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Post-Ärger

Immer mehr Beschwerden über die Briefzustellung

PlayGrafik: Deutsche Post
Post-Ärger | Bild: SWR

– Immer mehr Verbraucher beklagen sich über Mängel bei der Briefzustellung.
– Bei der Bundesnetzagentur hat sich die Zahl der Beschwerden in den vergangenen drei Jahren mehr als verdreifacht.
– Die Bundesnetzagentur sorgt sich um die Sicherstellung der Briefzustellung.

Selbst am Vierwaldstätter See in der Zentralschweiz gibt es Ärger mit der Deutschen Post. Der Unternehmer Claus-Werner K. hat einen kleinen Verlag. Seit zwei Jahren streitet er mit der Deutschen Post. Es geht um Bestell-Kataloge für Weihnachtskarten. 20.000 Stück hat er drucken und bei der Post aufgeben lassen. Was ihn vor zwei Jahren jedoch erstaunte: Es wurden so gut wie keine Weihnachtskarten geordert.

Wurden Sendungen entsorgt?

Es müsse etwas Gravierendes passiert sein vermutet er, und dass die Kataloge nie angekommen seien. Bei der Post aufgegeben wurden die 20.000 Kataloge über einen Versandbetrieb in Mannheim. Die Abholung wurde von der Post bestätigt. Doch wo sind die Kataloge geblieben? Kurios: Auf dem Post-Beleg steht "Entsorgungsfahrt". Der Schweizer Unternehmer berichtet, dass ihm eine Vielzahl von Postexperten und Mailingfirmen den Begriff nicht erklären konnten.

Claus-Werner K. hat 15.000 Euro allein für das Porto ausgegeben, etwa umsonst? Das wäre ein enormer Verlust. Hinzu kommt, dass der Kartenverkauf einem guten Zweck dienen sollte. Den von ihm bezifferten Schaden will der langjährige Postkunde erstattet bekommen. Doch die Deutsche Post teilt ihm knapp mit:

»Fehler bei der Bearbeitung konnten nicht ermittelt werden." Und: "Wir müssen die Haftung der Deutschen Post AG daher ablehnen.«

Für die Post ist der Fall damit offenbar erledigt.

Postkunden bei AGB im Nachteil

Der Unternehmer meint dazu: "Nach den für mich völlig unfairen Geschäftsbedingungen der Deutschen Post muss der Kunde der Deutschen Post nachweisen, was die Deutsche Post falsch gemacht hat. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit."

In den AGBs heißt es nur: Die Deutsche Post haftet für Schäden, die sie vorsätzlich oder leichtfertig begangen hat.

Prof. Ludwig Gramlich, Experte für Öffentliches Recht an der Universität Chemnitz
Prof. Ludwig Gramlich, Experte für Öffentliches Recht an der Universität Chemnitz | Bild: SWR

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Prof. Ludwig Gramlich, Experte für Öffentliches Recht an der Universität Chemnitz, mit dem Postrecht. Er kritisiert, dass diese Regelung die Kunden benachteilige: "Das ist deswegen ein Nachteil, weil aus dem Grunde dann eben der Nachweis eines Fehlverhaltens schlicht und einfach entweder gar nicht möglich ist oder in unzumutbarer Weise erschwert wird, so dass man dann eben auf die Geltendmachung seines theoretischen Rechts verzichtet."

Falsche und unzureichende Zustellung

Auch Udo K. aus Frankfurt ärgert sich: Immer wieder landet Post nicht in seinem Briefkasten, sondern in dem seiner Nachbarn: "Das hat sich in der Vergangenheit gehäuft. Also früher, vor zwei, drei Jahren, gab es derartige Probleme überhaupt nicht."

Während unserer Dreharbeiten kommt der Nachbar mit einer Postkarte, die er soeben aus seinem Briefkasten gefischt hat, die aber nicht an ihn adressiert ist. Auch er klagt über die unzuverlässige Briefzustellung. Das liege vor allem an den vielen Aushilfen: "Wir haben zwar hier normalerweise einen Top-Zusteller, aber nur solange er da ist. Wenn er nicht da ist, dann läuft hier alles schief. Es kommt Briefpost an, Maxibriefe. Es wird überhaupt nicht mehr geklingelt. Der gelbe Schein wird in den Briefkasten eingeworfen."

