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Volkskrankheit Kreidezähne

Was verursacht poröse Zähne bei Kindern?

PlayGrafik: Kinderzähne
Volkskrankheit Kreidezähne | Video verfügbar bis 15.11.2019 | Bild: SWR

– Bei so genannten Kreidezähnen wachsen die Zähne ohne Zahnschmelz aus dem Kiefer, werden braun bis schwarz und brechen sehr leicht weg.
– Inzwischen soll fast jedes dritte Kind betroffen sein.
– Mediziner sind noch auf der Suche nach der Ursache, aber der chemische Stoff Bisphenol A steht bereits im Verdacht, die Krankheit zu verursachen.

Die Diagnose Kreidezähne ist ein Schock für Kinder und Eltern, eine neue Volkskrankheit und niemand kennt ihre genaue Ursache. "Generell muss man sagen: Wir tappen im Dunkeln und da ist Riesenforschungsbedarf vorhanden," meint dazu Prof. Norbert Krämer, Direktor der Poliklinik für Kinderzahnheilkunde der Universität Gießen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde.

Umstellungen und Einschränkungen

Auch die siebenjährige Dilayla aus der Nähe von Freiburg ist betroffen. Vor einem halben Jahr brachen bei ihr die bleibenden Backenzähne durch. Bei einer Routineuntersuchung bemerkt ihr Zahnarzt verdächtige Flecken auf den Zähnen. Ihre Mutter dachte zuerst an normale Verfärbungen. Ihr Zahnarzt überweist Dilayla an eine spezialisierte Kinderzahnärztin. Doch schon in den wenigen Wochen bis zum Termin verschlechtert sich der Zustand eines Zahnes dramatisch. Ihre Mutter erzählt, dass erst ein kleiner schwarzer Punkt zusehen war und dann innerhalb von vier Wochen der ganze Zahn schwarz wurde und in sich zusammenbrach.

Zahnbehandlung bei einem Kind
Jedes dritte Kind soll bereits betroffen sein | Bild: SWR

Die Spezialistin stellt schließlich fest: Dilayla leidet an so genannten Kreidezähnen. Bei vier bleibenden Zähnen ist der Zahnschmelz nicht richtig entwickelt. Zwei Mal Zähneputzen am Tag reicht deswegen nicht mehr aus. Die Zahnbürste ist Dilaylas ständiger Begleiter. Sobald sie etwas isst, muss sie danach putzen. Auch ihre Ernährungsgewohnheiten muss die Siebenjährige nun umstellen. Alles, was die Zähne angreifen kann, ist tabu, so zum Beispiel Süßigkeiten oder auch Apfelsaftschorle. Denn die enthält Fruchtsäure und greift den Zahnschmelz an.

Bessern kann sich der Zustand von Dilaylas Zähnen durch den Verzicht allerdings nicht. Die Zähne sind bereits so angegriffen, dass sich die Siebenjährige in wenigen Tagen einer aufwändigen Zahnoperation unterziehen muss.

Jedes dritte Kind betroffen

Untersuchungsbild beim Zahnarzt
Immer mehr Kinder leiden an Kreidezähnen | Bild: SWR

Und das ist kein Einzelschicksal. Experten wie Professor Norbert Krämer von der Uniklinik Gießen sprechen bereits von einer neuen Volkskrankheit. Im Alter von zwölf Jahren sei bereits jedes dritte Kind betroffen: "Die Zähne werden im Knochen entwickelt, also der Schmelz wird im Knochen entwickelt und zwar zu einem sehr frühen Zeitpunkt. Die Zähne sind mindermineralisiert, das heißt, die Schmelzstruktur, die äußere Schale, ist weniger hart, ist porös, bricht bei Kaubelastung gerne zusammen."

Die Zähne wachsen bereits krank aus dem Kiefer, so wie beim sechsjährigen Noah, einem Patienten von Norbert Krämer. Bei ihm kündigte sich die Krankheit besonders drastisch an: Er hörte vor Schmerzen auf zu essen.

Die Ursache: Ein Backenzahn im Oberkiefer ist von der Krankheit MIH, so der medizinische Begriff für die Kreidezähne, stark betroffen. Professor Norbert Krämer stellt fest, dass der Zahn dunkelbraun und in diesem Bereich sehr weich ist. Es besteht die Gefahr, dass der Zahn zusammenbricht. Deshalb muss der Zahn versiegelt und mit Keramik abgedeckt werden. Nur so kann Norbert Krämer ihn stabilisieren. Im Extremfall müssen Kreidezähne sogar gezogen werden.

