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Fleischersatzprodukte

Wer verdient am Veggie-Trend?

PlayGrafik: Vegetarischer Burger
Fleischersatzprodukte – Wer verdient am Veggie-Trend? | Video verfügbar bis 07.08.2020 | Bild: SWR

  • – Traditionelle Fleisch- und Wursthersteller bieten immer mehr fleischlose Varianten ihrer Produkte an.
  • – Die Preise sind oft deutlich höher als bei herkömmlichen Wurstwaren.
  • – Meist enthalten die Veggie-Varianten viele künstliche oder ungesunde Zutaten. Außerdem sind Verpackungen und Transportwege oft nicht umweltfreundlich.

Markenexperte Prof. Oliver Errichiello meint zum großen Geschäft mit Fleischersatz-Produkten: "Viele Produzenten nutzen eben diesen Hype und diesen Trend für die Positionierung und den Verkauf ihrer Produkte."

Und sie lassen sich die nachgemachten Lebensmittel teuer bezahlen, wie Prof. Dr. Alexander Hennig von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg erläutert: "Natürlich versuchen die Wurst- und Fleischhersteller mit den vegetarischen Produkten auch zu verdienen."

Bedeutet weniger Fleisch auch mehr Gesundheit?

Der Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl erklärt: "Hochprozessierte Nahrungsmittel mit lauter Bestandteilen, die für uns nicht gesund sind, lassen uns eher früher sterben."

Fleischlose Produkte von Wurstherstellern
Viele Fleischersatz-Produkte stammen von Wurstherstellern. | Bild: SWR

Mortadella, Schnitzel, Bratwurst und das alles ohne Tier. Die Hersteller sind fast alle eigentlich traditionelle Wurst- und Fleischkonzerne wie etwa Rügenwalder Mühle, Meica oder Gutfried. Dabei ist die Zielgruppe für Fleischersatz klein. Nur fünf Prozent der Deutschen sind Vegetarier, nur ein Prozent Veganer. Trotzdem machen die Fleisch-Unternehmen hohe Profite, sagt Handelsexperte Prof. Dr. Alexander Hennig: "Wir haben in den letzten Jahren beim Lebensmitteleinzelhandel eine Veränderung des Konsumverhaltens festgestellt. Neben den klassischen Vegetariern oder Veganern gibt es eine immer größere Gruppe an Konsumenten, die ab und zu gerne auf Fleisch verzichten möchten, die sogenannten Flexitarier. Und das führt natürlich dazu, dass sich die etablierten Wurst- und Fleischhersteller überlegen, ob es auch Produkte für diese Zielgruppe gibt, damit man sie erreichen kann."

Fleischersatz von Wurstproduzenten

Das Unternehmen Rügenwalder Mühle aus dem Niedersächsischen Bad Zwischenahn hat vor fünf Jahren die erste vegetarische Wurst eingeführt. Mittlerweile macht die Fleischlos-Schiene fast 40 Prozent des Umsatzes aus.

Godo Röben, Geschäftsführer Rügenwalder Mühle, sagt: "Ich glaube, viele Branchen wären froh, wenn sie ihre Produkte so weiterentwickelt hätten und auch früher weiterentwickelt hätten. Wenn man sieht, wenn man seine Produkte zu spät weiterentwickelt, wie jetzt in der deutschen Automobilindustrie, dann steht man auf einmal mit dem Rücken an der Wand. Dann ist es, glaube ich, das Normalste der Welt, dass sich gerade ein Fleisch- und Wurstunternehmen damit beschäftigt und nicht irgendein Start-up aus Amerika."

In der hauseigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung arbeitet man ständig daran, die vegetarischen und veganen Produkte möglichst fleischnah zu designen. Mittlerweile ist Rügenwalder Mühle Marktführer in der Sparte. Kleinere Hersteller wurden aus den Regalen verdrängt.

Wachsender Markt mit hohen Gewinnen

Riesiges Angebot an fleischlosen Produkten
Das Angebot an Fleischersatz-Produkten ist groß. | Bild: SWR

Experten sind sich sicher, dass dieser Markt rasant weiterwachsen wird. Markensoziologe Prof. Oliver Errichiello meint: Mit falschem Fleisch lasse sich viel echtes Geld verdienen. Und weiter: "Wenn man sich mal anschaut, was ist eigentlich der Gewinn, den man heutzutage mit ganz traditionsreichen Standardprodukten macht, so eine ganz normale Fleischwurst, dann sieht man, von einem Euro bleiben ein bis drei Cent übrig. Mit vegetarischen und mit veganen Produkten kann man sehr schnell diese Marge verdoppeln."

Die Fleischlos-Varianten sind häufig deutlich teurer als das konventionelle Produkt.  Frikadellen von Rügenwalder Mühle etwa sind ohne Fleisch um 32 Prozent teurer. Die vegetarischen Bratwürste von Meica kosten 64 Prozent mehr. Und Gutfried schlägt bei der Veggie-Fleischwurst sogar 90 Prozent drauf.

