SENDETERMIN Mi, 25.07.18 | 21:45 Uhr

Umstrittener Platinabbau

Welche Verantwortung trägt die deutsche Industrie?

PlayGrafik: Platin
Umstrittener Platinabbau – Verantwortung der Industrie? | Video verfügbar bis 25.07.2019 | Bild: SWR

– Deutsche Unternehmen beziehen Platin aus südafrikanischen Minen und erwirtschaften damit Milliardengewinne.
– Die Bergarbeiter dagegen leben in ärmlichsten Verhältnissen, teils ohne Strom und Wasser.
– Verschiedene Organisationen kämpfen dafür, dass die Unternehmen Verantwortung für die Abbaubedingungen übernehmen.

Auf der Jahreshauptversammlung 2018 der BASF in Mannheim gab es gute Nachrichten für die Aktionäre: Der Chemiekonzern hat wieder einen Milliardengewinn erzielt, erhöht die Dividende zum 8. Mal in Folge. Getrübt wird die gute Stimmung nur von Demonstranten aus Südafrika.

Platinerz aus Südafrika

Die Demonstranten kommen aus Marikana. Dort liegt eine der größten Platinminen der Welt. Hauptkunde ist die BASF. Vor wenigen Jahren wird die Mine zum Schauplatz des schlimmsten Massakers der jüngeren Geschichte Südafrikas. Minenarbeiter protestieren gegen Hungerlöhne und katastrophale Lebensbedingungen. Die Situation eskaliert. Die Polizei rückt an und eröffnet das Feuer. Am Ende sind 34 Bergarbeiter tot und 78 Menschen verletzt. Die Hinterbliebenen sollten vom Minenbetreiber Lonmin eine Entschädigung erhalten. Doch die blieb aus.

Demonstration vor der BASF-Hauptversammlung
Demonstration für Unternehmensverantwortung | Bild: SWR

Die Demonstranten in Mannheim sehen neben dem Minenbetreiber auch BASF als größten Kunden in der Verantwortung. BASF benötigt das Edelmetall nicht nur für die eigene Produktion, sondern handelt auch damit auf den Rohstoffmärkten und das sogar im großen Stil.

Thumeka Magwangquana, Bürgerrechtlerin aus Marikana erklärt: "Wir sind aus Südafrika hierhergekommen, um die Aktionäre an ihre Verantwortung zu erinnern. Denn die BASF schaut weg. Sie denken nicht mal an die Menschen, die in Marikana gestorben sind. Das waren unsere schwarzen Brüder. Deshalb wollen wir mit der BASF darüber sprechen, was in Marikana passiert ist."

Die BASF ist einer der größten Platin-Einkäufer der Welt, vor allem für Auto-Katalysatoren. Damit hat der Chemieriese im letzten Jahr rund sieben Milliarden Euro Umsatz gemacht. Und die Katalysator-Produktion soll noch weiter ausgebaut werden, hat das Unternehmen angekündigt. Für jeden Katalysator werden einige Gramm Platin benötigt.

Profit und Unternehmensverantwortung

Platin, für das Menschen in Südafrika gestorben sind, beklagen auch Aktionäre der BASF, die nicht wegschauen. Markus Dufner vom Verband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre erläutert: "BASF brüstet sich immer damit, dass es die Unternehmensverantwortung vorbildlich einhält und sich an alle Gesetze hält. De facto sieht es aber so aus, dass es sich weitgehend seiner Verantwortung gegenüber seinem Zulieferer Lonmin entzieht."

Denn auch wenn BASF die Mine nicht selbst betreibt, hat der Konzern nach Meinung der Kritischen Aktionäre als Hauptkunde von Lonmin eine Mitverantwortung für die dortige Platinproduktion.

Wir bekommen ein Interview bei der BASF, konfrontieren das Unternehmen mit den ausbleibenden Entschädigungen für die Hinterbliebenen des Massakers. Thorsten Pinkepank, BASF Direktor Nachhaltigkeit, sagt: "Ich habe mich da mit vielen Menschenrechtsexperten, aber auch NGOs, unterhalten, die uns beraten haben, was müsst ihr da tun? Und danach müssen wir nicht die Entschädigungen zahlen. Das wäre, glaub ich, etwas, dass BASF für andere übernimmt und das ist nicht unsere Position und auch nicht unsere Verantwortung hier."

