SENDETERMIN Mi, 18.09.19 | 21:45 Uhr | Das Erste

Öko-Test

Wirtschaftskrimi

PlayGrafik: Zeitschrift Öko-Test
Öko-Test - Verluste und viele Fragen | Video verfügbar bis 18.09.2020 | Bild: SWR

Mitte Juli 2019 durchsucht die Staatsanwaltschaft die Redaktionsräume von Öko-Test. Auch die Privatwohnungen von Vorständen und Aufsichtsräten werden von der Staatsanwaltschaft durchsucht. Der Vorwurf: Untreue, es geht um viel Geld.

Aktionäre erhoffen Aufklärung

Wenig später, im August 2019, findet die Hauptversammlung der Öko-Test AG statt, Krisensitzung. Mittlerweile ist klar, es geht um einen Verlust von 5,6 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr. Die Nerven der Aktionäre liegen blank: "Vielleicht kommt ja die Polizei und kassiert heute die Leute, wer weiß. Ich bin hier aus Neugierde. Eigentlich wäre ich sonst nicht gekommen. Aber um Öko-Test, die AG, gebe ich nichts mehr. Schade! Ich bin zwanzig Jahre dabei. Schade!"

"Die haben alles verbrannt. Sozialdemokraten können halt nicht mit Geld umgehen. Der Rest wird auch noch verbrannt, befürchte ich."

Die Aktionäre erhoffen sich hier Aufklärung. Doch die Verantwortlichen schweigen, verweisen auf laufende Ermittlungen oder Vertragsgeheimnisse. Und welche Rolle spielt eigentlich die SPD?

DDVG und die Asiengeschäfte

Öko-Test gehört seit einigen Jahren zur Medienholding DDVG, ein kompliziertes Konzerngeflecht.  Geschäftsführer der DDVG ist Jens Berendsen, Eigentümerin der DDVG ist die SPD.

Grafik: Struktur von DDVG und Öko-Test
Öko-Test im Netzwerk von DDVG und SPD | Bild: SWR

2015 setzt die DDVG ein langgehegtes Vorhaben in die Tat um: Mit "Öko-Test" will man auf dem chinesischen Markt durchstarten. Produkttests, die von „Öko-Test“ in Deutschland durchgeführt werden, werden kostenlos auf einer chinesischen Internetseite veröffentlicht. Irgendwann soll der Verkauf von Testsiegeln an Hersteller Gewinne abwerfen, so der Plan. Doch zunächst kostet der China-Ableger der DDVG erstmal Geld, viel Geld. Auch Öko-Test Deutschland wird deshalb "angezapft", als die Mittel knapp werden. Jens Berendsen verbreitet Zuversicht.

In einer Mail, die "Plusminus" vorliegt, schreibt der DDVG-Geschäftsführer im Dezember 2017 an den damaligen Öko-Test-Chefredakteur: "Die Kapitaleinlage ist auf einem guten Weg."

Mehr als 1,2 Millionen Euro fließen von Öko-Test schließlich nach Asien. Aktienrechtler Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger hält das für unverantwortlich: "Man muss sich mal klar machen: Das Gesamtinvestment der Öko-Test-Holding betrug 2017 20 Prozent der Bilanzsumme. Das ist ja gigantisch. Wenn das wirklich ohne ordnungsgemäße und fundierte Prüfung abgelaufen sein sollte, also hier kann man sich sicher nicht auf Zurufe verlassen, wie alles bestens, wir sind voll im Plan. Das Schiff fährt in die richtige Richtung, die Frage ist nur wohin? Also das ist sicherlich zu wenig, wenn es sich darin erschöpft haben sollte."

Auch deswegen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Denn Jens Berendsen war bekannt: Der chinesische Ableger stand auf wackligen Beinen, das finanzielle Risiko für Öko-Test Deutschland sehr hoch. Und tatsächlich ist der chinesische Ableger wenig später pleite.

Welche Rolle spielt die SPD?

SPD-Parteizentrale
Welche Rolle spielt die SPD wirklich? | Bild: SWR

Was bisher nicht bekannt ist: Zweifel an dem China-Engagement gibt es von Anfang an. In Peking treffen wir einen Berater. Er sollte für Jens Berendsen den chinesischen Markt analysieren. Der Fachmann hatte damals starke Bedenken, reiste zu einem Gespräch mit der damaligen SPD-Schatzmeisterin nach Berlin. Doch plötzlich wollte man den Experten dann doch nicht dabeihaben, erzählt er uns: "Berendsen sagte mir kurz davor, ich dürfe am Gespräch mit der Bundesschatzmeisterin nicht teilnehmen, sondern sollte in der Cafeteria warten. Man wollte einfach nicht, dass die Entscheidungsträgerin der SPD irgendetwas negatives hört."

Hat die SPD also von dem Deal ihrer Medienholding gewusst und das millionenschwere Investment abgesegnet? Auffällig: Sogar Parteigrößen wie der damalige Bundesjustiz-und Verbraucherschutzminister Heiko Maas begleiten das Engagement. Es gibt Fotos von seinem Besuch in den Pekinger Büroräumen.