Aufwändige Behandlung

Eine Zahn-OP wird vorbereitet
Oft sind umfangreiche OP's notwendig | Bild: SWR

Bei Dilayla müssen in einer größeren Operation die vier Kreidezähne schnellstmöglich behandelt werden, um sie erhalten zu können. Die Kinderzahnärztin Dr. Michaela Hofmann wird sie operieren. Da Kreidezähne schwer zu betäuben sind, muss die Behandlung unter Vollnarkose stattfinden. Ungefähr 1,5 Stunden soll die OP dauern. Die Kreidezähne werden Füllungen bekommen, soweit das möglich ist. Ein Zahn macht der Ärztin allerdings besondere Sorge, denn im ungünstigsten Fall wird der Zahn eine Krone brauchen. Nur mit Glück kann der Zahn noch mit einer Füllung versorgt werden.

Tiefe Karies trotz guter Pflege, nach einer guten Stunde sind schließlich alle vier Kreidezähne behandelt. Und es gibt gute Nachrichten, denn die Krone konnte vermieden werden.

Ursache gibt Rätsel auf

Doch wie kommt es überhaupt zur Krankheit und wieso sind auf einmal so viele Kinder betroffen? Klar ist, an schlechter Mundhygiene liegt es nicht.

Professor Norbert Krämer sagt dazu: "Über die Ursachen wird spekuliert. Was wir wissen, dass Atemwegserkrankungen, Sauerstoffmangel im Blut die Schmelzbildner stört. In dem Zusammenhang ist auch Antibiotikagabe beschrieben worden. Die Hauptursache momentan sehe ich in der Plastikproblematik. Und hier ist das Bisphenol A untersucht worden und die Auswirkung auf diese Schmelzbildner."

Bisphenol A wird eingesetzt, um Plastik zu härten und Konservendosen zu beschichten. Der Stoff kann in Lebensmittel übergehen, reichert sich so auch im Körper an. Ein Problem, denn Bisphenol A gilt als hormonell wirksam und steht im Verdacht, Unfruchtbarkeit und Übergewicht auszulösen. Ist dieser Stoff auch für die Fehlentwicklung der Zähne verantwortlich?

Dr. Sylvie Babajko vom Forschungszentrum "Les Cordeliers"
Dr. Sylvie Babajko vom Forschungszentrum "Les Cordeliers" | Bild: SWR

Am Forschungszentrum "Les Cordeliers" forscht Dr. Sylvie Babajko bereits seit Jahren zu dieser Frage. Sie erläutert: "Unsere Wissenschaftskollegen, die sich mit Fortpflanzung und Fruchtbarkeitsproblemen beschäftigen, haben die Auswirkungen von Bisphenol A untersucht. Bisphenol A ist der bekannteste und am weitesten verbreitete hormonelle Schadstoff (endokrine Disruptoren) und ihnen ist aufgefallen, dass sich bei Ratten, die einer geringen Dosis von Bisphenol A ausgesetzt waren, im Gegensatz zur Kontrollgruppe, die Zähne verändert haben."

Daher untersuchte Dr. Sylvie Babajko in einer Studie die Auswirkungen des Stoffes auf Zähne von Ratten und entdeckte dort Schäden, die mit Bisphenol A zusammenhängen: "Wir haben diese Schäden mit denen an Zähnen von Kindern verglichen, die an MIH leiden. Die biochemischen Eigenschaften dieser Zähne waren absolut vergleichbar mit MIH-Kreidezähnen. Also gehen wir davon aus, dass hormonelle Schadstoffe (endokrine Disruptoren) wie Bisphenol A mögliche Auslöser für MIH sind."

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung sieht das anders. In einer im August veröffentlichten Mitteilung heißt es: "Unter Berücksichtigung der tatsächlichen Aufnahme von BPA durch den Menschen und der toxikinetischen Unterschiede zwischen Ratte und Mensch in der neonatalen Phase erscheint deshalb ein direkter Zusammenhang zwischen BPA und MIH für den Menschen unwahrscheinlich."

Damit bleibt das Institut seiner Linie zu hormonell wirksamen Stoffen wie Bisphenol A treu. Ein Bericht des Lobbyverbandes "Plastics Europe", der "Plusminus" vorliegt, bewertet die allgemeine Haltung des Bundesinstituts zu solchen Stoffen in Plastik als positiv, also alles im "grünen" Bereich.

Dr. Sylvie Babajko hingegen glaubt an einen Zusammenhang zwischen Bisphenol A und Kreidezähnen, forscht weiter zum Thema und untersucht nun auch andere hormonell wirksame Stoffe in Plastik. Ergebnisse wird es erst nach mehreren Jahren geben.

Für die vielen bereits betroffenen Kinder kommt diese Forschungsarbeit zu spät. Zwar hat Dilayla die Operation gut überstanden, doch es wird wohl nicht ihre letzte gewesen sein, denn ihre Kreidezähne sind auch weiterhin extrem anfällig.

Stand: 15.11.2018 08:28 Uhr

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