SENDETERMIN Mi., 15.01.20 | 21:45 Uhr | Das Erste

Pelzindustrie

Die Geschäfte mit Nerzen in Deutschland gehen weiter

PlayGrafik: Pelzbekleidung aus Nerz
Pelzindustrie – Weiter Geschäfte mit Nerzen in Deutschland | Video verfügbar bis 15.01.2021 | Bild: SWR

• In Deutschland ist die Zucht von Nerzen zur Pelzerzeugung durch hohe Auflagen unrentabel.
• Die Pelztierzucht hat sich ins europäische Ausland verlagert, wo die Tiere nicht artgerecht gehalten werden.
• Nach dem Töten und Häuten landen tausende Kadaver in Containern in deutschen Tierverwertungsanlagen und werden als Rohstoff für die Biodieselproduktion verarbeitet.

Verletzter Nerz im engen Käfig
Verletzte Nerze quälen sich in engen Käfigen | Bild: Anima

Auf einem Autobahn-Parkplatz wollen wir von Autofahrern wissen, was Nerzfarmen mit Diesel zu tun haben. Doch die traurige Wahrheit kennt keiner. Aus dem Norden Dänemarks haben uns Aktivisten der dänischen Tierrechtsgruppe Anima Aufnahmen aus dänischen Nerzfarmen zukommen lassen. Sie zeigen gequälte und verletzte Tiere, untergebracht in viel zu engen Drahtkäfigen.

Ausweichen vor strengen deutschen Tierschutzgesetzen

Johanna Fuoß, Pelzexpertin der Tierrechtsvereinigung PETA e.V.
Johanna Fuoß, Pelzexpertin der Tierrechtsvereinigung PETA e.V.  | Bild: SWR

Johanna Fuoß ist die Pelzexpertin der Tierrechtsvereinigung PETA e.V. Sie hat gemeinsam mit ihren dänischen Kollegen in der Pelzszene recherchiert und berichtet: "Diese Haltung dieser Nerze aus dänischen Farmen ist in Dänemark legal, aber würde gegen das Tierschutzgesetz in Deutschland verstoßen, denn hierzulande gelten viel strengere Gesetze für die Haltung von Nerzen. Zumindest muss den Tieren zum Beispiel ein Wasserbecken geboten werden, die Käfige müssen größer sein und es muss ein bestimmtes Beschäftigungsmaterial da sein. Daher würde die Produktion dieser Tiere gegen das deutsche Tierschutzgesetz verstoßen."

Und genau deshalb hat sich in den vergangenen Jahren die Nerzproduktion von Deutschland in Nachbarländer verlagert, vor allem nach Dänemark. Hier wurden allein 2019 19 Millionen Nerze gezüchtet. Mancherorts, so zeigen die Recherchen der Tierrechtler, steht Anlage neben Anlage.

Was passiert mit den getöteten Nerzen?

Luftbild einer Nerzfarm in Dänemark
Nerzfarm in Dänemark mit tausenden Tieren

Einige der Farmen, in denen tausende von Nerzen gehalten werden, haben die Tierschützer genauer untersucht. Ein Betrieb wurde sogar einer Langzeitbeobachtung unterzogen. Die PETA-Aktivistin berichtet: "Also, da kommen dann ganze Lastwägen und machen dann die Container voll mit diesen gehäuteten Tieren, in der Regel werden die Tiere auf der Farm selber gehäutet."

Die Felle werden weiterverkauft. Aber was passiert mit den zehntausenden Kadavern, die hier pro Jahr übrigbleiben? Die Tierschützer haben den Weg der toten Nerze verfolgt und Erstaunliches festgestellt: "… die Container werden dann nach Rendac-Jagel gefahren, das ist eine Tierkörperbeseitigungsanlage in Schleswig- Holstein."

Jagel liegt nur wenige Kilometer hinter der dänischen Grenze. Dort ist auch ein Sitz von Rendac, ein großes deutsches Tierkörperbeseitigungsunternehmen.

Container mit toten Nerzen
Nerzkadaver werden containerweise geliefert | Bild: PETA e.V.

Mitarbeiter der Firma haben der Tierrechtsvereinigung Bilder der Container zugespielt, die aus Dänemark angeliefert wurden. Zu sehen sind tausende tote Tiere. Warum werden tote Nerze von Dänemark nach Deutschland gekarrt, mehr als 300 km weit? Die Firma erklärt uns gegenüber: "Aufgrund der geographischen Nähe zum Nachbarland und freien Kapazitäten in unserer Anlage arbeiten wir auch mit Kunden aus der Nerzindustrie in Dänemark zusammen."

Tote Nerze als Rohstoff?

Tatsache ist, dass die Tierkörperbeseitigung hier günstiger ist als in Dänemark, so erzählen uns das Veterinäre. Und das ist längst nicht alles. Wir erfahren, dass die Nerze hier nicht nur einfach entsorgt, sondern wie ein Rohstoff verarbeitet werden. Ein Interview hierzu hat die Firma abgelehnt, antwortet nur schriftlich:

»Unser Unternehmen ist nicht aktiv in der Nerzindustrie tätig, vielmehr tragen wir Sorge, dass ein Teil dieser tierischen Rohstoffe sicher (…) verarbeitet wird. (…) gegenwärtig wird ein Großteil des Tierfettes in die Biodieselindustrie verkauft und ersetzt dadurch teilweise Palmöl, welches bisher hauptsächlich zur Biodieselproduktion verwendet wird.«

Pelzexpertin Laura Zidrow von Animal Public
Pelzexpertin Laura Zidrow von Animal Public  | Bild: SWR

Nerze, aus einer Produktion, die in Deutschland illegal wäre, landen in unserem Sprit und dann ausgerechnet in "Bio"-Diesel. Für Pelzexperten, wie Laura Zidrow von Animal Public wird damit indirekt eine Produktion unterstützt, die hierzulande so schon lange untersagt ist. Sie meint dazu: "Die Tatsache, dass wir keine Nerzfarmen mehr haben, aber gleichzeitig die Nerzfarmen in anderen Ländern unterstützen, das passt überhaupt nicht zusammen. Und das ist nur möglich, weil die Verbraucher es nicht wissen und das System nicht transparent ist. Keiner weiß im Augenblick, wenn er tankt, dass er damit indirekt Pelzfarmen in anderen Ländern unterstützt. In dem Augenblick, in dem der Verbraucher Biodiesel tankt, denkt er, er tut etwas Gutes. Er tankt nachwachsende Rohstoffe und ihm ist nicht bewusst, dass er damit eine tierquälerische Industrie unterstützt."

Als wir einige Autofahrer mit diesen Rechercheergebnissen konfrontieren, sind sie erschrocken und schockiert. Doch manchem ist auch bewusst, dass es ohne den Pelzhandel auch keine getöteten Netze im Biodiesel landen würden.

Damit geht in Deutschland das Geschäft mit den Nerzen weiter, obwohl diese Tierquälerei aus gutem Grund hier so nicht mehr erlaubt ist. Tierrechtsgruppen fordern ein Verbot der Nerzzucht in der gesamten EU, doch in Brüssel ist das Thema noch nicht angekommen.

Anmerkung:

Kurz vor der Sendung hat sich der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie dazu zu Wort gemeldet und erklärt in einer Stellungnahme:  "Biodiesel mit tierischen Fetten dürfe in Deutschland nicht eingesetzt werden. Dies verböten die gesetzlichen Vorgaben."

Gleichwohl wird jedoch Diesel mit beigemischtem Biodiesel aus den Niederlanden in großer Menge nach Deutschland exportiert.

Stand: 15.01.2020 23:44 Uhr

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