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Pflegeheime

Trotz Corona Maßnahmen immer noch schlecht geschützt

PlayBetreuung im Pflegeheim
Pflegeheime – Trotz Corona-Maßnahmen schlecht geschützt | Video verfügbar bis 27.01.2022 | Bild: Colourbox/Imago/SWR

  • • Nur in wenigen Pflegeheimen konnte bereits die zweite Corona-Impfung verabreicht werden. In zahlreichen Heimen mussten Impftermine wieder abgesagt werden, da es an Impfstoff mangelt.
  • • In manchen Bundesländern wurden verpflichtende Schnelltests erst jetzt eingeführt. Für die Pflegeheime bedeuten sie zusätzliche Arbeit. Sie leiden ohnehin schon an Personalnot.
  • • Experten werfen der Politik eine falsche Strategie vor. Die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen müssten schon lange besser geschützt werden.

Für die Senioren-Residenz Nieder-Olm ist es endlich soweit, das mobile Impfteam wird Bewohnern und Pflegekräften die zweite Dosis verpassen. Damit gehören sie zu den ganz wenigen in Deutschland. Wer in diesem Heim in Rheinland-Pfalz lebt, hat Glück. Viele andere Senioren haben noch nicht einmal die erste Dosis bekommen.

Geschäftsführer Christoph Loré ist noch für acht weitere Heime zuständig. In zweien davon ist der bereits zugesagte Impf-Termin gerade wieder abgesagt worden, der Impfstoff wurde nicht geliefert. Er berichtet: "Im Saarland haben wir eine Einrichtung, die bereits zweimal einen Termin hatte, auf den sich auch vorbereitet wurde, der wurde dann jeweils kurzfristig abgesagt."

Können Impfversprechen nicht gehalten werden?

Eine Corona-Impfung wird verabreicht
Eine Corona-Impfung wird verabreicht | Bild: SWR

Ausgerechnet jetzt, wo es mit dem Impfen doch eigentlich so richtig losgehen sollte, müssen mehrere Bundesländer Impf-Zwangspausen einlegen. Dabei klangen die Versprechen der Politik noch vor wenigen Wochen ganz anders. So sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: "Wenn wir es schaffen, und das ist das Ziel mit den Ländern, im Januar alle Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner zu impfen, ... dann nehmen wir dieser Pandemie schon einen großen Teil ihres Schreckens."

Doch stattdessen sind jetzt tausende Impftermine erstmal auf Eis gelegt. Dabei ist die Situation gerade dramatisch: Bundesweit starben in den vergangenen Tagen weiterhin knapp 1.000 Menschen täglich an Corona, der Großteil davon sind Ältere.

Auch die Senioren-Residenz Nieder-Olm hatte gerade erst mit einem Infektionsausbruch schwer zu kämpfen. 52 Mitarbeiter und Bewohner waren infiziert. Sechs Bewohner starben sogar an Corona. Das alles hat auch Geschäftsführer Christoph Loré schwer zu schaffen gemacht: "Die Mitarbeiter zu sehen, wie sie am Limit arbeiten, Bewohner zu sehen, wie sie sterben, reihenweise sterben, das nimmt einen schon emotional mit."

Vor ähnlichen Herausforderungen stehen derzeit viele Pflegeheime, auch eines in Weimar. Hier wurde bislang noch niemand geimpft. Stattdessen versuchen die Mitarbeiter gerade einen Corona-Ausbruch zu verhindern, nachdem eine Bewohnerin positiv getestet wurde. Um die Infektion einzudämmen, wurde zur Sicherheit ein ganzes Stationshaus abgeriegelt.

Für die Pfleger bedeutet das jede Menge Zusatzarbeit. Nancy Nauhardt, Wohnbereichsleitung der Marie-Seebach-Stiftung, berichtet: "Wir haben keine einzige Pause mehr. Wir können nicht mehr frühstücken, das funktioniert nur zwischendurch bei der Dokumentation. Wir bauen auch dauerhaft Überstunden auf und alle arbeiten am Limit, einfach am Limit."

Die Bewohner im Quarantäne-Bereich dürfen ihre Zimmer nicht mehr verlassen, auch wenn beispielsweise ein Ehepartner im anderen Gebäude untergebracht ist.  

Dramatische Situation in den Alten- und Pflegeheimen

Die Situation in den Heimen hat sich im Vergleich zur ersten Welle dramatisch verschlimmert. Dabei betont die Politik seit Beginn der Pandemie, wie wichtig es sei, Risikogruppen zu schützen, so wie Angela Merkel am 18. März 2020: "Am besten kaum noch Kontakte zu den ganz Alten, weil sie eben besonders gefährdet sind."

Infektiologe Prof. Matthias Schrappe
Infektiologe Prof. Matthias Schrappe | Bild: SWR

Dabei weiß sich die Regierung nicht anders zu helfen, als einen Lockdown nach dem anderen zu verkünden. Der Nutzen für die am meisten von Corona gefährdeten Menschen sei gering, meint der Infektiologe Prof. Matthias Schrappe, ehem. stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit. Er und weitere Wissenschaftler fordern, dass die Politik andere Maßnahmen ergreifen müsse, um Risikogruppen zu schützen: "Ich glaube, dass jetzt der Misserfolg dieser nicht optimalen Politik in der ganzen Bandbreite deutlich wird. Wir haben rund 50.000 Todesfälle, 90 Prozent davon bei Personen über 70 Jahre. Und die Gesellschaft merkt langsam, dass die Politik auf dem falschen Weg ist und dass man dringend einen Strategiewechsel braucht."

