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QN-Europe

Was steckt hinter dem Geschäftsmodell?

PlayGrafik: QN Europe
QN-Europe | Bild: SWR

– QN Europe lockt meist junge Erwachsene als Vertriebspartner mit großen Verdienstmöglichkeiten.
– Neueinsteiger müssen erst selbst ein Produkt kaufen.
– Die Firmenstruktur ist sehr undurchsichtig. Eine Staatsanwaltschaft ermittelt bereits.

Der Kauf einer Uhr sollte für einen jungen Mann der Einstieg in eine lukrative Selbständigkeit sein. Doch er verlor seine Wohnung und seine Arbeit, berichtet er uns und dass ihm 1.000 bis 2.000 Euro Schulden blieben.

Gelockt mit großem Verdienst

Junge Erwachsene, angeworben als Vertriebspartner für das Unternehmen QN Europe. Eine ihrer Aufgaben: weitere Vertriebspartner zu gewinnen.

Professor Erik Kraatz, Experte für Wettbewerbsrecht
Professor Erik Kraatz, Experte für Wettbewerbsrecht

Prof. Erik Kraatz, Experte für Strafrecht, meint dazu: "Aus meiner Sicht wird hier mit dem Anwerben von Menschen Geld verdient. Und nicht mit dem Produkt."

Wir treffen Eltern, die vor der Kamera nicht erkannt werden wollen. Monatelang hatten sie keine Ahnung, dass sich ihre Tochter dem Unternehmen QN Europe angeschlossen hat. Bis plötzlich der Ausbildungsbetrieb der Tochter angerufen habe, wo sie denn wäre. Die Mutter erzählt uns, ihre Tochter sei ganz normal in Arbeitskleidung aus dem Haus zur Arbeit gegangen, doch da sei sie nicht erschienen.

Zur Rede gestellt, schwärmt sie vom tollen Geschäftsmodell von QN Europe, bei dem man mehrere tausend Euro pro Woche verdienen könne. Die Eltern versuchen sie zum Ausstieg zu bewegen, vergeblich. Die Mutter berichtet: "Die geht darin auf. Der könnte man alles erzählen. Jegliches logische Denken ist ausgeschaltet. Die hat so oft die Schulungen bekommen, bis sie das glaubt."

Die Tochter steigt bei QN Europe als Vertriebspartnerin ein. Sie plündert ihr Sparbuch, kauft eine Uhr der Marke Bernhard H. Mayer für rund 2.000 Euro.

Die Uhr, die fast alle Neueinsteiger kaufen
Eine solche Uhr kaufen fast alle Neueinsteiger bei QN Europe

Wir treffen einen Aussteiger, Anfang 20. Auch er war mehrere Monate Vertriebspartner von QN Europe. Geworben wurde er von einem guten Freund. Auch ihm wurde ein Riesenverdienst in Aussicht gestellt, bis zu 6.000 Euro wöchentlich, erzählt er uns. Und auch er hat eine Bernhard H. Mayer Uhr gekauft, so wie viele, die er bei QN Europe getroffen hat.

Uhr der Marke "Bernhard H. Mayer"

Was hat es mit der Uhr der Marke Bernhard H. Mayer auf sich? Das Werbevideo suggeriert hohe Schweizer Handwerkskunst. Wir bringen die Uhr zu einem Uhrmachermeister. Bernd Walter von der Uhrmachermeister-Innung Stuttgart hat in seinen 52 Jahren als Uhrmacher noch nie von der Marke gehört. Zur Uhr meint er: "Sehr hochwertig ist es nicht. Es ist robust. Ist in Massen gefertigt worden."

Ist die Uhr die rund 2.000 Euro, die man dafür bei QN Europe bezahlen soll, wert? Der Uhrmachermeister hat eine klare Meinung: "Das Werk ist 08/15. Das Gehäuse und vor allem das Band ist nicht sauber gearbeitet. Nee, nein. Ich würde es nicht bezahlen."

Warum ist die Uhr dann so teuer? Wir fragen bei Bernhard H. Mayer nach. Hier hält man den Preis für gerechtfertigt.  Die Uhren seien "… nach allen maßgeblichen Merkmalen design-, konstruktions- und materialmäßig mit entsprechenden, preislich im gleichen Rahmen liegenden Produkten der Marken TAG HEUER oder LONGINES voll vergleichbar…", so die Stellungnahme.

Wir fahren in die Schweiz in die Uhrenstadt Biel. Hier residieren viele der große Namen. Laut Internet soll hier auch die Uhrenmanufaktur ihren Sitz haben, die die Uhren der Marke Bernhard H. Mayer produziert. Wir klingeln, doch niemand öffnet die Tür. Zwei Angestellte, die vor der Tür stehen, erklären uns, sie würden für Cimier arbeiten, wollen uns aber keine Auskunft geben. Was und ob hier produziert wird, bleibt unklar.

Schulungen für Neueinsteiger

Eine wichtige Aufgabe der Vertriebspartner ist es, eine eigene Organisationsstruktur aufzubauen. Ein Aussteiger berichtet dazu: "Zwei Leute holen. Die wieder schulen, dass die zwei Leute holen. Das sind so die Aufgaben."

Jeder Einsteiger soll zwei weitere Partner gewinnen. Die müssen dann wieder neue Partner finden. Nur wenn die Stufen nach unten lückenlos sind, gibt es Geld.

