SENDETERMIN Mi, 07.08.19 | 21:45 Uhr | Das Erste

Höfesterben

Warum immer mehr Landwirte aufgeben

PlayTraktor fährt über Feld und wirbelt Staub auf.
Höfesterben | Video verfügbar bis 07.08.2020 | Bild: dpa / Bernd Wüstneck

  • – Für viele Landwirte wird die wirtschaftliche Situation immer schwieriger. Immer mehr Bauern geben deshalb auf.
  • – Große Unternehmen kaufen kleine Betriebe und landwirtschaftliche Flächen auf. Angebaut werden dann meist nur noch gewinnbringende Produkte.
  • – Landwirtschaftliche Fachkräfte werden häufig durch billige Hilfskräfte ersetzt.

Kaum Geld für Bio-Produkte

Vor gut 30 Jahren hat Klaus Vidal einen Bauernhof in der Nähe von Neu-Ulm übernommen und schon damals auf Ökolandbau umgestellt. Eigentlich hat er alles richtig gemacht, sein wirtschaftliches Risiko breit gestreut.

Mähdrescher auf Getreidefeld
Landwirtschaft lohnt kaum noch. | Bild: SWR

Das Getreide aus eigenem Anbau verkauft er auch an umliegende Mühlen. Gemüse wie Karotten, Zwiebeln oder Kürbis vertreibt er über seinen eigenen Hofladen. Sein Bio-Rindfleisch liefert er größtenteils an eine Schlachtviehgenossenschaft. Der Bio-Bauer erläutert dazu: "Es lohnt sich nicht wirklich, aber es macht den Betrieb rund. Das heißt, ich kann mein Grundfutter verwerten, ich habe Viecher, die die Kundschaft und ihre Kinder gern sieht und es ist einfach ein sinnvoller Betriebskreislauf dann."

Um ein angemessenes Einkommen zu haben, müsste er eigentlich mehr als 5,50 Euro für das Kilogramm Fleisch verlangen. Doch für seine Bio-Ware erhält er häufig nur den Preis für konventionelles Fleisch, gerade mal 3,60 Euro. Bio-Rind sei einfach zu wenig nachgefragt.

Außerdem schwächelt seit vergangenem Jahr auch noch der Preis fürs Getreide, denn seit einigen Jahren stellen immer mehr Bauern auf Bio-Anbau um. Die Folge ist ein massiver Preisverfall. Die Auswirkungen erklärt Bio-Bauer Klaus Vidal: "Wenn die Preise über von mir aus fünf Jahre nicht stimmen, das heißt sie sind zu niedrig, dann geht es an die Substanz. Dann kann ich meinen Maschinenpark nicht adäquat erneuern und ich merke auch, dass es keinen Spaß macht, weil der wirtschaftliche Erfolg fehlt."

Inzwischen ist Klaus Vidal 56. Keines seiner vier Kinder will den Hof momentan übernehmen. Was daraus wird – er weiß es nicht. So wie ihm geht es Tausenden Landwirten.

Preisdruck der Lebensmittelketten

Ernte auf einem Gemüsefeld
Gemüse-Anbau lohnt fast nur auf großen Flächen. | Bild: SWR

In den vergangenen 20 Jahren hat das Höfesterben dramatische Formen angenommen. Mehr als 317.000 Bauern haben aufgegeben, so wie Herman Reber, nach 35 Jahren. Nun hat er seine Felder in Ruchheim in der Pfalz, dem größten Gemüseanbaugebiet Deutschlands, verpachtet an einen größeren Betrieb. Der ehemalige Gemüsebauer berichtet: "Wir haben das leidenschaftlich gemacht und haben das auch sehr gerne gemacht, das Gemüse anzubauen und hatten unsere Freude daran, wenn wir sahen, wie es wächst auf den Feldern und wie wir ernteten auf den Feldern, es hat immer Spaß gemacht."

Doch die Marktmacht der vier großen Lebensmittelhändler Aldi, Lidl, Rewe und Edeka nahm immer mehr zu. Und die nutzen sie, um die Preise immer weiter zu drücken. Gekauft wird dort, wo der Preis am günstigsten ist.

Hermann Reber erklärt weiter: "Das Frustrierende daran ist, wir haben Gemüse hier zu bester Qualität auf den Feldern und können sie dann nicht ernten, müssen sie unterpflügen und unterfräsen. Weil es am Preis ist, weil der Lebensmitteleinzelhandel immer wieder den günstigsten Preis sucht und dann auch versucht, uns noch einmal herunter zu drücken."

Für ihn wurde es zunehmend schwieriger, noch Gewinn zu machen. Und auch bei ihm wollte keines seiner Kinder den Betrieb übernehmen. Er meint: "Es wird viele Produkte nicht mehr geben an Obst und Gemüse, die sind einfach nicht mehr produzierbar hier, weil die Lohnkosten bei uns zu hoch sind und wir mit unseren ausländischen Kollegen hier nicht mithalten können."

