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Nachlasspfleger

Wenn die Suche nach Erben Jahrzehnte dauert

PlayGrafik: Nachlasspfleger verwalten das Erbe
Nachlasspfleger | Video verfügbar bis 26.05.2022 | Bild: SWR

  • · Immer öfter sterben Menschen allein, ohne nahe Angehörige und ohne ein Testament zu hinterlassen.
  • · Gerichte bestellen dann so genannte Nachlasspfleger, die das Erbe betreuen und Erben finden sollen.
  • · Diese Suche dauert oft sehr lange, wie eine Studie der Uni Bayreuth zeigt. Experten sehen die Gründe dafür in der Vergütung der Nachlasspfleger aus dem Erbe.

Für Frank K. und seine Mutter Ingrid ist es schwer, den früheren Wohnort von Ingrid G.s Cousin Jürgen zu besuchen. Vor zwei Jahren ist er verstorben. Er lebte allein und war kinderlos. Außer ihnen hatte er niemanden. Das Problem: Jürgen hatte kein Testament.

Auf Erbensuche

Eigentlich wollte Jürgen ein Testament zugunsten seiner Cousine Ingrid machen. Davon hatte er immer wieder gesprochen, zuletzt auf der Palliativstation. Doch das hat er nicht mehr geschafft. Deshalb wurde vom Gericht eine Nachlasspflegerin eingesetzt. Sie soll den Vater von Jürgen ausfindig machen, denn Jürgen war ein uneheliches Kind. Sein Vater oder dessen Kinder könnten Erben sein. Doch seit zwei Jahren ist nichts passiert.

Trotz des Leerstands fallen jedoch Kosten für die Wohnung an und auch die Nachlassverwalterin muss bezahlt werden, aus dem Erbe.

Nie hätten sie damit gerechnet, dass eine vom Gericht bestellte Nachlasspflegerin plötzlich die Kontrolle über Jürgens Vermögen übernehmen würde, die Abwicklung des Erbes so lange blockiert wird. Im Oktober 2020 reicht es Frank K. schließlich. Er macht sich selbst auf die Suche nach dem Vater von Jürgen.

Schon nach vier Wochen lag ihm die Sterbeurkunde von Jürgens Vater vor. Gerade einmal eine Stunde Arbeitszeit hatte ihn das gekostet.

Frank K. gelingt in vier Wochen, was die Nachlasspflegerin in eineinhalb Jahren nicht geschafft hat. Er informiert sie über seine Rechercheergebnisse, damit sie nun nachforschen kann, ob Jürgens Vater weitere Kinder hatte. Die wären als Halbgeschwister erbberechtigt. Doch wieder passiert erstmal nichts.

Wer kann erben?

Bei 15.000-20.000 Todesfällen pro Jahr werden vom Gericht Nachlasspfleger eingesetzt. Sie sollen die Erben von Verstorbenen suchen, wenn es kein Testament gibt. In dem Fall gilt die gesetzliche Erbfolge.

Grafik_Erbfolge
Wird kein Erbe gefunden erbt der Staat | Bild: SWR

Danach sind Erben vorrangig der Ehepartner und die Kinder des Verstorbenen. Doch wenn es die auch nicht gibt, erben die Eltern in so genannter zweiter Ordnung. Wenn die nicht mehr leben, sind deren Kinder an der Reihe. Gibt es auch da niemanden, geht es zurück auf die Großeltern, die Erben dritter Ordnung, und deren Kinder und so geht es immer weiter. Wird niemand gefunden, erbt der Staat.

Studie zu Nachlasspflegschaften

Wie erfolgreich Nachlasspfleger bei ihrer Erbensuche sind, wurde von der Universität Bayreuth nun erstmalig untersucht. Mit einem erstaunlichen Ergebnis: Viele Nachlasspflegschaften haben unverhältnismäßig lange gedauert. Prof. Knut Werner Lange vom Lehrstuhl für Zivilrecht der Universität Bayreuth erläutert: "Da haben Nachlasspflegschaften Jahre, teilweise Jahrzehnte gebraucht. Da darf man sich schon die Frage stellen, was rechtfertigt eine jahrelange Verwaltung des Vermögens durch die Nachlasspfleger?"

Für Prof. Knut Werner Lange steht fest: Die lange Bearbeitungsdauer hängt vielfach mit der Vergütung der Nachlasspfleger zusammen.

Prof. Knut Werner Lange vom Lehrstuhl für Zivilrecht der Universität Bayreuth
Prof. Knut Werner Lange vom Lehrstuhl für Zivilrecht der Universität Bayreuth | Bild: SWR

Diese rechnen ihre Arbeit nach Stunden ab, zu großzügigen Sätzen zwischen 70 und 120 Euro pro Stunde. Das wird aus dem Nachlass bezahlt, der so immer weniger wird. Kontrollen durch die Behörden finden kaum statt. Erbrechtsexperte Prof. Knut Werner Lange erklärt weiter: "Es gibt auch keine Deckelung, also die Kontrolle erfolgt eigentlich nur durch das Nachlassgericht, die die Person einsetzt. Und wenn diese Kontrolle nicht zu engmaschig erfolgt, dann kann ich das natürlich auch über einen längeren Zeitraum treiben."

