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Schmutziges Holz

Illegales Holz aus der Ukraine in deutschen Produkten

PlayGrafik: Illegale Holzimporte
Schmutziges Holz | Video verfügbar bis 15.11.2019 | Bild: SWR

– In der Ukraine werden häufiger Bäume illegal gefällt, besonders in den Karpaten, einem der letzten Urwälder.
– Herstelle und Händler müssen die Herkunft von Holz zwar prüfen, aber nicht deklarieren.
– Möglicherweise sind in der Ukraine auch Behörden in den illegalen Holzhandel verstrickt.
– Das illegale Holz gelangt über Rumänien nach Europa und in deutsche Geschäfte.

Zufällig entdeckt ein Umweltaktivist Baumfällarbeiten in den ukrainischen Karpaten. Eigentlich dürfte in diesem Gebiet nicht gefällt werden. Ein lokales Kamerateam filmt. Sie vermuten illegale Fällungen und rufen die Polizei. Die Holzfäller bekommen nur wenige Minuten später einen Anruf und türmen daraufhin hektisch. Als der Naturschützer die Polizei schließlich zu der Stelle führt, sind die Täter über alle Berge. Und das aus gutem Grund: "Natürlich ist das illegal.", erklärt ein Polizist. Überall sind frische Schnittstellen, notdürftig getarnt.

Häufige illegale Fällungen

Wir fahren nach Kiew. Hier sind wir mit Dmytro Karabchuk verabredet. Der Aktivist erzählt uns: Illegale Holzgewinnung wie diese sei in der Ukraine an der Tagesordnung. In den vergangenen anderthalb Jahren haben er und seine Kollegen rund 1.600 Hektar Wald überprüft.

Dmytro Karabchuk vom WWF Ukraine erläutert dazu: "Wir haben 314 Verstöße festgestellt in diesen Gebieten. Rund sieben Prozent aller Arbeiten waren illegale Fällungen."

Große Flächen sind bereits gerodet
Große Flächen sind bereits gerodet | Bild: SWR

Kahlschlag gibt es vor allem in den Karpaten. Europas letzter Urwald wird gerodet, manchmal sogar mit Genehmigung. Der Trick: Ein angeblich kranker Baum mitten im Wald muss gefällt werden. Doch um dort hinzukommen, schlagen die skrupellosen Holzfäller breite Schneisen in den Urwald und machen so eine gewaltige Holzausbeute, Waldschutzauflagen hin oder her.

Ziel des ukrainischen Holzes ist auch Deutschland, sagt Johannes Zahnen, Holzexperte beim WWF: "Wir wissen, dass es in der Ukraine sehr viel Korruption gibt, sehr viel illegalen Holzeinschlag. Es gibt viele Hinweise auf illegalen Holzexport aus der Ukraine."

Holzherkunft wird häufig nicht deklariert

Zusammen mit ihm gehen wir in verschiedene Bau- und Möbel-Märkte und wollen herausfinden, woher das Holz in Möbeln, Brettern und Dekoartikeln stammt. Schnell wird klar, Kunden werden über die Holzherkunft fast immer im Dunkeln gelassen, so wie bei einem Kinderhocker von IKEA.

Johannes Zahnen erläutert: "Es ist nicht deklariert, wo das Holz herkommt. Also weder wo er produziert wurde, noch wo das Holz herkommt." Das ist in Deutschland auch nicht vorgeschrieben. "Das ist aus Sicht des WWF ein Riesenproblem und ein Fehler," so der WWF-Holzexperte.

Auch wenn es nicht draufsteht, muss der Hersteller laut Europäischer Holzhandelsverordnung prinzipiell überprüfen, ob das Holz legal beschafft wurde. Kurios: Sitzmöbel wie der Hocker sind davon ausgenommen. Auf Nachfrage teilt uns IKEA mit: "Das Holz für dieses Produkt stammt aus Polen und China."

Auch ein Holzblock bei Bauhaus, der als Hocker oder Beistelltisch verwendet werden kann, trägt keine Herkunftsbezeichnung. Wir haken beim Verkäufer nach, der ist sich sicher, der Holzblock kommt aus Rumänien.

