SENDETERMIN Mi, 19.09.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Streit am Supermarktregal

Die neue Macht im Lebensmittelhandel

PlayGrafik: Handelsstreit
Streit am Supermarktregal | Bild: SWR

– Kaufland hat rund 480 Unilever-Produkte aus dem Sortiment gestrichen und so aus den Supermarktregalen verbannt, darunter auch bekannte Marken.
– 60 Prozent des deutschen Einzelhandels teilen vier große Ketten unter sich auf.
– Die Einzelhandelsketten machen Druck auf Großkonzerne und kleine Erzeuger, um die Preise zu drücken.

Das Magnum-Eis ist fast ausverkauft, die Kühltruhe leer: Abverkauf von Unilever-Produkten bei Kaufland. Weil sich Lebensmittelhändler und Hersteller beim Preis nicht einigen können, werden rund 480 Artikel von Unilever von Kaufland derzeit nicht mehr nachbestellt.

Betroffen sind viele bekannte Marken wie beispielsweise Knorr, Axe und Coral.

Einzelhandelsketten immer mächtiger

Rechtsanwalt Michael Bauer
Rechtsanwalt Michael Bauer | Bild: SWR

Rechtsanwalt Michael Bauer hat mehrere Preisverhandlungen zwischen Händlern und Herstellern hautnah erlebt. Mittlerweile haben die eine ganz neue Dimension, meint er: "Es ist insofern meines Erachtens nicht mehr normal, da es zeigt, dass die Macht des Einzelhandels mittlerweile so stark geworden ist, dass man in der Tat auf so einen Hersteller mit seinen Produkten verzichten kann."

Erst vor wenigen Monaten traf es die Artikel von Nestlé, die bei Edeka aus den Regalen genommen wurden. Edeka hat sich mittlerweile mit anderen europäischen Einzelhändlern zusammengeschlossen, zur Einkaufsallianz Agecore. Am Sitz in Genf wurde wochenlang verhandelt. Laut Insidern hat sich der Preiskampf für Edeka gelohnt.

Feilschen um Rabatte vom Listenpreis

Die Verhandlungen in der Branche sind berüchtigt, werden mit harten Bandagen geführt. Das erfährt "Plusminus" in vertraulichen Gesprächen mit Geschäftsführern, Herstellern und Verkäufern. Vor der Kamera traut sich das jedoch keiner zu sagen, aus Angst vor möglichen Sanktionen der großen Händler.

Wer als Hersteller die Preise der Supermärkte nicht akzeptiert, der fliegt und zwar aus dem Regal.

Grafik: Vier große Anbeiter teilen sich 60% des deutschen Marktes
Der Einzelhandelsmarkt ist größtenteils unter 4 Anbietern aufgeteilt | Bild: SWR

Im Lebensmittelhandel hat die Konzentration in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Die vier größten Lebensmitteleinzelhändler teilen sich inzwischen rund 60 Prozent des Marktes in Deutschland und nutzen ihre Marktmacht gnadenlos aus, nicht nur gegenüber großen Herstellern.

Kleine Erzeuger ebenfalls betroffen

Der Pfälzer Gemüsebauer Johannes Z. baut unter anderem Kürbisse, Pastinaken und Kartoffeln an. Seit vierzig Jahren beliefert er damit den Einzelhandel, seit langem über eine Genossenschaft. Doch selbst so hat er gegen die Großen keine Chance: "Die Landwirte haben überhaupt keine Verhandlungsposition gegenüber den vier oder fünf großen in Deutschland, die noch namhaft Gemüse einkaufen. Das heißt wir bekommen unsere Preise diktiert."

Der Handel macht Druck und droht mit günstigeren Waren aus Spanien oder Ägypten. In der Genossenschaft von Gemüsebauer Johannes Z. ist die Zahl der Mitglieder in den vergangenen zehn Jahren von 500 auf unter 200 zurückgegangen. Er berichtet weiter: "Wir können nicht mehr auf Augenhöhe verhandeln. Wir werden das auch in Verhandlungen nicht mehr hinbekommen. Da ist die Politik gefragt. Wir müssen das Kartellrecht ändern. Dass die erzeugende Seite wieder einen stärkeren Einfluss bekommt. Sonst werden wir uns langfristig von Landwirtschaft in Deutschland verabschieden können."

Die Supermärkte würden immer mehr fordern und die Mehrkosten den kleinen Erzeugern nicht vollständig bezahlen wollen. Die Händler feilschen um jeden Cent, versuchen Kosten zu sparen, wo es nur geht.

Preiskampf und mögliche Folgen

Infoschreiben an Kundn am Regal bei Kaufland
Mit kleinen Zetteln informiert Kaufland die Kunden

Der Kampf um Kunden wird in den deutschen Supermärkten vor allem über den Preis geführt, erklärt der Prof. Alexander Hennig, Professor für Handelsmanagement: "Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel ist weltweit dafür bekannt, dass er ein besonders niedriges Preisniveau hat. Das liegt daran, dass wir wenige starke Unternehmen bei den Vollsortimentern und Discountern haben, die sich einen scharfen Wettbewerb vor allem über die Preise liefern. Und das führt dazu, dass die Händler versuchen werden, auch weiterhin Niedrigpreise anzubieten, Preiserhöhungen zu vermeiden, weil wir als Verbraucher ansonsten sonst gerne das Geschäft wechseln."

Noch profitieren Kunden von den günstigen Preisen, doch das kann sich ändern, denn die Marktmacht der wenigen großen im Lebensmittelhandel wird weiter zunehmen, erklärt Rechtsanwalt Michael Bauer: "Aus Sicht der Verbraucher besteht das Risiko, dass, wenn die Märkte kippen, wenn sich der Konzentrationsprozess im Lebensmitteleinzelhandel fortsetzt, man dauerhaft dann auch höhere Preise bezahlen muss.“

Auch wenn bis jetzt nur die Hersteller die große Macht der Händler fürchten müssen, irgendwann müssen die Verbraucher die Zeche zahlen.

Auf "Plusminus"-Anfrage wollte sich keiner der betroffenen Unternehmen konkret zu den Preisverhandlungen äußern. Unilever teilt uns mit:

»Wir streben strategische Partnerschaften mit dem Handel an, die darauf ausgerichtet sind, Verbraucherinnen und Verbrauchern ein vielfältiges und qualitativ hochwertiges Produktsortiment anzubieten, Kategorien gemeinsam weiterzuentwickeln sowie Wachstum für alle Beteiligten zu schaffen. Ein reiner Fokus auf Preis innerhalb dieser Kette kann nicht nachhaltig sein – für keinen der Beteiligten.«

Stand: 20.09.2018 09:32 Uhr

2 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi, 19.09.18 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Südwestrundfunk
für
DasErste