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Teure Totenscheine

Wie Ärzte bei Trauernden abkassieren

PlaySarg mit Blumen
Teure Totenscheine | Video verfügbar bis 30.01.2020 | Bild: SWR

– Das Honorar für Ärzte zur sogenannten Leichenschau ist in der Gebührenordnung festgelegt.
– Immer wieder überschreiten Ärzte die Gebühren erheblich, zu Lasten der trauernden Angehörigen.
– Strafverfahren werden meist eingestellt.

Hilke hat vor wenigen Monaten ihren Vater verloren. Sein Tod kam für sie nicht überraschend. Doch sie hätte nicht mit dem juristischen Nachspiel gerechnet, das sie bis heute beschäftigt. Denn kurz nach dem Tod ihres Vaters erhält sie eine Rechnung des Arztes, der den Tod festgestellt hat: Mehr als 200 Euro verlangt der Arzt für die so genannte Leichenschau. Sie berichtet: "Da war ich zunächst überrascht, dass ich die Rechnung bekomme und das nicht über die Kasse abgerechnet wird. Und was mich dann stutzig gemacht hat war, dass zwei Mal der Feiertagszuschlag abgerechnet wurde, woraufhin ich dann beschlossen hab, ein bisschen genauer hinzuschauen."

Festgelegte Gebühren erheblich überschritten

Gebührenordnung für Ärzte
Die zulässigen Gebühren der Ärzte sind klar festgelegt | Bild: SWR

Hilke will die Rechnung prüfen lassen und wendet sich an die Verbraucherinitiative Bestattungskultur "Aeternitas". Hier häufen sich mittlerweile die Beschwerden über zu hohe Leichenschau-Rechnungen. Dabei ist in der "Gebührenordnung für Ärzte" genau festgelegt, wie viel ein Arzt für eine Leichenschau berechnen darf: Je nach Tageszeit, Anfahrtsweg und Aufwand für die Feststellung des Todes zwischen 18 und 77 Euro.

Torsten Schmitt, Rechtsanwalt von "Aeternitas" sagt dazu: "Alles, was über 77 Euro liegt, ist rechtswidrig. Hat der Arzt das sogar bewusst gemacht, kann man sogar von Gebührenbetrug sprechen."

Bei Hilkes Vater hat der Arzt wohl mehrere Positionen falsch berechnet, wie Rechtsanwalt Torsten Schmitt erläutert: "Zum einen wurde das eigentlich legale Wegegeld so erhöht, als hätte es sich nachts zugetragen, dabei war es morgens. Es wurden Feiertagszuschläge doppelt berechnet. Außerdem wurde so abgerechnet, als wäre ein Lebender besucht worden. Und so kam eine Überhöhung von 170 Euro zustande."

Rund 170 Euro zu viel und auch bei Leichenschau-Rechnungen anderer Ärzte stellt Rechtsanwalt Torsten Schmitt fest: Viele nutzen die Unwissenheit und die besondere Situation der Angehörigen aus.

Abgezockt während sie trauerte, Hilke macht das heute noch wütend: "In einer schwierigeren Situation kann man glaube ich nicht sein. Und wenn man es dann womöglich noch mit unter Umständen absichtlich falschen Rechnungen zu tun hat, das ist eine Sauerei "

Das will sie sich nicht gefallen lassen: Sie schickt dem Arzt ein Fax, fordert eine korrigierte Rechnung.

Bestatter werden wachsam

Auch beim Bestatter-Verband Nordrhein-Westfalen sieht man inzwischen Handlungsbedarf wegen überhöhter Abrechnungen. Geschäftsführer Christian Jäger bietet seinen Mitgliedern an, Leichenschau-Rechnungen zu überprüfen. Denn häufig gehen die Arzt-Rechnungen auch an den Bestatter, der sie dann als Teil der Gesamtrechnung an den Hinterbliebenen weitergibt. Er berichtet: "Bei unseren Mitgliedern war aufgefallen, dass die Anzahl der falschen Ärzteliquidationen in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen hat und deswegen haben sich immer mehr Betriebe an uns gewandt, um ihnen da Unterstützung zu geben."

Bestatter schiebt einen Sarg in die Trauerhalle
Bestatter sollten wachsam sein | Bild: SWR

Mehr als 300 Rechnungen wurden beim Geschäftsführer des Bestatter-Verbandes NRW, Christian Jäger, in den vergangenen zwei Jahren eingereicht. Und er stellte fest: Fast alle waren überhöht. Allein diese Ärzte haben dadurch mehr als 18.000 Euro zu viel berechnet. Doch die Dunkelziffer sei noch viel höher: "Ich bin sicher, dass es deutlich mehr falsche Abrechnungen gibt, als die, die uns vorgelegt werden."

Doch oft schauen auch die Bestatter bei den Leichenschau-Rechnungen nicht ganz genau hin. Auch weil ihnen ein gutes Verhältnis zu den Ärzten wichtig ist, denn die Ärzte sind oft die ersten am Totenbett und empfehlen den Angehörigen schon mal ein Beerdigungs-Unternehmen.