Abbau unter extremen Bedingungen

Doch den Demonstranten geht es nicht nur um die ausgebliebenen Entschädigungen. Sie wollen, dass BASF auch mehr Verantwortung für die Arbeits- und Lebensbedingungen zeigt. Die hätten sich seit den tödlichen Protesten nicht verbessert. Wir wollen uns selbst ein Bild davon machen und reisen nach Südafrika.

Karte Südafrika mit Platingürtel
Der Platingürtel in Südafrika | Bild: SWR

Das Land hat die größten Platinvorkommen der Welt. Rund 70 Prozent des weltweiten Platins kommen von hier. Das meiste davon aus dem sogenannten "Platin-Gürtel". Dort liegt auch die umstrittene Marikana-Mine. Um die Mine wohnen die Arbeiter mit ihren Familien in einfachsten Blechhütten. Niemand weiß genau, wie viele es sind, die hier in völliger Armut leben. Es sollen bis zu 100.000 sein. Die Slums reichen bis zum Horizont.

Chris Molebatsi führt uns durch die Slums. Das Massaker war für ihn der Auslöser, sich für die Minenarbeiter und ihre Familien einzusetzen. Nichts habe sich seitdem verbessert, erzählen uns die Bewohner: "Das größte Problem hier: Es gibt keine Kanalisation. Alles ist sehr schmutzig. Viele haben kein Wasser und auch keinen Strom."

Schon seit mehr als zehn Jahren verspreche der Minenbetreiber Lonmin hier tausende neue Häuser zu bauen. Passiert ist bislang fast nichts.

Chris Molebatsi, Aktivist aus Marikana, erzählt: "Lonmin hatte versprochen, 5.500 Häuser für die Arbeiter zu bauen. Aber sie haben nur diese Musterhäuser hingestellt und dann gesagt, um den Rest muss sich die Regierung kümmern. Lonmin hat sich gedrückt, deshalb haben wir jetzt die Probleme."

Ein Interview vor der Kamera lehnt der Minenbetreiber Lonmin ab. Schriftlich teilt man uns mit, dass man rund 1.000 kleine Appartements für die Minenarbeiter bauen wolle. Statt 5.500 Häuser nur 1.000 Appartements, wie soll das reichen für 30.000 Arbeiter und ihre Familien?

Bergarbeitersiedlung in Südafrika
Die Bergarbeiter leben unter armseligen Verhältnissen | Bild: SWR

Dass die lange versprochenen Häuser wohl nie gebaut werden, gibt jetzt auch die BASF erstmals zu. Von Thorsten Pinkepank, BASF Direktor Nachhaltigkeit, heißt es dazu: "Diese 5.000 Hausversprechungen in der Tat hat Lonmin inzwischen zurückgezogen. Das haben sie auch gesagt, das war ein Versprechen, dass sie nicht halten konnten … Wir werden weiterhin, wie in den letzten zehn Jahren auf unseren Lieferanten einwirken, etwas zu tun, möglichst viel zu tun."

Gefährlicher Abbau

Deshalb habe BASF auch die Arbeitsbedingungen in der Platinmine untersucht. Die Ergebnisse will das Unternehmen nicht veröffentlichen. Behauptet aber: "Insbesondere unter Tage hat das Thema Arbeitssicherheit für Lonmin einen hohen Stellenwert."

Diesen Eindruck vermitteln auch die Bilder auf der Homepage von Lonmin: Bestens ausgestattete, saubere Arbeiter.

Platinabbau unter extremen Bedingungen
Platinabbau unter extremen Bedingungen | Bild: SWR

Minenarbeiter vor Ort erzählen uns etwas völlig anderes. Wir müssen sie verdeckt filmen, denn wer Kritik in der Öffentlichkeit äußert, wird gefeuert, berichten uns zwei Minenarbeiter: "Immer wieder sterben Kumpel unter Tage, das hat sogar zugenommen. Manchmal werden Arbeiter wochenlang in den Stollen vermisst, und manche werden nie gefunden."

Weiter berichtet ein Arbeiter: "Ich bin ein Rock Driller, das heißt, ich arbeite mit einem Presslufthammer in einem ganz flachen Stollen, in dem ich nicht mal stehen kann. Wir haben zwar Schutzmasken, aber darunter bekommen wir nicht genug Luft, also nehmen wir sie immer wieder ab."

