SENDETERMIN Mi, 07.08.19 | 21:45 Uhr | Das Erste

Energiewende

Warum das deutsche Vorzeigeprojekt zu scheitern droht

PlayDer Ausbau des Stromnetzes ist zu langsam, findet der Bundesrechnungshof.
Energiewende | Video verfügbar bis 07.08.2020 | Bild: SWR

  • – Die Energiewende hat bisher hohe Kosten verursacht, allerdings wurden bislang nur wenige Ziele erreicht. Insbesondere der Netzausbau hängt hinter dem Ausbau der erneuerbaren Energien zurück.
  • – Bürger wehren sich gegen Stromtrassen, da teilweise Risiken für die Anwohner unklar sind.
  • – Genehmigungsverfahren für regionale Stromerzeuger verzögern sich.
Industrieunternehmen müssen mit Abschaltungen rechnen und in die Steuerung der Stromversorgung muss immer häufiger eingegriffen werden.

1.800 Euro zahlt eine vierköpfige Familie jedes Jahr für die Energiewende, Kosten, von denen die meisten Verbraucher nichts ahnen. Ein Teil steckt in der Stromrechnung, der Löwenanteil wird über Steuern finanziert. Laut Bundesrechnungshof hat die Energiewende bislang 160 Milliarden Euro gekostet.  Zu viel, kritisiert die Prüfinstanz für unsere Steuerausgaben.

Martin Winter vom Bundesrechnungshof sagt dazu: "Es wurde in den letzten Jahren sehr viel Aufwand betrieben, sehr hohe Kosten auch produziert, aber leider nur sehr wenige Ziele erreicht."

Umstrittene Stromtrassen von Nord nach Süd

Windräder im Meer
In Nord- und Ostsse wurden riesige Windparks errichtet. | Bild: SWR

Für die Energiewende wurden zum Beispiel massiv Windparks in die Nord- und Ostsee gesetzt, aber gebraucht wird der Strom vor allem in den Industriezentren im Süden. Der Netzausbau hängt jedoch zurück. An vielen Stellen stockt der Ausbau, weil Bürger sich wehren. So zum Beispiel in Urbar bei Koblenz. Hier soll eine der Hauptstromtrassen direkt durch das Wohngebiet verlaufen. Dagegen kämpfen die Anwohner, wie Franziska Hennerkes, die erklärt: "Ich habe ehrlich gesagt Angst, dass unsere Familie, die Menschen, die hier wohnen, unsere Kinder krank werden."

Denn die schon vorhandenen Leitungen werden ausgebaut. Künftig soll hier Wechselstrom und Gleichstrom nebeneinander fließen. Franziska Hennerkes, Initiatorin und Sprecherin einer Bürgerinitiative, erläutert dazu: "Gleich- und Wechselstrom hat es weltweit noch nie gegeben. Es stehen gesundheitliche Risiken im Raum."

Solche Risiken sind auch der Bundesregierung bewusst. Sie hat deshalb eine Untersuchung in Auftrag gegeben, allerdings wird die erst im Jahr 2023 fertig. Bis dahin soll die Trasse längst in Betrieb sein. 

Franziska Hennerkes ergänzt: "Es gibt ein Bundesgesetz, das besagt: Wenn eine Gleichstromleitung gebaut wird, muss ein 400-Meter-Abstand zur Wohnbebauung eingehalten werden bzw. das Kabel muss unter die Erde. Und ausgerechnet hier, beim Projekt Ultranet, gilt diese Reglung nicht. Und wir fragen uns natürlich: Sind wir Bürger zweiter Klasse?"

Ist der Trassenausbau notwendig?

Viele Menschen haben den Eindruck, dass der Netzausbau um jeden Preis über die Köpfe der Bürger hinweg erfolgt. Deshalb gibt es in ganz Deutschland Widerstand. Und damit stockt auch der Netzausbau. Von den geplanten 7.700 Kilometern Stromtrassen sind noch nicht einmal die Hauptachsen genehmigt und gerade mal 950 Kilometer geschafft.

