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Heimisches Gemüse

Preiskampf zu Lasten deutscher Bauern

PlayGrafik: Apfelbaum
Heimisches Gemüse | Video verfügbar bis 15.11.2019 | Bild: SWR

– Trotz guter Ernte finden sich in Supermarktregalen noch wenig Obst und Gemüse aus deutschem Anbau, sondern viel Importware.
– Landwirte bekommen vom Lebensmittelhandel die Preise diktiert, mit denen sie kaum wirtschaften können. Einige mussten schon aufgeben.
– Der Handel bietet lieber Designer-Sorten an, als herkömmliche, regional wachsende Sorten.

Die Region um den Bodensee zählt zu den apfelreichsten in ganz Deutschland. In diesem Jahr gab es sogar eine Rekordernte. Doch in den örtlichen Supermärkten finden sich bei unserem Besuch kaum heimische Äpfel. Stattdessen gibt es in vielen Supermärkten Äpfel aus Südafrika, Argentinien, Spanien, Chile und Neuseeland. Ein ähnliches Bild bietet sich in Supermärkten auch an anderen Orten. Ähnlich bei Gemüse: Kartoffeln aus Belgien, Frankreich, Paprika aus Marokko, Gemüse aus aller Welt. Viele Kunden erwarten eigentlich bei Sorten, die hier wachsen, auch deutsche Produkte.

Preise und volle Lager

Doch warum gibt es in den Supermärkten so viel ausländisches Obst und Gemüse? Wir treffen einen Apfelbauern. Vor der Kamera möchte er nicht erkannt werden, denn er fürchtet Probleme beim Verkauf seiner Ware. Seit 30 Jahren baut er Äpfel wie Braeburn, Gala, Elstar und Booskop an und sagt: "Wir haben dieses Jahr eine sehr reiche Apfelernte mit den schönsten Früchten, schönsten Qualitäten, gut ausgereift, eigentlich eine große Freude."

Doch der Kunde im Supermarkt hat davon wenig. Denn beispielsweise zwei Hauptabnehmer aus dem Lebensmitteleinzelhandel sollen noch zu viele Äpfel aus dem Ausland auf Lager haben. Die heimischen Äpfel kommen deshalb erst jetzt so langsam ins Regal. Dabei ist die Ernte schon fast drei Monate her.

Äpfel auf einer Kiste vor einer heimischen Obstplantage
Verliert deutsches Obst und Gemüse im Preiskampf? | Bild: SWR

"Die Konsequenz ist, dass wir mit sehr viel Ware im Rücken gezwungen sind, sehr schnell zu verkaufen, damit wir die gesamte Menge übers Jahr bis nächsten August auch wirklich loswerden. Wenn nicht, bleibt Ware übrig, die dann nicht mehr verkäuflich ist. Das ist existenzgefährdend, das geht an die Schmerzgrenze vieler Betriebe," berichtet der Apfelbauer.

Für den Apfelbauern heißt das, die Apfelpreise geraten noch mehr unter Druck. Seine Einnahmen werden immer geringer. Dieses Jahr sind es gerade mal noch zehn Cent fürs Kilo. Doch: "Für zehn Cent kann man keine Äpfel produzieren, man braucht Produktionskosten von mindestens 45 Cent. Das heißt für uns, du legst drauf. In der Art Vermarktung kann man nicht existieren."

Wie lange er unter diesen Bedingungen noch Äpfel anbauen kann, ist ungewiss.

Preisdiktat der Lebensmittelketten

Droht dem Apfelbauern ein ähnliches Schicksal wie Herman Reber? Wir sind im rheinland-pfälzischen Ruchheim. 35 Jahre lang hat Hermann Reber hier Blumenkohl, Kohlrabi und Salat angebaut. Doch inzwischen hat er seine Felder verpachtet. Der ehemalige Landwirt berichtet: "Als wir den Betrieb, meine Frau und ich von meinen Eltern übernommen haben, da war noch Aufbruchstimmung, da war noch eine Aufbruchstimmung, da kann man noch sagen, da war der Gemüsebauer noch eine Erfolgsstory gewesen."

