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Modebranche in der Krise

Warum die staatliche Hilfe den Niedergang kaum stoppen kann

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Modebranche in der Krise | Video verfügbar bis 27.01.2022 | Bild: SWR

• Besonders im Textileinzelhandel sind die Warenlager voll und können nicht abverkauft werden.
• Viele Unternehmen bekommen keine Hilfen von Staat, weil sie durchs Raster fallen.
• Für Wirtschaftsexperten sind die geplanten neuen Hilfen nicht zielführend.
• Handelsexperten fürchten ein Unternehmenssterben, leere Innenstädte und auch Folgen für die Zulieferer.

In Tübingen ist "Zinser" das größte Modehaus. Doch seit Dezember sind die Schaufenster leer. Drinnen hängen die Kleiderständer voll, mit Wintermode. Kleidung im Wert von rund acht Millionen Euro stauben hier und in den sieben weiteren Filialen in Baden-Württemberg ein.

Wieviel der Ware nach dem Lockdown noch verkauft werden kann, weiß Geschäftsführer Christian Klemp nicht: "Das ist verderbliche Ware. Das ist so, als wenn sie versuchen wollen, zu Ostern Schokoladennikoläuse zu verkaufen. So ist es für uns jetzt auch. Wir versuchen gerade natürlich zusammen mit der Industrie Lösungen zu finden und das ist natürlich sehr schwierig."

Keine echte Hilfe für den Einzelhandel

Laden voller Waren und ohne Kunden
Die Warenbestände der Textilhändler können nicht verkauft werden | Bild: SWR

Dabei lief es für das Familienunternehmen Zinser bis zur Corona Krise gut. Erst im vergangenen Jahr kam eine neue Filiale dazu. Jetzt erlebt Zinser den größten Umsatzeinbruch in seiner 143-jährigen Geschichte. Von den milliardenschweren Hilfen der Bundesregierung hat das Modehaus noch nichts abbekommen, abgesehen vom Kurzarbeitergeld. Doch die Kosten laufen weiter. Geschäftsführer Christian Klemp musste einen Kredit aufnehmen: "Aber es ist ein Kredit, es ist kein Zuschuss. Das ist ja der große Unterschied auch bei diesen Dingen. Kredite müssen sie irgendwann wieder zurückzahlen und haben Schulden als Unternehmen."

Aufgrund der Corona Krise hat Christian Klemp bereits im vergangenen Jahr 15 Prozent des Personals abgebaut. Nun zieht sich der Lockdown immer weiter hin, vorerst bis Mitte Februar.

Auf massiven Druck des Einzelhandels hat vergangene Woche auch die Bundesregierung reagiert und will nun die Hilfen für Einzelhändler ausweiten. Ab einem Umsatzverlust von 30 Prozent sollen sie nun für nicht verkaufte Winterware entschädigt werden. 

Wirtschaftsexperte Prof. Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, sieht die erneute Anpassung der Unternehmenshilfen jedoch kritisch: "Das fundamentale Problem mit den Unternehmenshilfen ist, dass man permanent neue Hilfen schafft, die alten ändert, damit ist die Sicherheit und die Verlässlichkeit und die Transparenz sehr gering."

Kein Geld für Saisonwaren

In bester Lage in Frankfurt führen die Schwestern Marijana Biscanic und Michaela Hrgovic seit sechs Jahren ein Damenmodegeschäft. Sie haben im Frühjahr gerade mal 10.000 Euro Überbrückungshilfe bekommen. Auf weitere staatliche Zuschüsse sind sie dringend angewiesen, denn längst ist die Frühjahrsmode geordert. Die liegt derzeit noch beim Lieferanten. Es fehlt ihnen das Geld, um die Ware zu bezahlen. Die beiden Geschäftsführerinnen berichten: "Dieses Kapital, was jetzt hier gerade im Geschäft ist, die Ware muss verkauft werden, um wieder flüssig zu sein, um die neue Ware finanzieren zu können und wir befinden uns in einem Lockdown. Das heißt, die Ware steht, die fließt nicht ab." Und weiter: "Lange kann man das nicht aushalten und wenn man arbeitet, möchte man auch davon leben."

Schon im vergangenen Frühjahr blieben sie auf viel Ware sitzen, mussten sie einlagern. Derzeit leben sie von ihren Ersparnissen. Wie und wann sie die erweiterten Hilfen beantragen können, kann ihnen bisher niemand sagen.

Wirtschaftsexperte Gabriel Felbermayr
Wirtschaftsexperte Gabriel Felbermayr | Bild: SWR

Prof. Gabriel Felbermayr meint dazu: "Die Zusage der Politik führt nicht zu Cashflow, zu Kasseneingängen bei den Unternehmen und das ist frustrierend, dass die Politik da so langsam, vor allem auch die Verwaltung so langsam in der Umsetzung ist. Das beschädigt das Vertrauen und beschädigt auch den Fortbestand vieler Unternehmen."

Dramatische Folgen nicht nur für die Innenstädte

Welche Folgen der Lockdown für die Branche hat, zeigt das Stadtbild Frankfurts nur zu deutlich: Viele Ladeninhaber haben während der Corona-Krise ihr Geschäft aufgegeben. Corona wird unsere Innenstädte nachhaltig verändern, befürchtet Textilhandelsexperte Achim Berg von McKinsey: "Es ist leider zu erwarten, dass viele kleinere, unabhängige Unternehmen stärker leiden werden. Dass wir auch das Straßenbild und unsere Einkaufsmöglichkeiten beeinflussen, und wir werden wahrscheinlich feststellen, dass, wenn wir wieder einkaufen gehen, weil der Moment wird ja kommen, wir möglicherweise weniger Auswahl, weniger Vielfalt haben, als wir das noch in den Vor-Corona-Zeiten gewohnt waren."