Vor vier Jahren hat der Bestatter Michael Höhn bei einem neuen Beerdigungs-Institut angefangen. Er kennt sich mit Abrechnungen aus und stellte fest: 95 Prozent der Ärzte-Rechnungen, die bei ihm landen, sind überhöht. Jahrelang hatte sein Chef die Rechnungen aus Unwissenheit bezahlt. Als Michael Höhn ihn darauf hinweist, ist er geschockt, reagiert aber sofort: Seither fordern sie hier die Ärzte auf, die Rechnungen zu korrigieren. Bestatter Michael Höhn berichtet weiter: "Wir hatten einige Anrufe von Ärzten, die sehr boshaft reagiert haben. Das heißt, die haben uns am Telefon bedroht oder sind beleidigend geworden."

Trotzdem hat Michael Höhn gegen eine Ärztin sogar Strafanzeige erstattet und erzählt: "Wir hatten mit dieser Ärztin einen besonders dreisten Fall. Sie hat über Monate immer falsche Abrechnungen gestellt, immer sehr hohe Pauschalbeträge abgerechnet."

Falsche Abrechnungspraxis ohne Folgen

Seine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Heidelberg wurde inzwischen eingestellt, wegen Geringfügigkeit.

Ein Friedhof mit Holzkreuzen
Wird bei Trauernden abkassiert? | Bild: SWR

Bundesweit gibt es viele solcher Verfahren. So ermittelt die Staatsanwaltschaft Duisburg seit einem Jahr gegen 140 Ärzte. Von den überprüften Leichenschau-Rechnungen waren rund 70 Prozent falsch. Der überwiegende Teil der Verfahren ist mittlerweile abgeschlossen. Doch auch hier wurden bisher alle Fälle eingestellt.

Auf Nachfrage teilt uns die Staatsanwaltschaft Duisburg dazu mit: "Diese Vorgehensweise ist bei Ersttätern, die einen vergleichsweise geringen Schaden verursacht haben, durchaus üblich."

Bei der Bundesärztekammer sieht man die Ursachen woanders und hat durchaus Erklärungen für die überhöhten Abrechnungen, wie woanders. Dr. Klaus Reinhardt, BundesärztekammervorstandVorstand der Bundesärztekammer und Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe erläutert: "Wenn wir überlegen, dass ein Arzt unter Umständen seine Praxis, sein Haus verlässt, sich ins Auto setzt, hinfährt, an den Ort, wo der Verstorbene sich befindet, den Tod feststellt und wenn wir das vergleichen mit Preisen, die wir im allgemeinen Alltag bezahlen müssen, wenn wir einen Handwerker, einen Techniker in Anspruch nehmen müssen, auch in der Praxis, dann ist das aus unserer Sicht nicht mehr angemessen."

Veraltete Gebührenordnung, aber keine Rechtfertigung

Die letzte umfassende Anpassung der Gebührenordnung liegt tatsächlich 30 Jahre zurück. Doch rechtfertigt das, dass Ärzte nach eigenem Ermessen einfach mehr berechnen? Dazu meint Dr. Klaus Reinhardt: "Es ist aus unserer Sicht nicht korrekt dies zu tun. Ein Restverständnis habe ich, weil wie eben schon eingeführt, die aktuelle Vergütung aus unserer Sicht vollkommen unangemessen ist."

Seit zehn Jahren wird schon über eine Änderung der Gebührenordnung verhandelt, bisher ohne Ergebnis.

Bei Hilke hat der Arzt inzwischen reagiert. Fast 170 Euro hatte er unrechtmäßig von ihr gefordert, nun hat er die Rechnung reduziert, um gerade mal 23 Euro. 

Sie meint dazu: "Ich habe absolutes Verständnis dafür, dass Ärzte unzufrieden sind mit ihrem Honorar. Aber auf der anderen Seite finde ich es völlig unangemessen, das trauernden Angehörigen aus der Tasche zu ziehen."

Selbst als sie die Landesärztekammer einschaltet, korrigiert der Arzt die Rechnung nicht weiter. Inzwischen hat Hilke Strafanzeige gestellt. Der Arzt droht ihr nun mit einer Verleumdungsklage. Aber einschüchtern lassen will sich sie nicht: "Ich musste oft daran denken, wie würde mein Vater jetzt reagieren? Und der hätte immer den Kopf geschüttelt und gesagt: Mädchen, jetzt wegen 200 Euro so einen Aufriss. Aber ich weiß ganz genau, hinterher wäre er stolz gewesen: Endlich macht mal jemand was, endlich sagt mal jemand, das ist nicht in Ordnung."

Die Trauer um ihren Vater, sagt sie, habe ihr dabei geholfen, entschlossen gegen den Arzt vorzugehen. Denn nur wenn sich mehr Angehörige wehren, wird sich an der falschen Abrechnungspraxis Einhalt gebieten. etwas ändern.

Stand: 31.01.2019 10:27 Uhr

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