Pressesprecher der Bundesnetzagentur Fiete Wulff
Pressesprecher der Bundesnetzagentur Fiete Wulff | Bild: SWR

Immer mehr Menschen haben Ärger mit der Briefzustellung. Das registriert man auch bei der zuständigen Aufsichtsbehörde, der Bundesnetzagentur, wie deren Pressesprecher Fiete Wulff bestätigt: "Der wichtigste Grund der Beschwerden sind Zustellausfälle, gefolgt von Laufzeiten, also von langen Brieflaufzeiten und falschen Zustellungen."

Allein innerhalb der vergangenen drei Jahre hat sich im Briefbereich die Zahl der Beschwerden über die Deutsche Post und deren Konkurrenz mehr als verdreifacht. Ein Ende ist nicht in Sicht, wie der Pressesprecher der Bundesnetzagentur ergänzt: "Bei der Bundesnetzagentur sind im ersten Halbjahr 2018 rund 3.000 Beschwerden zum Bereich Brief eingegangen. Das sind jetzt im ersten Halbjahr 2018 schon so viele Beschwerden wie wir 2017 im ganzen Jahr gehabt haben."

Grafik: Anstieg der Briefbeschwerden
Die Zahl der Beschwerden hat sich verdreifacht | Bild: SWR

Immer wieder findet Udo K. auch in seinem Briefkasten fremde Post. Dann wird er aktiv. Er nehme den Brief und werfe ihn in den richtigen Briefkasten und sehe sich als quasi ehrenamtlicher Briefzusteller, berichtet er uns.

Nur kleine Fehler oder Unternehmensmängel?

Falsch eingeworfene Briefe kennt auch Postexperte Prof. Ludwig Gramlich aus eigener Erfahrung. Das verletze das Postgeheimnis, sagt er: "Wenn man so etwas in Kauf nimmt, von seitens des Managements, dann könnte man schon über bedingten Vorsatz nachdenken, und dann wäre das auch strafbar."

Für die Post sind falsch zugestellte Briefe jedoch nur Flüchtigkeitsfehler. Bei 59 Millionen Briefen am Tag fielen die Reklamationen nicht ins Gewicht. Sie schreibt uns: "Auch wenn jede Reklamation ärgerlich ist: (...) Unter dem Strich ist das eine Reklamationsrate, über die sich viele andere Dienstleister freuen würden."

Fakt ist aber, dass sich viele Postkunden gar nicht offiziell beschweren. Die zuständige Gewerkschaft glaubt, dass die Deutsche Post die Mängel bei der Zustellung selbst verursacht, wie Christina Dahlhaus von der Kommunikationsgewerkschaft DPV erklärt: "Die Zustellgebiete sind über die letzten Jahre immer größer geworden. Und dazu kommt, dass wir fehlendes Personal haben. Es fehlen bundesweit mit Sicherheit mehrere tausend Zusteller. Die Gewinnmaximierung steht an erster Stelle und gespart wird in erster Linie am Personal."

Zentrale der Deutschen Post
Gewinn statt Service bei der Post? | Bild: SWR

Schlechterer Service, steigende Gewinne: Allein im Jahr 2017 machte die Post über 3,5 Milliarden Euro Plus. Und Post-Chef Appel will den Gewinn noch weiter steigern, bis 2020 auf fünf Milliarden Euro.

Bei der Aufsichtsbehörde sorgt man sich schon jetzt, ob die Briefzustellung noch sichergestellt ist, wie der Pressesprecher der Bundesnetzagentur erklärt: "Was wir sehen, sind regional begrenzte, temporäre Einschränkungen bei der Zustellqualität. Das nehmen wir sehr ernst, dem gehen wir auch nach."

In einigen Bezirken Berlins, so hat die Bundesnetzagentur festgestellt, wurden im vergangenen Jahr wochenlang überhaupt keine Briefe zugestellt.

Verspätete Briefe, keine Zustellung, verschwundene Post: Die Leidtragenden sind die Kunden wie Claus-Werner K. Er versucht seit fast zwei Jahren, mit der Post eine Lösung zu finden, bislang ohne Erfolg. Jetzt klagt der langjährige Postkunde gegen die Deutsche Post. Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage.

Stand: 18.05.2019 07:48 Uhr

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