Schild Räumungsverkauf
In vielen Innenstädten drohen Ladenpleiten | Bild: SWR

Bekommt der Einzelhandel Probleme, löst das einen Domino-Effekt in der gesamten Lieferkette aus. Bei Anzughersteller Digel im schwäbischen Nagold ist die Nachfrage seit Corona drastisch eingebrochen. Statt 2.000 Anzügen verkauft er gerade mal 200 Anzüge am Tag. Geschäftsführer Jochen Digel musste den Großteil seiner Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken: "Es kam für alle relativ überraschend, dass es diesen zweiten Lockdown quer durch Europa gegeben hat und es führt jetzt natürlich dazu, dass momentan sehr viel Ware auf dem Markt ist, die einfach keiner kauft und deswegen können wir jetzt nicht noch mehr Ware produzieren."

Digel produziert in eigenen Werken in Polen und in der Türkei. Auch dort hat er die Produktion stark heruntergefahren, wie der Vorstand berichtet: "Der große Rattenschwanz kommt jetzt erst noch. 2021 wird es sicherlich so sein und wahrscheinlich auch noch 2022, dass viele unter dem Warendruck noch leiden. Weil einfach zu viel Ware auf dem Markt ist und du eine Zeit lang nichts verkauft hast, aber die Produktion erst sukzessive runtergefahren werden konnte. Das sorgt natürlich für Preisverfall und Margenverfall. Darunter leidet der Handel natürlich. Die Konsumenten freut es vielleicht, aber auch nur bedingt, weil wenn es den Händler irgendwann nicht mehr gibt in seiner Stadt, dann freuts ihn natürlich auch nicht mehr. Und schlussendlich müssen wir halt gucken, wenn wir alle in einem Boot sitzen, dass wir da auch alle zusammen wieder rauskommen."

Wem helfen die Hilfen wirklich?

Textillager bei Digel
Auch bei den Lieferanten macht dich der Lockdown bemerkbar | Bild: SWR

Auch Digel hat bislang für seine Umsatzeinbußen keine Unterstützung vom Staat bekommen. Das Unternehmen ist zu groß, fiel deshalb bisher durchs Raster. Jetzt hofft er, dass er bei der erweiterten Hilfe zum Zuge kommt. Aber das große Ladensterben werden die Staatshilfen wahrscheinlich kaum aufhalten können, befürchtet Wirtschaftsexperte Gabriel Felbermayr. Denn ersetzt werden lediglich die Fixkosten, wie etwa Miete oder der Wertverlust der Ware: "Erstens mal muss man sagen, dass die Fixkosten ja nicht zu 100 Prozent ersetzt werden, sondern nur anteilig. Und zweitens ist klar, man hilft vor allem den Immobilienbesitzern, denn für die Miete zum Beispiel, da bekommt der Einzelhändler Unterstützung oder man hilft den Banken, denn auch da, die Zahlungen an die Banken fallen unter die Fixkosten. Den Unternehmern selbst, denen hilft man eigentlich nicht."

Um wenigstens ein bisschen Umsatz zu machen, hat das Modehaus Zinser in Tübingen einen Online-Shop eröffnet. Doch pro Tag gehen gerade mal 10 bis 20 Bestellungen ein – die meisten von Stammkunden. Auch beim Onlineriesen Zalando verkauft das Modehaus inzwischen.  Aber das Onlinegeschäft ist vor allem eins, sehr zeitintensiv, wie Geschäftsführer Christian Klemp berichtet: "Onlinehandel ist für uns nicht ertragsreich. Unsere Prozesse sind dafür da, einen stationären Handel zu machen. Onlinehandel hat andere Prozesse: Hochregallager, einfache Ausstattung, Ware, die da nur dafür liegt. Die haben Picker und Verpacker, die sicherlich ein deutlich anderes Gehaltsgefüge haben als bei uns Verkaufsmitarbeiter."

In der Modebranche ist das Onlinegeschäft schwierig, auch wenn der Onlinehandel von Corona grundsätzlich profitierte, wie Textilhandelsexperte Dr. Achim Berg erklärt: "Online ist von 15 Prozent auf knapp 30 Prozent gestiegen im letzten Jahr. Das bedeutet aber immer noch, dass 70 Prozent der Umsätze in Läden stattfinden und das findet eben aktuell nicht statt."

Um die persönliche Beziehung zu ihren Kunden zu pflegen, veranstalten Marijana Biscanic und Michaela Hrgovic einmal die Woche eine Modenschau auf Instagram und Facebook und hoffen, dass ihre Kunden so bei der Stange bleiben: "Wir versuchen es über verschiedene Kanäle über Social Media, Online. Aber das ist alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn das Hauptgeschäft, die Hauptsäule ist eben der stationäre Verkauf und der findet nicht statt, der wurde uns einfach genommen."

Die Staatshilfen brauchen sie eigentlich so bald wie möglich. So wie viele Einzelhändler hofften auch sie, dass den Worten der Politiker nun schnell Taten folgen. Aber das Geld soll erst Ende März fließen. Das könnte für viele von ihnen zu spät sein.

Ein Beitrag von Annika Erbach und Julian Gräfe
Online-Bearbeitung: Björn Glöckner
Der Beitrag wurde produziert vom Südwestrundfunk (SWR) für "Das Erste".

Stand: 28.01.2021 10:27 Uhr

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