Mit umfangreichen Schulungsmaterialien werden Vertriebler bei QN eingebunden
Umfangreiche Schulungsunterlagen sollen die Vertriebler vorbereiten

In Schulungsunterlagen, die "Plusminus" vorliegen, erhalten die Teilnehmer Anwerbungstipps wie diese: Man solle seine Kontakte in heiß, warm und kalt einteilen, nur Personen einladen, die einem zu 100 Prozent vertrauen. Weiter heißt es: "Bei der Einladung dürfen Sie der Person keinesfalls Informationen über das Geschäft Preis geben, …“

Für QN Europe brach der Aussteiger seine Ausbildung ab, mietete mit mehreren QN-Vertrieblern ein Büro an. Er berichtet weiter: "Es wird auch geraten mit der Zeit, dass man in den Büros schläft. Da triffst du keine anderen Leute, triffst nur auf ihre Denkweise."

Er versuchte es zehn Monate lang, doch vom großen Geld erzählte er nur anderen.

Was ist vom Geschäftsmodell zu halten?

In Berlin treffen wir Professor Erik Kraatz, Experte für Wettbewerbsrecht. Wir zeigen ihm die verschiedenen Schulungsunterlagen. Er hält das Ganze für ein Schneeballsystem und meint: "Aus meiner Sicht wird hier mit dem Anwerben von Menschen Geld verdient. Und nicht mit dem Produkt. Hier geht es nicht, aus meiner Sicht jedenfalls, um den Produktabsatz, sondern es geht darum, dass man die Vermittlerstruktur, diese Gesamtstruktur aufbläht. Und das geht in den Bereich der strafbaren progressiven Kundenwerbung nach § 16 Abs. 2 UWG."

Diesen Vorwurf weist QN Europe zurück und erklärt in einer Stellungnahme: "Im Gegensatz zu einem Schneeballsystem erfüllt QN Europe alle Merkmale eines seriösen Direktvertriebs…"

Verschachteltes Firmengeflecht

Wir wollen uns das Unternehmen genauer anschauen und fliegen nach Irland. Dort soll die Firma laut Impressum sitzen. An der angegebenen Adresse gibt es jedoch nur einen Briefkasten. Wir recherchieren weiter und stoßen auf ein verschachteltes Firmengeflecht mit immer wieder wechselnden Namen. Die Spur führt nach Deutschland. Wir stoßen auch auf den Namensgeber der Uhr, Bernhard H. Mayer, mal als Gesellschafter, mal als Geschäftsführer. Was hat es damit auf sich?

Briefkasten von QN Europe im hessischen Bensheim
Briefkasten von QN Europe im hessischen Bensheim

Im hessischen Bensheim finden wir einen Briefkasten mit mehreren abgekratzten Namen vor, einen Zettel mit "QN Europe" und eine Klingel mit "Eurasia Services". In welcher Etage QN Europe zu finden sei, kann uns vor Ort aber niemand sagen. Wir suchen weiter und finden tatsächlich Büros. Eine der Angestellten öffnet. Ein Verantwortlicher sei nicht da. Auf unsere Frage, ob dies die Europazentrale von QN Europe sei, heißt es: "Ja, richtig, dass hier ist jetzt unser Sitz für Deutschland."

Bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt erfahren wir: Seit mehreren Monaten wird wegen des Geschäftsmodells von QN Europe ermittelt.  

Interessant: Grundlage der Geschäfte ist ein Franchisesystem mit der Firma QNet mit Sitz in Hongkong. Wegen des Geschäftsmodells gab es schon in mehreren Ländern Gerichtsverfahren. QNet gehört inzwischen zur QI-Gruppe. Und hier taucht wieder der Name Mayer auf. Einer der Direktoren: JR Mayer, der Sohn von Bernhard H. Mayer.

Ein Zusammenhang, den man lieber verschweigen möchte. In der Stellungnahme an den SWR wurde wohl vergessen, einen internen Kommentar für Bernhard H. Mayer zu löschen: "Ich würde SWR nicht mit der Nase drauf stoßen, dass Ihr Sohn für die QI Gruppe arbeitet."

Und natürlich verkauft auch diese Gruppe die Uhren der Marke Bernhard H. Mayer. Ein transparentes Geschäftsmodell sieht anders aus.

Der junge Aussteiger bereut heute, wie viele seiner Bekannten, bei QN Europe eingestiegen zu sein, nur weil ihm das große Geld versprochen wurde: "Ich sehe das langsam als Gehirnwäsche. Das wird gezielt gemacht. Du holst deine eigenen Freunde. Denkst du hast jetzt eine Verantwortung für deine Freunde."

Viele, die zeitgleich mit ihm eingestiegen sind, sind unter 21 Jahre alt. Jurist Erik Kraatz sieht das Anwerben der jungen Erwachsenen kritisch: "Auch das ist ein Verstoß gegen das UWG. Denn ich nutze hier die Unerfahrenheit eines Geschäftspartners aus und das ganz bewusst."

So sehen das auch die Eltern, deren Tochter sich QN Europe angeschlossen hat. Sie hoffen, dass ihre Tochter bald zur Einsicht kommt: "Solange sie das nicht will, haben wir keine Chance. Und meine Tochter ist absolut überzeugt." Dabei ist das große Geld auch bei ihr, wie bei anderen, bislang ausgeblieben.

Stand: 28.08.2019 05:27 Uhr

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