SENDETERMIN Do, 31.01.19 | 05:00 Uhr | Das Erste

"Öko-Test"

PlayGrafik: Zeitschrift Öko-Test
Ökotest | Video verfügbar bis 30.01.2020 | Bild: SWR

– Auf die Testurteile der "Öko-Test" verlassen sich viele Verbraucher seit mehr als 30 Jahren.
– Hinter den Kulissen tobt nach Recherchen von "Plusminus" und "Der Spiegel" ein Streit um Millionenverluste, fragwürdige Geschäftsmodelle und die künftige Geschäftsstrategie.
– Schwierige Zeiten für eine Zeitschrift, die maßgeblich von ihrem guten Ruf lebt.

Eine kurze Umfrage von "Plusminus" zeigt, dass Verbraucher den Testurteilen der Zeitschrift "Öko-Test" vertrauen und ihr Kaufverhalten davon beeinflussen lassen. Doch kaum einer ahnt, dass hinter den Kulissen ein Kampf um Geld, Macht und Strategie tobt. Vor einigen Tagen fand eine außerordentliche Hauptversammlung der Öko-Test Holding AG. Thema war das finanzielle Überleben.

Plötzlich große Verluste

Es geht um viel Geld. Die "Öko-Test" Holding hatte 2017 noch rund 4,4 Millionen Euro. Ein Jahr später sind mehr als 3 Millionen Euro davon verschwunden. Wie konnte das passieren?

Produkte mit Öko-Test-Siegel
Verbraucher vertrauen oft dem Öko-Test-Siegel | Bild: SWR

Wir treffen Jürgen Stellpflug. Er hat "Öko-Test" geprägt und war jahrzehntelang Chefredakteur. Er hält selbst ein großes Aktienpaket. Im vergangenen Jahr wird ihm gekündigt. Offizielle Begründung des Aufsichtsrates: Jürgen Stellpflug soll sich der neuen Digitalstrategie widersetzt haben. Er meint dazu jedoch: "Der wahre Grund war, dass ich unbequem wurde, dass ich Ärger gemacht habe, dass ich Fragen gestellt habe und Forderungen gestellt habe wegen unklarer Transaktionen, unklarer Forderungen beim Mutter-Konzern, die DDVG."

Was kaum jemand weiß: Die "Öko-Test" Holding gehört zur Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft, kurz DDVG, eine riesige Medienbeteiligungsgesellschaft. Eigentümer: Die SPD.

Über die Jahre hat sich die DDVG ein weitverzweigtes Firmenkonglomerat mit verschiedenen Bereichen aufgebaut. Auffällig: Im Bereich, zu dem "Öko-Test" gehört, befinden sich zahlreiche Unternehmen mit Verlusten in Millionenhöhe. Zu den defizitären Unternehmen der vergangenen Jahre gehören die Internetplattform Utopia, der Online-Store Avocado oder der Kinderbuchverlag Tivola.

Der Verleger Max Deml ist der drittgrößte Aktionär bei "Öko-Test". Er kann nicht nachvollziehen, wie bei "Öko-Test" Millionen verschwinden konnten: "Das war eigentlich als eiserne Reserve gedacht. Und da konnte man natürlich relativ leicht auf diese Gelder zugreifen, weil es ja auch inhaltlich zusammen fällt mit der chinesischen 'Öko-Test'"

Engagement in China

Was hat es mit dieser chinesischen "Öko-Test" auf sich? Die DDVG gründet 2014 als Mehrheitsgesellschafter in Hongkong ein Unternehmen, die Cavete Global Limited. Die Idee dahinter war, chinesische Produkte unter der Regie der deutschen "Öko-Test" prüfen zu lassen. Die Ergebnisse kostenlos in China online veröffentlichen und über den Verkauf von "Öko-Test"-Siegeln Geld verdienen. Doch das Geschäft läuft nicht so richtig. Frisches Geld ist nötig und damit beginnt das Drama.

Jürgen Stellpflug
Jürgen Stellpflug | Bild: SWR

Jürgen Stellpflug erläutert dazu: "Um diese finanziellen Schwierigkeiten zu beheben, hat der Chef der DDVG, Herr Berendsen, darauf gedrungen, dass sich "Öko-Test" an dieser Firma in China beteiligt, nämlich zunächst einmal mit einer 600.000 Euro großen Beteiligung und dann mit einem weiteren Darlehen von 600.000 Euro."