Angeblich erfolglose Suche

Max K. ist so ein Erbe. Auch hier hat ein Nachlasspfleger lange gebraucht, bis er ihn gefunden hat. Als sein Onkel vor sieben Jahren starb, hatte er gar nicht daran gedacht, dass er Erbe sein könnte.

Doch vor einigen Monaten bekam Max K. Post von einem professionellen Erbenermittler. Den hatte ein Nachlasspfleger eingeschaltet, nachdem der angeblich jahrelang erfolglos nach ihm gesucht hatte. Max K. kann das kaum glauben. Die Suche im Internet hätte in wenigen Sekunden zum Erfolg geführt.

Max K. wendet sich an eine Fachanwältin für Erbrecht. Denn nicht nur der Nachlasspfleger, der eigentlich Versicherungsvertreter ist, hat sich für seine Vergütung kräftig aus dem Erbe bedient, auch der professionelle Erbenermittler wollte noch ein Honorar. Von seinem Erbe blieb schließlich nur noch ein Fünftel übrig. Für Rechtsanwältin Jaane Kind ist klar: Diese hohen Kosten waren absolut unnötig. Die Fachanwältin für Erbrechts erläutert dazu: "In dem Fall ist es ja so, dass wir hier eigentlich einen nächsten Angehörigen haben. Aufgrund dessen bin ich eigentlich der Meinung, dass man hier nicht eine derartige Zeit benötigen müsste, um den Neffen des Erblassers zu finden. Und dann kann man durchaus schon mal drüber nachdenken, ob die zusätzliche Einschaltung eines Erbenermittlers nicht auch Schadensersatzansprüche verursacht hat."

Keine gesetzlichen Regelungen

Eine Suche nach einem nahen Verwandten, die sieben Jahre dauert?

Das darf nicht sein, meint Thomas Emrich, selbst professioneller Erbenermittler. Doch auch er kennt solche Geschichten zuhauf. Dafür bekommt er eine Provision aus dem Erbe. Er weiß, wie lange eine Suche normalerweise dauern darf: "Vor ein paar Jahren habe ich mal aufgeschrieben, eine erste Erbordnung darf nicht länger als drei Monate dauern, eine Erbenermittlung der zweiten Ordnung nicht länger als sechs und einer Erbenermittlung der 3. Ordnung nicht länger als 12 Monate. Und die Erbenermittler und die guten Nachlasspfleger halten sich an diese Zeitvorgaben, die anderen leider nicht."

Notebook-Monitor mit Stammbaum
Erbenermitteler suchen professionell nach möglichen Erben | Bild: SWR

Doch viele Nachlasspfleger schalten professionelle Erbenermittler gar nicht oder viel zu spät ein. Wenn sie etwa alte Kirchenbücher und Schriften lesen müssen, stoßen sie schnell an ihre Grenzen. Dennoch gibt es Nachlasspfleger, die lieber jahrelang selbst abrechnen als einen Fall aus der Hand zu geben, weiß Erbenermittler Thomas Emrich: "Es wäre gut, wenn die Regeln so angepasst würden, dass der Erbenermittler früher eingeschaltet wird. Dieses frühere Einschalten wird jetzt seit einer Weile diskutiert. Und mit diesen Diskussionen besteht die Hoffnung, dass nach den Wahlen eine Änderung passiert."

Das wäre längst überfällig und könnte auch der Familie von Frank K. helfen. Dass sie die Erbensuche für die Nachlasspflegerin selbst übernommen haben, für sie ein Unding. Und das ist nicht alles: Zwei Jahren lang mussten sie sich auch selbst um die Post und die Wohnung kümmern. Frank K. ist sauer, dass die Nachlasspflegerin ins Erbe abrechnet, aber scheinbar nichts tut.

Prof. Knut Werner Lange meint dazu: "Es ist natürlich nicht einsehbar, dass der Nachlasspfleger dann da auch noch möglicherweise eine Stundensatzvergütung beantragt. Und tatsächlich wird die Arbeit von den Nachbarn erledigt, das ist eigentlich nicht in Ordnung."

Auf unsere "Plusminus"-Anfrage will sich die Nachlasspflegerin nicht äußern.

Am 2. Todestag ihres Cousins besuchen Ingrid G. und ihr Sohn Frank K. das Grab. Sie wissen immer noch nicht, wer nun Erbe von Jürgen wird. Frank K. ist sich sicher, dies war nicht der Wille des Verstorbenen gewesen. Und alles nur weil er vergessen hatte, sein Testament zu machen.

Seit wenigen Wochen ist immerhin klar: Der Verstorbene hat wohl einen Halbbruder, den er nie kennenlernte. Ob der allerdings noch lebt oder erbberechtigte Kinder hat, weiß die Familie nicht. Ein Ende der Erbensuche scheint in weiter Ferne.

Ein Beitrag von Sigrid Born-Berg
Online-Bearbeitung: Björn Glöckner
Der Beitrag wurde produziert vom Südwestrundfunk (SWR) für "Das Erste".

Stand: 26.05.2021 22:00 Uhr

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