Und der jetzige SPD-Schatzmeister Dietmar Nietan erklärt: Mit der chinesischen Öko-Test werde eine "unabhängig informierte Zivilgesellschaft gefördert". Das könne man "als Sozialdemokrat nur begrüßen".

Der Berater und Insider erklärt: "Je mehr die SPD sich in der Öffentlichkeit für das Projekt engagierte, desto deutlicher erschien den Chinesen ihr Interesse. Auch deswegen haben die chinesischen Medien so zurückhaltend über die Testergebnisse berichtet. Sie wurden gar nicht groß in China verbreitet. Und somit ist es auch nicht verwunderlich, dass das Projekt am Ende auch gescheitert ist."

Auch Medienwissenschaftler Horst Röper kann nur den Kopf schütteln. Er hat die SPD früher einmal beraten. Die Sinnhaftigkeit des China-Deals bezweifelt er: "Es war von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Die DDVG ist ein Unternehmen, das im Wesentlichen Zeitungsverlage hält und sich in diesem nationalen Zeitungsmarkt auskennt. Sie hält ja sonst keine internationalen Beteiligungen. Und dann mit der einzigen größeren Zeitschrift im Konzern eben einen Schritt zu wagen, nicht nur ins europäische Ausland, sondern in einen völlig fremden Markt wie China. Das ist sicherlich keine Geschäftspolitik, die man nachvollziehen kann. Ich glaube, das ist schlicht Hybris, die den Vorstand da hat handeln lassen."

Grafik: Rolle von Jens Berendsen
Die Rolle von Berendsen ist schwer durchschaubar | Bild: SWR

Hinzu kommt: Derjenige, der den Deal eingefädelt hat, kontrolliert sich praktisch selbst. Jens Berendsen ist Geschäftsführer der DDVG, war damals aber auch Aufsichtsratsvorsitzender der Öko-Test in Deutschland und Direktor der chinesischen Firma. Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger meint dazu: "Das ist einfach ein Stück aus dem Tollhaus, das ist der pure Irrwitz, wie man so dümmlich einen Aufsichtsrat zusammenstellen kann. Da fehlen mir schlicht die Worte."

Aktionäre fühlen sich getäuscht

Wir besuchen einen Öko-Test-Aktionär der ersten Stunde in Wien. Max Deml hält das drittgrößte Aktienpaket. Lange Jahre war er überzeugt vom Investment in das renommierte Verbrauchermagazin "Öko-Test". Jetzt fühlt er sich getäuscht und sagt: "Öko-Test war über 30 Jahre ein Prüfsiegel ähnlich wie Stiftung Warentest, bundesweit bekannt. Und jetzt mit dem China-Abenteuer und dem Verlust daraus und den Skandalen, die jetzt staatsanwaltschaftlich untersucht werden, ist es für die Aktionäre natürlich ein Desaster."

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Frankfurt. Nach Recherchen von "Plusminus" auch gegen den sich selbst kontrollierenden Jens Berendsen wegen Interessenkollision.

Was sagt die SPD zu den Vorgängen? Man schreibt uns, man sei "nicht in das operative Geschäft eingebunden", die DDVG habe keine "politische Einflussnahme der SPD im In- und Ausland ausgeübt".

Dabei zeigen unsere Recherchen: Man wusste im Willy-Brandt-Haus sehr wohl von dem Deal, hat vor Ort in Peking ja sogar PR-Termine wahrgenommen. Mittlerweile stehen die Büroräume in Peking leer, der chinesische Öko-Test-Ableger wurde für umgerechnet rund 11 Euro verscherbelt, an einen SPD-Parteigenossen von Jens Berendsen.

Das DDVG-Investment in China ist krachend gescheitert, die deutsche Öko-Test ist damit finanziell massiv unter Druck geraten. Öko-Test fehlen Millionen. Die Aktionäre sind sauer, wollen aber auch nicht tatenlos zusehen, wie eine der renommiertesten deutschen Test-Zeitschriften kaputt geht.

Öko-Test Aktionär Max Deml sieht die Sache so: "Die Zeit läuft eigentlich gegen Öko-Test und ich hätte mit einigen Kollegen eine Art Investoren-Konsortium geplant, das die Mehrheit von der DDVG übernehmen könnte und wieder einen ursprünglichen Weg für dieses Magazin weitergeht, durchaus mit Gewinnaussichten vielleicht in einigen Jahren. Aber dieser Weg, der ist sehr weit und man müsste jetzt die Weichen stellen. Und was ich von der SPD und von Berendsen gehört habe vor kurzem, man will diese Mehrheit nicht aufgeben. Man denkt, man bringt das selbst wieder in Schuss. Ich zweifle daran."

Einst hat die SPD den Gang ihrer Medienholding DDVG nach China gefeiert. Heute will sie anscheinend mit dem Deal nichts mehr zu tun haben. Denn tatsächlich hat der Ausflug nach China eine der renommiertesten Verbrauchzeitschriften an den Rand des Ruins gebracht.

Stand: 19.09.2019 14:20 Uhr

12 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi, 18.09.19 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Südwestrundfunk
für
DasErste