7.700 km Stromtrassen sollen ausgebaut werden.
7.700 km Stromtrassen sollen ausgebaut werden.

Doch so viele Kilometer neue Stromtrassen bräuchte es gar nicht, wenn die Bundesregierung die Windenergie nicht nur an den ertragreichsten Standorten, wie in der Nordsee, ansiedeln würde, sagt der Bundesrechnungshof. Pressesprecher Martin Winter erläutert: "Die Monopolkommission hat hier eine interessante Untersuchung angestellt und festgestellt, dass bis zu 2,7 Milliarden Euro an Wohlfahrtsgewinnen zu erwarten sind, wenn man auch ertragsärmere Standorte wählt, dafür aber weniger Kosten für die Stromübertragung und den Netzausbau hat."

Nur 950 km der geplanten neuen Trassen sind bislang gebaut.
Nur 950 km der geplanten neuen Trassen sind bislang gebaut. | Bild: SWR

Eine ortsnahe Stromerzeugung, das wollte auch die Hunsrück-Gemeinde Reinsfeld. Auf einer Lichtung, auf der eines der Windräder platziert werden sollte, wachsen jedoch noch immer Büsche und Bäume. Seit neun Jahren kämpft die Gemeinde nun mit dem Projekt und den Behörden. Der ehemalige Bürgermeister von Reinsfeld, Rainer Spies, hat bereits resigniert: "Man hat uns gesagt, es geht sehr schnell. Die Landesregierung hat gesagt, wir ändern das Gesetz. Die Kreisverwaltung wird das genehmigen. Aber da hat man den Bock zum Gärtner gemacht. Und immer wieder sind neue Auflagen gekommen, immer wieder neue Schwierigkeiten, so dass sich das jetzt so lange verzögert hat."

Windräder sollen auch regional vor Ort errichtet werden.
Windräder sollen auch regional vor Ort errichtet werden. | Bild: SWR

Die beiden Bürgermeister haben Hunderte Seiten an Anträgen eingereicht, dazu Umweltstudien, Gutachten zu Lärmemissionen und Vogelschutz. Rund eine halbe Million Steuergelder hat das Projekt schon verschlungen und immer noch ist offen, wann sich das erste Windrad dreht.

Schleppender Fortschritt

Es ist Sand im Getriebe, bei den Genehmigungen und beim Ausbau. Woran liegt es? Allein im Bundeswirtschaftsministerium sind damit 287 Mitarbeiter beschäftigt. 26 Gesetze und 33 Verordnungen regeln die Energiewende

Martin Winter vom Bundesrechnungshof sagt dazu: "Wenn man so weiterfährt wie bisher mit Maßnahmen, mit kleinteiligen Maßnahmen, mit sehr viel Verordnungen und Gesetzen, die offensichtlich nicht sehr viel gebracht haben, wenn man so weiterfährt, dann werden die Ziele wahrscheinlich künftig auch nicht erreicht werden."

Die Bundesnetzagentur soll den Ausbau beaufsichtigen. Hier kann man die Kritik des Bundesrechnungshofes nicht verstehen, wie Fiete Wulff von der Bundesnetzagentur erläutert: "Da sind viele Interessen betroffen. Da sind viele Menschen betroffen. Das müssen wir alles sorgfältig abwägen und abarbeiten. Das dauert Zeit."

Wirtschaftliche Folgen der Verzögerungen

Das "sorgfältige Abwägen" beim Netzausbau hat Folgen in der Industrie.

Hydro in Neuss ist der größte Hersteller für Aluminium in Deutschland. Das Unternehmen verbraucht so viel Strom in der Stunde, wie das benachbarte Düsseldorf. Ist der Strom in der Region knapp, wird das Werk mit 15 Minuten Vorwarnung abgeschaltet. 