Bei Poco finden wir diesen Tisch. Hier ist sogar die Holzart falsch deklariert: Buche. Johannes Zahnen vom WWF meint aber: "Das ist ein Eichentisch. Da haben wir jetzt eine falsch deklarierte Holzart. Wobei, das ist so offensichtlich und krass, diese Falschdeklaration." Das lässt sich auch anhand der Vergleichstafel feststellen, nicht jedoch für den Verkäufer. Er beharrt darauf, dass es Buche ist. Erklärt die dunkle Farbe mit der Ölung. Die Herkunft des Holzes kennt der Verkäufer nicht. Auch im Computer-System ist das nicht hinterlegt. Auf unsere Nachfrage gibt es von Poco keine Antwort.

Um herauszufinden, ob sich möglicherweise falsch deklariertes Holz aus der Ukraine in deutschen Geschäften findet, kaufen wir bei zehn verschiedenen Märkten Holzprodukte ein. Die Proben lassen wir in einem Speziallabor anhand von so genannten Isotopen überprüfen. So kann festgestellt werden, woher das Holz ursprünglich stammt.

10 Holzprodukte wurden auf ihr Herkunft getestet
10 Holzprodukte wurden auf ihr Herkunft getestet | Bild: SWR

Sind ukrainische Behörden in den Holzhandel verwickelt?

Während die Untersuchungen laufen, fliegen wir nach London. Hier, in der englischen Hauptstadt, arbeitet Sam Lawson. Der Umweltschützer hat zwei Jahre lang zum Thema Holz in der Ukraine recherchiert und festgestellt, dass die ukrainischen Behörden tief in die illegalen Holzgeschäfte verwickelt sind.

Sam Lawson von der Umweltschutzorganisation Earthsight erläutert: "Viel von dem Holz wird von offiziellen Stellen gefällt. Fast der ganze Wald in der Ukraine gehört den Behörden. Die staatliche Forstverwaltung ist von allen am korruptesten und sieht noch keine Notwendigkeit für Reformen."

Bei der staatlichen Forstverwaltung in Kiew ist man sich keiner Schuld bewusst. Hier spielt man das Problem der illegalen Fällungen herunter. Volodymyr Bondar von der Staatlichen Forstverwaltung sagt: "Wir werden mit Fragen zu illegalen Fällungen von Zeit zu Zeit konfrontiert. Dieses Problem existiert in der Ukraine in gewissem Umfang. Aber ich kann nicht sagen, dass das so ein großes Problem ist, wie es von manchen Experten dargestellt wird. Will heißen, das Problem erreicht ein Prozent von der Gesamtzahl der Abholzung. Aber es gibt es in der Ukraine."

Grafik: Ukraine exportiert mehr Holz, als Sägewerke verarbeiten
Die Ukraine exportiert mehr Holz als dei Sägewerken offiziell verarbeiten | Bild: SWR

Sam Lawson dagegen schätzt nach seinen Recherchen die Zahl der illegalen Fällungen auf rund 40 Prozent. Nicht verwunderlich, dass die Ukraine weit mehr Schnitt-Holz exportiert, als ihre Sägewerke offiziell produzieren. Ein Teil des ukrainischen Holzes landet auch in Deutschland. Er meint: "Da ist fast sicher hochriskantes ukrainisches Holz im Verkauf in verschiedenen deutschen Geschäften. Der größte Importeur in die EU ist die österreichische Firma Egger. Das ist einer der größten Holzplatten-Hersteller in der Welt. Und der größte Kunde von Egger ist IKEA."

Ergebnisse der Laboruntersuchung von Holzmöbeln

Bei dem IKEA-Kinderstuhl sollte das Holz aus Polen oder China kommen. Tatsächlich kommt es nach der Laboranalyse aus Russland! Am wahrscheinlichsten ist eine Herkunft aus der Region Krasnojarsk in Sibirien. Auch dort blüht illegaler Holzschlag.