Sein Gemüse lieferte er damals an eine Genossenschaft. Doch das Geschäft mit den Nahrungsmitteln wurde immer rauer: "Der Lebensmitteleinzelhandel ist ganz einfach so, er diktiert uns die Preise, das ist der Missbrauch, den er macht. Es gibt keine Preisfindung, die manchmal bei geringerem Angebot auch uns erlauben würde, bessere Preise zu erzielen. Das wird nicht akzeptiert vom Lebensmitteleinzelhandel."

Am Schluss bekam er für einen Salatkopf gerade mal noch 20 bis 25 Cent. Und der Druck nimmt immer weiter zu, weiß er von seinen ehemaligen Kollegen und berichtet: "Der Lebensmitteleinzelhandel kauft dort zu, wo er die Ware am günstigsten kriegt. Er achtet nicht auf uns. Er lässt uns eiskalt hier sitzen auf unserer Ware. Zum Beispiel dieses Jahr hatten wir ausreichend Fenchel und Zucchini in guten Qualitäten auch zu liefern und wir konnten nicht liefern, weil die günstigere Ware aus Südeuropa in die Geschäfte gelegt wurde."

Anbaukosten und Design-Obst

An der Technischen Universität München treffen wir den Landwirt und Agrarforscher Dr. Sebastian Rahbauer. Für ihn sind solche Schicksale nicht verwunderlich. Auch er glaubt, dass die deutschen Erzeuger in Konkurrenz zum Ausland kaum noch Chancen haben: "Zum einen haben wir extrem hohe Produktionskosten in Deutschland, durch die sehr hohen Flächenkosten, durch den Mindestlohn, durch die allgemeinen Betriebsmittel, die in Deutschland einfach wesentlich teurer sind als im Ausland. Hinzukommt noch, dass wir die strengsten gesetzlichen Standards haben und diese Standards werden dann durch noch strengere Standards des Lebensmitteleinzelhandels ergänzt. Und das machen sich ausländische Produzenten eben zum Vorteil und können günstiger produzieren als wir hier in Deutschland."

Vier verschieden Äpfel mit den Labeln der Designer-Äpfel
Die Designer-Äpfel verkaufen sich gut, und teuer | Bild: SWR

Und statt heimisches Gemüse und Obst in die Regale zu bringen, pushen Supermärkte gerne Designer-Äpfel wie Pink Lady, Modi, Jazz oder Ambrosia, so genannte Clubsorten. Die Marketingkampagnen scheinen zu funktionieren, die Kunden springen auf die neuen Sorten an und kaufen eher diese als herkömmliche. Offiziell sollen mit den Design-Äpfeln neue Geschmacksrichtungen kreiert werden. Doch diese Äpfel lassen sich auch teurer verkaufen. Das Kilo Pink Lady kostet zum Beispiel bis zu 4,30 Euro. Heimische Äpfel kosten weniger als die Hälfte.

Für deutsche Obstbauern werden solche Designersorten zunehmend existenzgefährdend, wie uns der Apfelbauer berichtet: "Es gibt Entwicklungen, dass der Handel selber in die Produktion einsteigt. Da sind wir als viele Bauernbetriebe auch eher störend und das sind die Tendenzen, die sich im Hintergrund entwickeln, wenn nicht die gesamte Gesellschaft mit den Verbrauchern dem entgegenwirkt."

Der Apfelbauer und Hermann Reber sind keine Einzelfälle. Wenn der Lebensmitteleinzelhandel weiter so mit dem Schicksal der deutschen Landwirte spielt, werden die Auswirkungen uns alle betreffen. Der Agrarökonom an der Technischen Universität München Dr. Sebastian Rahbauer meint: "Dann ist das mit ein Grund dafür, dass kleinere Produzenten in Deutschland einfach nicht mehr überleben können, dass die Branche auch unattraktiver wird, dass die Nachfolge fehlt und dadurch machen wir uns zum Teil auch vom Ausland abhängig."

Ob der Anteil ausländischer Ware weiter zunimmt, liegt also auch in der Hand der Verbraucher. Denn nur wer beim Einkauf genau hinschaut, kann Einfluss nehmen auf das Angebot und die Zukunft der heimischen Landwirtschaft.

Stand: 15.11.2018 08:28 Uhr

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