Aluminiumherstellung verbraucht ungemein viel Energie.
Aluminiumherstellung verbraucht ungemein viel Energie. | Bild: SWR

Moritz Rank von Hydro Aluminium erklärt jedoch, dass es auch die sofortige Abschaltung gibt, der Netzbetreiber das Unternehmen in dem Moment sofort vom Netz nehme, ohne Vorwarnung. 67 Mal wurden die vier deutschen Aluminiumhütten bereits in diesem Jahr abgeschaltet. Und diese Abschaltungen bedeuten immer Produktionsausfälle. Für den Produktionsausfall zahlt der Netzbetreiber den Unternehmen eine Entschädigung, doch die findet sich letztendlich auf der Stromrechnung der privaten Stromkunden.

Mehraufwand bei der Steuerung der Stromversorgung

In der Netzleitstelle in Wendlingen bei Stuttgart steuert man den Stromfluss in Süddeutschland. Hier wird rund um die Uhr koordiniert, wie viel Strom aus Wind, Sonne oder konventionellen Kraftwerken produziert wird. Gibt es irgendwo zu viel oder zu wenig, muss gegengesteuert werden. Zum Beispiel indem Strom aus dem Ausland gekauft wird oder Kohlekraftwerke hochgefahren werden.

Markus Fürst, Leiter Systemführung TransnetBW, erklärt: "Früher haben wir vergleichsweise selten eingreifen müssen in die Kraftwerkserzeugung, um die Netzsicherheit gewährleisten zu können. Heute ist das ein alltäglicher Prozess. Wir greifen heute nahezu täglich in die Kraftwerkserzeugung ein, mit dem Ziel, die Netzsicherheit zu gewährleisten."

Auch die Kosten, die für dieses so genannte Re-Dispatching entstehen, zahlen wir über unsere Stromrechnung mit. Im Jahr 2018 waren das in Deutschland insgesamt 1,4 Milliarden Euro. Die Netzentgelte sind einer der größten Posten unserer Stromrechnung. Und die kennt seit Jahren nur eine Richtung: nach oben. Allein zwischen 2007 und 2019 stiegen die Stromkosten für Endkunden um rund 50 Prozent.

Von 2007 bis 2019 stiegen die Stromkosten um 50 Prozent.
Von 2007 bis 2019 stiegen die Stromkosten um 50 Prozent. | Bild: SWR

Und die Re-Dispatching-Kosten werden in den nächsten Jahren weiter steigen, auf bis zu vier Milliarden Euro, schätzen Experten. Für uns Verbraucher heißt das: Strom wird noch teurer.

Dabei sind die Stromkosten bei uns schon jetzt die höchsten in ganz Europa. Während man etwa in Bulgarien zehn Cent pro Kilowattstunde zahlt und in den Niederlanden 18 Cent pro Kwh, sind es in Deutschland stolze 30 Cent. [Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es falsch, in den Niederlanden koste die Kwh Strom acht Cent. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.]

Deutschland hat in Europa die höchsten Strompreise.
Deutschland hat in Europa die höchsten Strompreise. | Bild: SWR

Kaum CO2-Reduzierung

Frust bei vielen Bürgern, verschleppte Genehmigungen, Ausfälle in der Industrie, doch das Bundeswirtschaftsministerium weist alle Kritik an der Umsetzung der Energiewende von sich. Bald soll alles besser werden. 

In einer Stellungnahme erklärt das Bundeswirtschaftsministerium:

»Gemäß den Zeitplänen sind in den Jahren 2019 und 2020 erhebliche Fortschritte beim Netzausbau zu erwarten.«

Was das Ministerium verschweigt: Inzwischen hängt Deutschland bei der Energiewende im internationalen Vergleich weit hinterher. Die Strompreise sind fast die höchsten in Europa, die CO2-Belastung hat sich kaum reduziert.

Martin Winter vom Bundesrechnungshof meint dazu: "Wenn die Bundesregierung nicht umsteuert und die Energiewende klarer koordiniert, stringenter koordiniert mit mehr Abstimmung, dann läuft sie Gefahr, dass die Klimaziele weiterhin nicht erreicht werden und das ist natürlich kein wünschenswertes Ergebnis."

Wenn der Netzausbau nicht endlich vorangeht, droht die Energiewende in Deutschland zur teuren Dauerbaustelle zu werden. Die Rechnung zahlen die Verbraucher und das Klima.

Stand: 15.08.2019 13:24 Uhr

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