Regional oder aus Übersee?

Auf seinem Hof in der Nähe von Landshut ist Dr. Sebastian Rahbauer regelmäßig. Der Wissenschaftler an der TU München kennt die Probleme der Bauern nicht nur aus der Theorie, sondern hautnah. Wenn das Höfesterben so weiter geht, wird das bald auch Auswirkungen auf die Verbraucher haben, befürchtet der Agrarökonom: "Ja, es ist ja heute schon so, dass ein Großteil der Produkte, die sie im Supermarkt kaufen können, ich denke da an beispielsweise Obst und Gemüse, nicht mehr aus Deutschland kommt, sondern Importware ist. Und gerade diese Entwicklung wird sich in Zukunft noch stärker fortsetzen. Und mit diesen Importen geben wir natürlich auch die Kontrolle darüber ab, wie die Nahrungsmittel dann produziert werden."

Obst und Gemüse aus aller Welt liegt im Supermakt neben regionalen und Bio-Produkten.
Obst und Gemüse aus aller Welt liegt im Supermakt neben regionalen und Bio-Produkten. | Bild: SWR

Ist das den Verbrauchern bewusst? Wir befragen Kunden in einem Supermarkt in Mainz und wollen wissen, was sie denn so im Korb haben. Die Bilanz ist durchwachsen, manche achten gar nicht auf die Herkunft, andere kaufen bewusst regional oder zumindest aus Deutschland stammendes Obst und Gemüse. Und manchmal wird die Herkunft aus Übersee, zum Beispiel bei Äpfeln, schlicht übersehen.

Kampf und Ackerland

Um für den Handel weiterhin attraktiv zu bleiben, versuchen immer mehr Landwirte, die niedrigen Preise über größere Mengen wettzumachen und müssen deswegen Fläche zupachten. Doch das wird immer teurer. Vor allem in Ostdeutschland kaufen finanzstarke Investoren so viel Ackerland wie möglich auf.

Rinder auf einer Weide
Rinderzucht ist kaum noch einträglich. | Bild: SWR

Reinhard Jung betreibt einen Hof in Lennewitz in Brandenburg, rund zwei Stunden von Berlin entfernt. 2003 ist er in die Landwirtschaft eingestiegen, als Nebenerwerbsbauer und Geschäftsführer vom Bauernbund Brandenburg. Der Rinderzüchter erläutert: "Es gibt einen riesigen Katzenjammer in der Agrarpolitik, dass Leute mit ganz viel Geld von außerhalb in die Großbetriebe einsteigen, die aufkaufen, sich ausbreiten, große Holdings bilden, Agrarkonzerne bilden und den kleinen Bauern vor Ort das Leben schwer machen."

Dabei unterstützen die EU-Agrarsubventionen den Konzentrationsprozess noch: Obwohl sie angeblich den Durchschnittslandwirten helfen sollen, werden in der Praxis die Betriebe mit den großen Flächen bevorzugt. Reinhard Jung erklärt weiter: "Gefördert werden Großbetriebe, Investoren, Kapitalgesellschaften bis zum letzten Hektar und auf der anderen Seite werden normale Bauern mit Auflagen, die irrsinnig sind, die angeblich der Umwelt und dem Tierschutz dienen sollen, die aber völlig irrsinnig sind, mit Kosten belastet und damit im Grunde ökonomisch in die Enge getrieben."

So entstehen Betriebe, die teils bis zu 20.000 Hektar groß sind. Das ist die Fläche von rund 300 Durchschnittsbauernhöfen. Agrarökonom Dr. Sebastian Rahbauer meint dazu: "Der Strukturwandel hat eben zur Folge, dass die Betriebe immer größer werden. Und größere Betriebe neigen stärker dazu, eben nur noch die Kulturen anzubauen, die für sie am wirtschaftlich rentabelsten sind. Und dazu zählt sicherlich der Mais und das ist auf lange Sicht für die Biodiversität nicht von Vorteil. Wenn eben noch mehr Flächen mit Mais bestellt werden, wie das heute schon der Fall ist."

Er glaubt, dass die familiär geführten Höfe in Konkurrenz zu Großbetrieben und Ausland kaum Chancen haben: "Bei uns gehen auch viele Arbeitsplätze verloren. Also gut ausgebildete Landwirte werden zur Aufgabe gezwungen. Und andererseits werden sie auf den Großbetrieben durch billige Fremdarbeitskräfte ersetzt."

Seinen rund 100 Hektar großen Hof bewirtschaftet er gemeinsam mit seinem Vater Ludwig, der eine klare Meinung hat: "Die Leute, die wollen beste Qualität zu einem Ramschpreis."

Die Situation in der Landwirtschaft ist dramatisch. Und die EU-Agrarpolitik konnte die Entwicklung bislang nicht aufhalten. Wenn das Höfesterben gestoppt werden soll, muss wohl auch der Einzelhandel seine Einkaufspraxis ändern.

Stand: 07.08.2019 23:22 Uhr

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