Und das, obwohl Jens Berendsen, Geschäftsführer der DDVG, wohl schon längst klar sein musste, dass das Geschäftsmodell in China nicht funktioniert. An Jürgen Stellpflug aber schickt er damals eine Mail mit folgendem Inhalt: "Die Kapitalanlage ist auf gutem Weg." 600.000 Euro sollen fließen. Jürgen Stellpflug wehrt sich damals nicht, heute behauptet er: "Und hier muss ich sagen, da hat er einfach mit falschen Karten gespielt. Da wusste er schon, dass es wirklich äußerst kritisch um China steht und dass die Möglichkeit, dass wir bei 'Öko-Test' dieses Geld nie wiedersehen, sehr sehr hoch ist, wenn nicht sogar bei 100 Prozent liegt."

Der Geschäftsführer der DDVG, Jens Berendsen, ist auch Aufsichtsratsvorsitzender der Öko-Test AG und gleichzeitig Direktor der Hongkonger Firma Cavete Global Limited.

Die Finanzjournalistin Barbara Sternberger-Frey ist ebenfalls Öko-Test Aktionärin. Die Rolle von Jens Berendsen sieht sie kritisch: "Da stellt sich mir schon die Frage als Aktionär, für wen ist er denn da eigentlich tätig, wessen Interessen vertritt er. Liegt da nicht ein unlösbarer Interessenskonflikt vor?"

Wir konfrontieren Jens Berendsen mit den Vorwürfen. Er sehe keinen Interessenkonflikt, er habe "... zu keinem Zeitpunkt, auch nicht im Rahmen der Investitionen bei CAVETE, für 'Öko-Test' gehandelt. Dessen Interessen wurden ausschließlich durch Jürgen Stellpflug wahrgenommen."

Erstaunlich: Dabei ist Jens Berendsen als Aufsichtsrat auch Kontrolleur.

Streit um neue Ausrichtung von "Öko-Test"

Doch nicht nur das China-Geschäft brachte Verluste. Aufwändige Produkttests von "Öko-Test" in Deutschland wurden durch das DDVG Tochterunternehmen Utopia kostenlos auf deren Webseite veröffentlicht. Dem "Öko-Test"-Verlag sind damit Einnahmen verloren gegangen.  

Außerdem sollte sich das Geschäftsmodell von "Öko-Test" grundlegend verändern, Testlabel gegen hohe Gebühren an Firmen verkauft werden, sehr zum Missfallen des damaligen Chefredakteurs Jürgen Stellpflug. Er meint dazu: "Aber was soll denn ein Verbraucher denken, wenn er hört, 'Öko-Test' nimmt für das Label Geld. Der muss sich doch ganz klar denken, naja, dann haben die doch Interesse an vielen guten Testergebnissen, weil für mangelhaft oder ungenügend will keiner ein Label haben. Das heißt also, die Glaubwürdigkeit des Labels ist durch die Vermarktung schlicht futsch."

Label Öko-Test auf einem Kosmetikprodukt
Was wird das Öko-Test-Label noch wert sein? | Bild: SWR

Dennoch findet sich auf der Homepage inzwischen der Hinweis, man habe die Gebühren für Testlabel erhöhen müssen. Die Aktionäre von "Öko-Test" machen sich große Sorgen um die Zukunft der Marke, wie Aktionär Max Deml erklärt: "Wenn man sagt, ich verkaufe die Labels zu einem hohen Preis, da können Abhängigkeiten entstehen zu einzelnen Unternehmen. Das würde natürlich die Glaubwürdigkeit des ganzen Labels reduzieren."

Die DDVG ist jedenfalls überzeugt, die Marke "Öko-Test"  werde als unabhängige Testinstanz für Verbraucherschutz erhalten bleiben. Wie die SPD die Geschäftspolitik ihrer DDVG sieht, bleibt offen. Trotz mehrfacher Anfrage hat sie sich dazu bislang nicht geäußert.

Auf der Hauptversammlung wurde der Verlag von der Holding geschluckt, die Insolvenz erst einmal abgewendet. Doch zahlreiche Aktionäre planen eine Strafanzeige gegen den damals amtierenden Vorstand und Aufsichtsrat. Dann könnte es für Jens Berendsen, aber auch für Jürgen Stellpflug eng werden.

Stand: 18.05.2019 16:07 Uhr

9 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.