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Mangelhafte Schutzmasken

Immer mehr Produkte müssen zurückgerufen werden

PlayGrafik: Mangelhafte Masken, Akten und Jens Spahn
Mangelhafte Schutzmasken – Immer mehr Rückrufe | Video verfügbar bis 07.04.2022 | Bild: SWR

  • · Tausende Atemschutzmasken dürfen an Schulen, in Pflegeheimen und anderen Einrichtungen nicht mehr verwendet werden, da sie nach Überprüfung als nicht verkehrsfähig beurteilt wurden.
  • · Unter den betroffenen Herstellern fallen Unternehmen auf, die vorher keine Erfahrung mit Schutzmaskenproduktion hatten, sondern branchenfremd eingestiegen sind.
  • · Experten sehen die Schuld auch beim Bund, der die Anforderungen an die Maskenproduktion in der Ausschreibung unzureichend definiert hat.

An der Helene-Fernau-Horn-Grundschule in Stuttgart werden 120 Kinder unterrichtet. Hier gab es erst Ende 2020 Masken für die Lehrkräfte, endlich. Doch dann die Ernüchterung: Die Masken dürfen nicht verwendet werden.

Dekraingenieure prüfen Masken
Bei der Dekra-Prüfung sind viele Masken durchgefallen | Bild: SWR

Dreieinhalbtausend Masken liegen im Maskenlager herum, dass Schulleiter Michael Hirn uns zeigt und dabei erklärt, dass diese Masken nicht mehr benutzt werden dürfen. Auffallend ist, dass die Masken seltsam riechen. Auch an anderen Schulen fiel Lehrkräften der chemische Geruch auf. Sie befürchteten, mit den Masken stimme etwas nicht, trugen sie aber dennoch. Vor wenigen Wochen dann der Schock: Das Sozialministerium ruft die Masken zurück. Schulleiter Michael Hirn ist fassungslos: "Also einerseits ungläubiges Staunen über dieses unterschiedliche Bewerten von Masken, wo man denkt, so kompliziert kann es ja eigentlich nicht sein, Masken einzukaufen, die den Vorschriften entsprechen. Aber dann auch wieder wirklich Ärger und Zorn und auch wieder Sorge um die eigene Gesundheit."

Die Dekra hat im Auftrag des Ministeriums Masken von 27 Herstellern nachgeprüft. Das erschreckende Ergebnis: 13 der getesteten Produkte sind durchgefallen, also fast die Hälfte. "Plusminus" liegt die Liste der Hersteller vor.

Branchenfremde und Neueinsteiger

Erstaunlich! Wir entdecken zahlreiche Firmen, über die wir bereits berichtet haben. Eine davon: Die HB Medi GmbH.

Sie bekam vergangenen April vom Bundesgesundheitsministerium den Zuschlag, im Auftrag der Bundesregierung Masken in Deutschland zu produzieren. Schon im Juni wollten wir uns in Bremen die deutsche Maskenproduktion anschauen. Am Firmensitz trafen wir damals niemanden an.

Der Geschäftsführer ist nach unseren Recherchen ein ehemaliger Kfz-Händler und Taxi-Unternehmer. Die Masken-Firma hatte er erst kurz vor dem Zuschlag gegründet. Inzwischen hat die HB Medi GmbH eine professionell aussehende Webseite. Dort heißt es: Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser.

Das denken wir uns auch und fahren wieder nach Bremen. Auf unsere schriftliche Anfrage hatte das Unternehmen nicht geantwortet. Diesmal stoppt uns auf dem Firmenpark gleich zu Beginn ein Security-Mitarbeiter. Wir können hier nicht drehen, heißt es. Wir sollen mit seinem Chef telefonieren. Der teilt uns mit, HB Medi wäre aus dem Firmenpark ausgezogen. Doch dann fällt uns auf: Die HB Medi GmbH sitzt jetzt anscheinend im Nachbargebäude. Befindet sich hier die Maskenproduktion? Tatsächlich finden wir ein Büro der HB Medi. Doch niemand öffnet.

Maskenproduktion in Lagerhalle
In einer Halle bei Hamburg werden Masken hergestellt und niemand spricht deutsch | Bild: SWR

Auf der Liste mit den beanstandeten Masken finden wir ein weiteres Unternehmen, das im vergangenen Jahr einen Zuschlag vom Bundesgesundheitsministerium erhalten hat: SKG Productions, bis vor Kurzem noch SKG Bahndienste. Ursprünglicher Geschäftszweck des Unternehmens waren Dienstleistungen in den Bereichen Arbeitszugführer, Wagenmeister, Lokführer sowie Gleisanlagenbau.

Auch diese Masken-Produktion wollen wir uns genauer anschauen. Eine Internetseite, Telefonnummer oder E-Mail-Adresse finden wir nicht, nur eine Adresse in Wentorf bei Hamburg im Handelsregister. Im Gebäude stoßen wir tatsächlich auf eine Masken-Produktion, doch keiner spricht deutsch. Es heißt, wir sollen mit dem Chef telefonieren, aber der ist nicht zu erreichen.