Vor allem bei den Pflegeheimen mache sich die falsche Strategie bemerkbar. Das zeigt auch eine aktuelle Umfrage von "Plusminus". Bei 370 Stadt- und Landkreisen haben wir nachgefragt: Wie viele der Corona-Toten kamen seit Anfang Dezember aus Pflegeheimen? Das erschreckende Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Corona-Toten waren Bewohner von Pflegeheimen. Wer Leben retten will, muss hier ansetzen.

Grafik: Corona-Tote in Pflegeheimen
Mehr als die Hälfte der Corona-Toten kommen aus Pflegeheimen | Bild: SWR

Der Virologe Klaus Stöhr war 15 Jahre lang für die WHO tätig und für mehrere Impfprogramme zuständig. Er fordert schon lange mehr Schnelltests in Pflegeheimen: "Es geht ja darum, die Erkrankung aus dem Heim draußen zu lassen. Da betrifft es das Pflegepersonal und die Besucher. Und da machen Schnelltests einen Riesenunterschied. Schnelltests müssen häufig durchgeführt werden und natürlich regelmäßig und ohne Lücken."

Hat die Politik zu spät gehandelt?

Doch in manchen Bundesländern wurden diese erst vor wenigen Tagen für Heime verpflichtend. In der Senioren-Residenz Nieder-Olm wurden Bewohner und Mitarbeiter seit Dezember einmal pro Woche mit einem Antigen-Schnelltest getestet. Das Ergebnis ist allerdings immer nur eine Momentaufnahme. Eigentlich müsste täglich getestet werden. Doch das ist personell nicht zu schaffen, wie Geschäftsführer Christoph Loré berichtet: "Die Pflegebranche hat seit vielen Jahren eine Unterbesetzung. Die Tests, die wir jetzt bereits durchführen, im Schnitt 800 Tests pro Monat, stellen uns personell bereits vor Riesen-Herausforderungen. Das ist Personal, das wir irgendwo abzweigen müssen, dass dann in der Pflege und Betreuung unserer Heimbewohner fehlt."

Ein Schnelltest dauert mit Vor- und Nachbereitung 20 Minuten. Seit dieser Woche sind in Rheinland-Pfalz zwei Tests pro Woche vorgeschrieben. Das bedeutet rund 530 Arbeitsstunden pro Monat. Ohne zusätzliche Unterstützung ist das nicht zu schaffen. Schon Mitte Dezember hat Christoph Loré einen Brandbrief an die saarländische Landesregierung geschrieben, es brauche mehr Personal. Eine Antwort hat er bislang nicht bekommen. Auch andere Heime fühlen sich von der Politik allein gelassen.

Impfstoff-Produktion
Die Impfstoffproduktion läuft, aber wie viel kommt an? | Bild: SWR

Hat die Politik zu lange ihre Hoffnung auf den Impfstoff gesetzt, bei dem es nun zu Lieferschwierigkeiten kommt? Die Bundestagsabgeordnete Bettina Stark-Watzinger von der FDP meint, das hätte man vermeiden können, wenn die Politik frühzeitig einen Pharmagipfel einberufen hätte: "Nur wenn Bestellungen vorliegen, wenn Planungssicherheit für die Unternehmen da ist, bauen Sie die Kapazitäten auf. Das geht nicht über Nacht. Wir sehen es jetzt. Deswegen hätte man früher handeln müssen."

Was sagt das Bundesgesundheitsministerium zur Kritik? Auf unsere konkreten Fragen erhielten wir keine Antworten. Stattdessen verweist man uns auf zwei Pressekonferenzen auf Youtube. Doch auch hier finden wir keine Antworten zu unseren Fragen.

Experten wie Prof. Matthias Schrappe kritisieren dagegen, die Politik hätte schon lange zusätzliche Maßnahmen ergreifen müssen: "Ein Jahr haben wir ins Land gehen lassen, wo man eigentlich wusste, dass es zu dieser Entwicklung bei den so genannten vulnerablen Gruppen kommt. Ein Jahr lang haben wir die Option nicht gezogen, hier Programme zu entwickeln."

In der Senioren-Residenz Nieder-Olm hat das Impfteam seine Arbeit erledigt. Nach fünf Stunden sind fast alle Bewohner und auch der Großteil des Personals geimpft. Geschäftsführer Christoph Loré meint dazu: "Es ist für uns jetzt so ein Stück weit ein Hoffnungsschimmer da. Also wir haben berechtigterweise die Hoffnung, dass dadurch ein Stück weit Normalität zurückkommen kann im Jahresverlauf."

Wann es in seinen anderen Heimen weitergeht, weiß Christoph Loré noch nicht. Er hofft, dass der Impfstoff kommt, bevor das Virus zuschlägt.

Ein Beitrag von Moritz Hartnagel und Barbara Hirl
Online-Bearbeitung: Björn Glöckner
Der Beitrag wurde produziert vom Südwestrundfunk (SWR) für "Das Erste".

Stand: 28.01.2021 10:41 Uhr

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