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Kälber zum Schleuderpreis

Wie Corona Landwirte unter Druck bringt

PlayGrafik: Kälber
Kälber zum Schleuderpreis | Video verfügbar bis 04.08.2022 | Bild: SWR

  • · Kälber sind für Milchbauern ein Abfallprodukt der Milchproduktion. Für die Tiere bekommen sie kaum Geld.
  • · Die Kälberaufzucht lohnt sich in Deutschland durch günstige Fleischimporte kaum. Sogar Bio-Bauern haben mit den Kälbern der Milchkühe Absatzschwierigkeiten.
  • · Nur Kälber von Milchkühen und Bullen von Fleischrassen bringen den Landwirten noch Gewinn.

Die Bäuerin des Wendelinushofs im Westerwald zeigt uns ihren Milchviehbetrieb und will auf ein grundlegendes Problem aufmerksam machen. Sie hält hier 40 Kühe. Damit sie Milch geben können, müssen sie ständig Nachwuchs gebären. Doch mit den Kälbern kann die Landwirtin kaum etwas anfangen. Sie berichtet, dass die Kälber eigentlich Abfallprodukte seien und sie noch rund 10 Euro pro Tier bekomme.

Acht Kälbermastplätze gibt es auf dem Hof für den weiblichen Nachwuchs. Alle anderen Tiere müssen weg. Gerade erst wurden zwei Kälber verkauft. Doch so wenig wie dieses Mal hat sie noch nie für ein Tier bekommen.

Kaum Geld vom Viehhändler für die Kälber

Kälber
Kälber sind für Landwirte oft ein Nebenprodukt der Milcherzeugung | Bild: SWR

Sie zeigt uns die Abrechnung, die sie vom Viehhändler bekommen hat. Für das eine Tier hat sie knapp einen Euro bekommen, für das andere rund 18 Euro netto. Schon das Futter für die beiden Kälber kostete mehr. Gekauft wurden die Tiere von der Rinder-Union-West, ein großer Viehhändler aus Nordrhein-Westfalen. Vermarktungsleiter Klemens Oechtering erläutert: "Der Handel nimmt diese Kälber noch an, aber er sagt, wir können mit diesen Kälbern unsere Wirtschaftlichkeit kaum noch herstellen, so dass wir diese Kälber eben auch nicht mehr mit einem höheren Preis vergüten. Von Vergüten kann man eigentlich nicht mehr sprechen."

Die beiden Kälber vom Bauernhof seien inzwischen an einen anderen Händler weiterverkauft worden, ein übliches Geschäft.

Kälber lassen sich also kaum mehr vermarkten, sind nichts mehr wert?

Auch im Biobereich sieht es kaum besser aus. Zusammen mit dem Reutlinger Amtsveterinär Thomas Buckenmaier besuchen wir einen Biobetrieb auf der Schwäbischen Alb. Auch Biolandwirt Frank Siefert bekommt seine männlichen Kälber kaum los, obwohl es Biofleisch ist: "Auch im Biobereich gibt es einfach keinen Markt. Es gibt keinen Markt für Bullenkälber, um sie zu mästen. Das Problem ist, die Mast ist zu teuer. Die Mast ist zu teuer für die Landwirte, weil das Fleisch aus dem Ausland viel billiger reinkommt."

Import billiger als Aufzucht?

Ein Großteil der vier Millionen Kälber, die jedes Jahr in Deutschland geboren werden, gehen in den Export, fast 600.000 Tiere im vergangenen Jahr allein in die Niederlande, rund 39.000 nach Spanien.

In den Niederlanden werden die Kälber in kleinen Einzelboxen intensiv gemästet. Ihr Fleisch wird dann zum Teil wieder reexportiert nach Deutschland.

Kälberexperte Thomas Buckenmaier sagt, das Problem habe vor Jahrzehnten angefangen mit der starken Spezialisierung. Milchkühe, die immer mehr Milch geben, dafür aber weniger Fleisch auf den Rippen haben, und das habe Folgen: "...dass zunächst mal für diese Tiere kein Markt da ist und bei diesen Tieren meine ich, bei den auf extreme Milchleistung gezüchtete Rassen, wie die Holstein Friesian beispielsweise. Das sind diese Tiere, die bei uns in keinen Mastbetrieb hineinpassen und einfach nicht die Leistung bringen, was jetzt den Fleischertrag anbelangt, und dann gibt es wahrscheinlich zu viele von denen."

Zu viele Kälber durch zu viele Milchkühe?