An höheren Herstellungskosten allein kann das nicht liegen, sagen Experten. Die Konzerne nutzten vielmehr aus, dass viele Verbraucher bereit sind, für das grüne Gewissen mehr zu bezahlen, wie Markenexperte Prof. Oliver Errichiello erklärt: "Vegan und vegetarisch sind eigentlich Codeworte für grünes Handeln, für soziales Handeln, für ethisch korrektes Handeln. Und diese Veränderung in der Wahrnehmung der Menschen machen sich viele Unternehmen zunutze."

Das bestätigt auch eine kurze, nicht repräsentative Umfrage, was Menschen noch mit dem Begriff "vegetarisch" verbinden. Meist wird angegeben: biologisch, gesünder, klimaschonend, weniger Wasser verbrauchend und ohne Zusatzstoffe.

Was steckt in Vegetarisch drin?

Doch stimmt das? Ist vegetarisch wirklich besser, klimaschonender, gesünder?

Beispielsweise bieten inzwischen auch die Discounter Lidl und Aldi Burger ohne Fleisch an. Und auch bei McDonald's und Burger King gibt es seit kurzem Veggie-Burger.

Grafik aktienkurs Beyond Meat
Der Aktienkurs von Beyond Meat ist rasant gestiegen. | Bild: SWR

Ausgelöst hat diese Welle der "Beyond Burger" aus den USA. In Deutschland wird er ausgerechnet vom Mutterkonzern des Geflügel-Giganten Wiesenhof vertrieben. Beim Verkaufsstart war das Produkt schnell ausverkauft. Dass sich die Aktie von "Beyond Meat" seit ihrem Börsengang Anfang Mai 2019 mehr als verdreifacht hat, erscheint da kaum verwunderlich.

Laut Werbung soll der Burger wie echtes Fleisch schmecken. Wir machen einen Geschmackstest: Tatsächlich schmecke er laut einigen Testessern nach Fleisch und sehe auch so aus. Spezielle Gewürze oder Zutaten aus dem Chemielabor werden vermutet. Insgesamt gehen beim Geschmack die Meinungen auseinander.

Was steckt also wirklich drin im "Beyond Burger"? Ist er gesünder als ein Burger aus Fleisch? Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl schaut sich die Inhaltstoffe an: "Das ist also ein Sammelsurium an Künstlichkeit. Wir haben einmal Geschmackverstärker da drin. Das dient der Verkaufsförderung. Einen relativ hohen Salzgehalt. Und schließlich finden auch ungünstige Öle Verwendung, die ich nicht unbedingt präferiere, wie raffiniertes Kokosöl mit einem schlechten Fettsäuremuster. Sobald ein Nahrungsmittel hochverarbeitet ist, ist es nicht mehr gesünder als ein natürliches Nahrungsmittel."

Rund 270 Kalorien hat ein "Beyond Burger" und damit nicht weniger als einer mit Fleisch. Plastikverpackung, energieintensive Tiefkühlung und der lange Transportweg aus den USA, das alles ist nicht gerade klimafreundlich.

Wurst – echt oder vegetarisch?

Die vegetarische Mortadella von Rügenwalder Mühle ist einer der Bestseller des Unternehmens. Wir wollen wissen, ob Passanten den Unterschied zu einer konventionellen Wurst schmecken? Dabei halten einige Testesser die vegetarische für die echte Wurst.

Erstaunlich, denn die Veggie-Wurst besteht zu 70 Prozent aus Eiklar.

Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl meint dazu: "Ja, das schockiert mich nahezu. Da wird aus einem Ei ein Wurstimitat. Der wichtigste Bestandteil dieses Produktes ist Fett. Dann, ungünstig, noch Zucker und Salz da drin. Letztlich ist es ja verfärbtes Ei in Scheiben gepresst. Wenn mich ein Patient fragen würde, ob er sich damit gesund ernährt, wäre meine Antwort ganz klar nein!"

Verbraucherschützer haben für Veggie-Würste berechnet: Um die gleiche Menge an Wurst herzustellen, die ein Schwein hergibt, müssen sechs Hühner ihr Leben lang, also bis zur Schlachtung, Eier legen. Das ist nicht gerade im Sinne des Tierschutzes. Auch deshalb will man bei Rügenwalder Mühle mittelfristig ganz auf Ei verzichten.

Fleisch-Imitate sind ein großes Geschäft für die Konzerne. Es bleibt jedoch die Frage, ob das überhaupt sein muss.

Für Dr. Matthias Riedl ist klar: "Die Alternative ist ganz klar ein hoher Gemüsekonsum mit viel Ballaststoffen und ab und zu mal ein bisschen Fleisch. Das könnte dann vielleicht auch vom Biohof sein. Und damit leben wir auf Dauer gesünder."

Nicht alle Fleischersatzprodukte sind schlecht, aber muss man jedem Trend folgen?

Stand: 07.08.2019 23:22 Uhr

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