Die Arbeiter haben Angst, davon krank zu werden und viele würden auch krank.

Auswirkungen auf Umwelt und Anwohner

Gesundheitliche Folgen habe die Mine auch auf die Anwohner, beklagt John Capel, Direktor der "Bench Marks Foundation". Er hat die Auswirkungen des Platinabbaus untersucht und erklärt: "Es gibt circa 20 Gemeinden, die für die Platinmine umgesiedelt wurden. Und diese Menschen haben ihre Lebensgrundlage verloren. Dazu kommen die gesundheitlichen Auswirkungen durch verschmutztes Wasser und Schwefelabgase in der Luft. Wir haben Studien dazu gemacht: Die Situation ist nicht besser geworden, sondern schlechter."

Wir wollen uns eine weitere Mine anschauen und fahren Richtung Norden an die Grenze zu Botswana. Hier befindet sich die Mogalakwena-Mine, die größte Tagebau-Platinmine der Welt. Diese beliefert nicht nur BASF mit Platin, sondern auch den Autobauer BMW. Erst aus der Luft sind ihre Ausmaße zu erkennen: Die ganze Landschaft ist übersäht mit riesigen, tiefen Kratern.

Der größte Platin-Tagebau der Welt
Der Platin-Tagebau hinterlässt riesige Krater | Bild: SWR

An dieser Stelle standen einmal Häuser und Dörfer. Tausende Menschen wurden von hier vertrieben und ihr Land der Mine geopfert. Eine lokale Aktivistin führt uns zu den letzten Familien, die hier noch leben, mitten zwischen kilometerlangen Schuttbergen: "Das Wasser und der Strom wurden hier abgestellt, es gibt keine Transportmöglichkeit mehr für uns und wir leiden hier unter all dem Staub und dem Lärm. Praktisch jede Woche wird hier einer von uns krank." Und weiter heißt es: "Die Menschen haben gar keine Wahl, sie werden vertrieben."

Eine aktuelle Studie für die Hilfsorganisation "Brot für die Welt" belegt: Die Vertreibung der schwarzen Landbevölkerung und die Zerstörung ihrer Dörfer, all das sei illegal. So argumentiert auch der Anwalt Johan Lorenzen, der die Vertriebenen vor Gericht vertritt: "Das meiste Land gehört den Weißen. Sie haben von der Apartheid profitiert und jetzt profitieren sie wieder von den Bodenschätzen. Die schwarze Bevölkerung wird durch die neuen Minen jetzt aus ihren Dörfern vertrieben, in denen sie sogar unter der Apartheid noch leben durfte."

Gute Vorsätze, und was passiert?

Der deutsche Autobauer BMW bezieht laut eigenen Angaben pro Jahr fünf Tonnen Platin. Rund 75 Prozent davon stammen aus den Minen hier in Südafrika. Zu den Vorwürfen der Landnahme teilt uns BMW schriftlich mit: "Platin wird von der BMW Group als risikobehafteter Rohstoff eingestuft (…) Die von Ihnen beschriebenen Vorfälle sind uns seit Anfang 2018 bekannt. Wir klären derzeit, inwieweit (…) ggf. eine Verbesserung der Situation erreicht werden kann."

Gute Vorsätze gab es auch bei der Mine, die BASF beliefert. Und immer wieder verweist die Industrie darauf, dass man keine anderen Möglichkeiten habe. "Wir sind darauf angewiesen, Platin aus den Ländern zu beziehen, in denen es vorkommt", so Thorsten Pinkepank, BASF Direktor Nachhaltigkeit.

Aktuell profitieren die deutschen Großunternehmen sogar noch von einem Preisverfall des Rohstoffs. Der südafrikanische Bischof Jo Seoka fordert, dass die deutsche Industrie nicht länger Milliardengewinne auf Kosten seiner Heimat machen darf: "Wir wollen, dass die Unternehmen und ihre Aktionäre uns endlich zuhören. Investment muss verantwortungsvoll sein. Sie sollten dafür sorgen, dass es Gerechtigkeit gibt, und dass die Armut der Arbeiter und Angehörigen endlich gelindert wird."

Dafür wollen auch die Demonstranten in Mannheim weiterkämpfen. Für die Aktionäre bedeutet das vielleicht etwas weniger Dividende, aber ein besseres Gewissen.

Stand: 31.07.2018 12:07 Uhr

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