Johannes Zahnen vom WWF erklärt: "Wenn jemand die Herkunft nicht kennt, ist das kein Beweis für Illegalität, aber ein Indikator, dass hier was schiefgegangen ist. Und wenn das Herkunftsland mit Risiken wie illegalem Holzeinschlag ein Problem hat, ist das Risiko für solches Holz eben sehr hoch."

Auf erneute Nachfrage bestätigt uns IKEA die Herkunft Russland, spricht von einem Missverständnis: "In unserer ersten Antwort an Sie haben wir irrtümlicher Weise die Länder genannt, in denen der Stuhl produziert wird und nicht die, aus denen das verarbeitete Holz stammt."

Auch bei dem Holzblock von Bauhaus stimmt die Herkunftsangabe nicht, laut Bauhaus sollte er aus Rumänien sein. Die Isotopen des Holzes deuten auf eine Herkunft aus dem Nachbarland Ukraine hin, möglicherweise sogar der Region Tschernobyl. Holzexperte Johannes Zahnen meint: "In diesem Fall ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, das ist illegales Holz aus der Ukraine."

Bauhaus gibt sich überrascht und schreibt wörtlich: "Auch wenn wir überzeugt sind, dass es sich bei dem Produkt um eine Quelle aus legalem Holzeinschlag handelt, nehmen wir Ihre Behauptung ernst und haben aus diesem Grund eine eigene Isotophenanalyse in Auftrag gegeben."

Zwei von zehn Produkten unserer Stichprobe stammen aus Regionen, in denen mit illegalem Holz gehandelt wird.

Der Holzweg nach Europa

Holzumschlag in Rumänien
Über Rumänien gelangt das illegale Holz nach Europa | Bild: SWR

Doch wie gelangt solches Holz zu uns? Das Tor in die EU ist Rumänien. Dorthin fahren täglich mit Holz beladene Züge, offiziell deklariert als Brennholz. Denn der Export von unbearbeitetem Rundholz aus der Ukraine ist verboten. Johannes Zahnen erläutert dazu: "Die Regierung in der Ukraine hat aus Verzweiflung über den hohen illegalen Holzexport einen Bann, also ein Exportverbot, erlassen für Rundholz, um dieses Problem einigermaßen in den Griff zu bekommen. Es gibt aber viele Hinweise, dass korrupte Strukturen beim Zoll, bei der Polizei, weiter dafür sorgen, dass illegal Holz das Land verlässt."

Der Verdacht: Das Holz wird einfach umdeklariert. Viele große Verarbeiter, wie der österreichische Holzkonzern Schweighofer, betreiben in Rumänien direkt hinter der ukrainischen Grenze riesige Sägewerke.

Wir treffen den rumänischen Investigativ-Journalisten Hans Hedrich. Er hat lange zum Holzgiganten Schweighofer recherchiert. Der beliefert unter anderem IKEA. Gegen Schweighofer wird in Rumänien inzwischen ermittelt. Der Journalist berichtet: "Es wurde nachgewiesen, dass Schweighofer massivst illegal Holz geschlagen und verarbeitet hat. Es gibt inzwischen Hausdurchsuchungen. Es stehen auch Strafprozesse an, wahrscheinlich. Und nicht zuletzt hat Schweighofer auch die FSC-Zertifikate in Rumänien verloren. Das heißt, diese Nachhaltigkeitszertifikate hat einer der Lieferanten für IKEA-Möbel nicht mehr."

Illegale Fällungen in der Ukraine, verbotene Transporte nach Rumänien, falsche Deklarationen in Deutschland: Experte Sam Lawson meint, das europäische Holzgesetz, das illegale Importe eindämmen sollte, zeigt kaum Wirkung. Die Kontrollen versagen.

Und weiter: "Holz aus der Ukraine kommt überall vor. Es ist in ihrem Boden, in ihren Wänden, im Dach ihres Hauses. Es steckt im Papier, das sie nutzen, im Kopierpapier oder in der Zeitung. Es ist ein relativ günstiges Holz, deshalb steckt es praktisch überall drin."

Doch solange das europäische Holzgesetz nicht funktioniert, sind die Verbraucher machtlos.

Stand: 15.11.2018 09:15 Uhr

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