legal ist, trifft Julian den Youtuber und Rechtsanwalt Christian Solmecke. Er kennt sich mit Internet- und Wettbewerbsrecht aus und erklärt: "Die Händler, die sich hier diese Bewertungen einkaufen, die verhalten sich tatsächlich illegal. Denn die verzerren damit den Wettbewerb und täuschen den Verbraucher. Es müsste natürlich gekennzeichnet sein, dass das hier eine gekaufte Bewertung ist und deswegen ist das wettbewerbsrechtlich nicht ok, was die Händler hier machen."

Was unternimmt Amazon dagegen?

Rechtsanwalt Christian Solmecke sagt dazu: "Amazon sind solche Fake-Bewertungen schon ein Dorn im Auge, denn wir alle verlassen uns ja darauf, dass diese Bewertungen von Amazon gut sind. Die Bewertungen sind Teil von Amazons Geschäftsmodell. Aber es ist verdammt schwierig, solche Fake-Bewertungen zu erkennen, denn die Bewertungen werden von Privat-Accounts, also ganz normalen Accounts abgegeben. Und da scheint Amazon im Moment noch nicht die Technologie zu haben, die Spreu vom Weizen zu trennen."

Julian beschließt nun groß ins Fake-Bewertungs-Business auf dem Amazon Marketplace einzusteigen, schaut nach Angeboten in der WhatsApp-Gruppe und shoppt was das Zeug hält. Er will herausfinden, ob die gefälschten Bewertungen irgendwann auffallen.

Sein Ziel: Waren im Wert von mehr als 500 Euro zu bestellen und das Geld wieder zurücküberwiesen zu bekommen.

Unser Reporter wird zum fleißigen und zuverlässigen 5-Sterne-Bewerter. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Glühbirnen, Akkubohrer, Fahrradpumpen, Mikrofone und vieles mehr.
Seine Fake-Bewertungen stehen bei Amazon-Marketplace und beeinflussen andere Verbraucher. Nach anderthalb Monaten hat er bereits rund 380 Euro zurück überwiesen bekommen und fast immer führt die Spur nach China.

Bewertungen als Geschäftsbestandteil

Paket Made in China
Oft führt die Spur nach China | Bild: SWR

Doch warum sind gerade die chinesischen Händler so aktiv im Geschäft mit den gefälschten Bewertungen? Julian trifft sich in Kaiserslautern mit Mark Steier. Der Experte für E-Commerce kennt die Branche seit Jahren: "Die Chinesen sind sehr pragmatisch in den Dingen, die sie tun. Sie wissen, dass mehr Rezensionen, mehr Bewertungen auch mehr Sichtbarkeit bedeuten und sie somit einfacher Zutritt in den deutschen Markt erhalten. In China herrscht ein anderes Bewusstsein, ein anderer Wert für den einzelnen Amazon-Händler-Account. Dort ist es in der Regel so, dass eine Firma zig Händler-Accounts hat. Das heißt, wenn einmal einer gesperrt wird, dann ist das nicht so schlimm. Made in China ist bisweilen immer schwierig gewesen. Das ist jetzt keine neue Entwicklung. Aber ist tatsächlich so, dass sie versuchen, diesen Malus, das schlechte an ihrem Produkt wegzubringen, durch Rezensionen."

Auf die Frage, ob man Amazon einen Vorwurf machen könne, zu wenig dagegen zu tun, meint der Experte: "Mit Sicherheit muss man auch sehen, dass Amazon daran auch Geld verdient, an den Transaktionen, die hier stattfinden. Das heißt, es ist ihr ureigenstes Interesse, dass Transaktionen funktionieren. Und ich glaube, dass Amazon strengere Regeln an den Marktplatz legen könnte."

Maßnahmen bleiben im Verborgenen

Gerne hätte unser Reporter in einem Interview mit Amazon über seine Recherchen gesprochen. Doch daran hatte das Unternehmen kein Interesse. Man teilt uns mit, dass Amazon Programme einsetze, die wöchentlich mehr als 10 Millionen Rezensionen analysieren. Außerdem heißt es:

»Wir haben Tausende (...) verklagt, weil sie versucht haben, unser Bewertungssystem zu missbrauchen, und wir werden sie weiterhin zur Rechenschaft ziehen.«

Amazongelände und Bewertungssterne
Wirklich vertrauen kann man den Sternen nicht | Bild: SWR

Wie gut der Amazon Algorithmus tatsächlich ist und wie viele Fake-Bewertungen auf dem Marketplace stehen, ist unklar. Julians Recherche zeigt aber, dass man 5-Sterne-Bewertungen bei Amazon nicht immer trauen kann, für manche Amazon-Kunden ein Schock. Nach neun Wochen hat Julian Waren im Wert von mehr als 500 Euro über Amazon gekauft und den Kaufpreis wieder zurücküberwiesen bekommen. Einige seiner Fake-Bewertungen hat Amazon tatsächlich erkannt und offline genommen. Die anderen, die immer noch im Netz stehen, wird er selbst löschen, damit wenigstens auf die kein Verbraucher mehr hereinfällt.

Übrigens: Viele der Tipps, falsche Bewertungen zu erkennen, die sich auf manchen Seiten im Internet finden, nützen nur wenig oder nichts. Die Auftraggeber der falschen Bewertungen richten sich danach und passen ihr Vorgehen an. So soll zum Beispiel der verifizierte Kauf bei Amazon Sicherheit geben. Doch inzwischen kaufen die Fake-Bewerter, so wie Julian, die Produkte bei Amazon, sind also verifizierte Käufer. Auch besonders lange Bewertungen, vor denen teilweise gewarnt wird, gibt es kaum noch. Wie unser Reporter ebenfalls zeigte, sind nur noch kurze Bewertungen gewünscht. Aber immerhin können Sie bei einer großen Zahl schlechter Bewertungen darauf vertrauen, dass das Produkt wirklich nicht besonders gut ist. Und sehr viele gute Urteile geben etwas Sicherheit.

Stand: 25.03.2020 22:28 Uhr

7 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.