Risiko im Pflegeheim

Nicht verkehrsfähige Masken tauchen nicht nur in Schulen, sondern auch in Pflegeheimen auf. Ein Heim in Langenlonsheim hat eine große Lieferung vom Bundesgesundheitsministerium erhalten. Darin befand sich sogar ein persönlicher Brief von Jens Spahn. Pflegeheimleiter Christoph Loré meint dazu: "Ist natürlich eine schöne Geste, über die wir uns gefreut haben. Es war ein nettes Anschreiben, wo wir auch nur mal den Dank des Bundesgesundheitsministers bekommen haben."

Masken in einem großen Plastikbeutel
Schon die Verpackung der Masken kam den Mitarbeitern seltsam vor | Bild: SWR

Doch bald gibt es Zweifel an der Qualität der Masken. Vier Wochen nach Erhalt der Masken kamen Hinweise der Berufsverbände, dass einige diese Masken deutliche Qualitätsdefizite aufzeigen, berichtet der Heimleiter weiter. Die Masken des Bundesgesundheitsministeriums liegen seither auf dem Speicher des Pflegeheims in einem Lagerraum. Als sehr ungewöhnlich war an den Masken aufgefallen, dass die Community-Masken in Beutel abgepackt waren. Außerdem waren kein Produktzertifikat und keine Prüfnummer dabei.

Auch auf den KN95-Masken fehlen Angaben. Der Masken-Lieferung lag aber ein Schreiben mit erstaunlichen Nutzungsbedingungen bei, wie Christoph Loré erklärt: "Da fällt sofort auf, dass darauf hingewiesen wird, dass keine Haftung für das Produkt übernommen wird, seitens des Lieferanten, also der Bundesrepublik. Das ist schon sehr ungewöhnlich. Und natürlich der Hinweis, dass diese Masken tatsächlich nur für die eiserne Reserve gedacht sind. Also man soll sie eigentlich gar nicht nutzen, sondern nur in Mangelsituationen, wenn nichts anderes mehr verfügbar ist."

Für ihn stand damit fest: Diese Masken kommen in seinem Pflegeheim nicht zum Einsatz.

Beschaffungsfehler beim Bund

Roland Ballier ist vereidigter Sachverständiger für Medizin-Produkte und hat schon mehrere Masken, die das Bundesgesundheitsministerium beschaffte, untersucht und festgestellt: "Ein Großteil oder fast alle Masken sind nicht verkehrsfähig. Das heißt, wir haben ein Riesen-Durcheinander an Masken verschiedener Qualität und man müsste die jetzt sortieren, was ist verkehrsfähig, was taugt was, was ist nicht verkehrsfähig, was taugt nichts."

Zeitungsausschnitte mit Maskenrückrufen
In mehreren Bundesländern mussten Masken von Behörden zurückgerufen werden | Bild: SWR

In den vergangenen Wochen mussten Millionen vom Bund beschaffte Masken, die an Behörden und Einrichtungen verteilt wurden, zurückgerufen werden, unter anderem in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Bayern und Hamburg.

Roland Ballier geht davon aus, dass der Bund im vergangenen Jahr massenhaft Masken eingekauft hat, die gar nicht verkehrsfähig seien. Und daran sei der Bund selbst schuld, denn in dieser Ausschreibung habe das Ministerium die Anforderungen an die Masken nicht richtig definiert: "Im guten Glauben, etwas Gutes zu tun, hat der Bund versucht, Masken zu beschaffen, so schnell und so viel wie möglich. Das war grundsätzlich auch korrekt. Das Problem besteht letztendlich darin, dass er zugelassen hat, dass Masken über diesen Kanal nach Deutschland gekommen sind, die den Vorschriften nicht entsprochen haben. Und er hat das in seiner Leistungsbeschreibung nicht klar definiert."

Hat das Bundesgesundheitsministerium diese minderwertigen Masken an Pflegeheime und Schulen verteilt? Auf unsere Anfrage erhielten wir bis Redaktionsschluss trotzmehrfachen Nachhakens keine Antwort. Dass Jens Spahn das Masken-Geschenk auch noch als Anerkennung für die großartige Leistung der Pflegeheime bezeichnet, findet Pflegeheimleiter Christoph Loré zynisch: "Ja, das hat schon ein sehr negatives Beigeschmäckle, würde ich mal sagen. Einerseits wird uns gedankt für den Einsatz in der Pandemie und dann bekommen wir Masken geliefert, die möglicherweise qualitativ nicht den Anforderungen entsprechen. Also das hat mit Wertschätzung eigentlich wenig zu tun."

Auch an der Helene-Fernau-Horn-Schule ist man verärgert, dass man damit die Lehrkräfte wochenlang einer Gesundheitsgefahr ausgesetzt hat. Und so liegen deutschlandweit Masken nutzlos in Schulen und Pflegeheimen herum, die für Millionen Euro an Steuergeldern beschafft wurden.

Stand: 07.04.2021 22:17 Uhr

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