Kälber im Stall
Kälberaufzucht lohnt für deutsche Landwirte nicht | Bild: SWR

Dazu meint der Reutlinger Amtsveterinär Thomas Buckenmaier: "Auch das und ich glaube auch, dass die Strukturen gar nicht da sind, um diese Tiere aufzunehmen. Also die sind bei uns auf diesen Milchviehbetrieben, da werden sie geboren, und schon aus der landwirtschaftlichen Beratung heraus von vor 30, 40 Jahren wurden die Betriebe eben dahin beraten, dass sich die Kälberaufzucht nicht lohnt. Und insofern sind die Betriebe auch darauf angewiesen, dass sie die Kälber möglichst schnell vom Hof bekommen.“

Die Milchwirtschaft hat sich zunehmend auf diese Rasse spezialisiert: Holstein Friesian. Sie liefert dem Landwirt mehr als 10.000 Liter Milch im Jahr. Auf Ausstellungen wird sie stolz präsentiert. Sie ist ein deutscher Exportschlager. Doch ihr männlicher Nachwuchs hat wenig Fleisch und ist somit für die Mast kaum zu gebrauchen.

Bei der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes hat man den Kälberhandel unter die Lupe genommen. Mit einem ernüchternden Ergebnis, wie Tierärztin Frigga Wirths erklärt: "Wir haben zu viele Kälber. Wir erzeugen ein Produkt, für das es keinen Markt gibt, insbesondere die Tiere von den Holstein-Friesian. Diese Kälber sind wirklich nichts wert. Die sind sehr schlank, nicht dafür geeignet, gemästet zu werden. Sie setzen kein Fleisch an und die Kälber werden geboren, weil die Kuh Milch geben soll."

Wohin mit den Kälbern?

Doch was passiert eigentlich mit den vielen Kälbern? Das haben die Veterinärämter der Landkreise Soest und Unna untersucht. Sie stellten fest: "…die Verlustraten von Kälbern bis zum Alter von 14 Tagen sind in Milchviehbetrieben unverhältnismäßig hoch."

Und: "In Milchviehbetrieben wird die Geburtsüberwachung aus arbeitswirtschaftlichen Gründen vernachlässigt, daher gibt es häufig geburtsreife Kälber, die totgeboren werden oder kurz nach der Geburt sterben […] weil sie wegen Unwirtschaftlichkeit nicht genügend betreut werden.“

Dieses Ergebnis erstaunt Experten, wie die Tierärztin der Akademie für Tierschutz des Deutschen Tierschutzbundes Frigga Wirths, nicht wirklich: "Man kann so von ungefähr 600.000 Kälbern im Jahr ausgehen, die versterben und von denen viele sicherlich hätten gerettet werden können."

Alternative Lösungen

Doch es geht auch anders. Amtsveterinär Thomas Buckenmaier nimmt uns mit zu einem Betrieb im Landkreis Reutlingen, der massive finanzielle Verluste mit Kälbern vermeidet. Thomas Münch hat rund 300 Milchkühe. Vor fünf Jahren hat er begonnen, etwas zu ändern.

Kälber von Fleischrassen setzen Fleisch an und können sich lohnen
Kälber von Fleischrassen setzen Fleisch an und können sich lohnen | Bild: SWR

Er kauft seither Samen von Fleischrassen und besamt damit seine Hochleistungsmilchkühe, die das Gros des Bestandes ausmachen. Die Folge: Er bekommt kräftigere Kälber mit einem hohen Fleischansatz und die kann er gut vermarkten. Landwirt Thomas Münch berichtet: "Die Bullenkälber in der Kreuzung sind sehr gefragte Mastprodukte. Da haben wir absolut keine Probleme. Wir verkaufen die mit circa 80 Kilogramm und zurzeit liegt der Preis bei 5 Euro. Das heißt, so ein Kalb kostet dann 400 Euro."

Ein Beispiel, das zeigt, dass es auch anders geht. Landwirt Thomas Münch hat damit einen Weg aus dem Niedrigpreisdilemma gefunden. Das löst aber noch nicht das Hauptproblem der deutschen Milchviehwirtschaft, wie Tierärztin Frigga Wirths anmerkt: "Wir haben zu viele Tiere, wir haben zu viele Kühe, wir haben zu viele Kälber. Wir müssen einfach aufhören, ein Produkt zu erzeugen, für das wir keinen Markt haben."

Solange es zu viele Tiere gibt, viele Kälber und Kühe auch für den Export herhalten müssen, wird sich kaum etwas an der Misere ändern. Die Milchviehwirtschaft muss grundlegend umdenken.

Ein Beitrag von Edgar Verheyen
Online-Bearbeitung: Björn Glöckner
Der Beitrag wurde produziert vom Südwestrundfunk (SWR) für "Das Erste".

Stand: 10.08.2021 15:45 Uhr

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