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Titandioxid

Gefährliche Nanopartikel in Lebensmitteln und Medikamenten

PlayGrafik: Titandioxid
Titandioxid | Video verfügbar bis 04.08.2022 | Bild: SWR

  • · Titandioxid ist in Lebensmitteln, Medikamenten und beispielsweise Zahnpasta enthalten.
  • · Der weiße Farbstoff verhilft zu strahlend weißer Farbe und glänzenden Überzügen.
  • · Der Stoff ist schon länger als gesundheitsgefährdend eingestuft und wird von der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA als nicht mehr sicher eingestuft.
  • · Die Gefahr geht insbesondere von Nanopartikeln des Farbstoffs aus.

Es steckt in unserer Zahnpasta, in Medikamenten wie Schmerztabletten, in Nahrungsergänzungsmitteln aber auch in Lebensmitteln wie Backzutaten oder Kaugummis - Titandioxid. Es sorgt für strahlendes Weiß und lässt Produkte glänzen, mehr nicht.

Doch vor einigen Wochen eine überraschende Warnung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit:  Sie hält die Verwendung von Titandioxid in Lebensmitteln für nicht mehr sicher, kann nicht ausschließen, dass der Farbstoff erbgutschädigend ist. Dabei wird er seit Jahrzehnten eingesetzt.

Was ist Titandioxid?

Viele Verbraucher wissen gar nicht, was Titandioxid ist, wie eine Umfrage von Plusminus zeigt. Titandioxid muss auf allen Produkten deklariert sein.

Doch oft wird der Farbstoff unter der Bezeichnung E171 aufgeführt oder als CI 77891. Schon seit einigen Jahren steht er im Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein.

Titandioxid bringt Dragees zum Glänzen
Titandioxid bringt Dragees zum Glänzen | Bild: SWR

Der ehemalige Geschäftsführer von Foodwatch, Martin Rücker, erklärt: "Dieser Stoff hätte gar nicht zugelassen werden dürfen, denn eigentlich ist das solchen Substanzen vorbehalten, die eine wirkliche Funktion in dem Lebensmittel haben und den Verbrauchern einen Nutzen bringen. Das ist hier nicht der Fall. Es geht hier um einen rein optischen Effekt. Man kann etwas glänzender oder strahlender weiß machen, aber es hat keinen wirklichen Nutzen für die Menschen."

Am Universitätsspital in Zürich wird schon lange an Titandioxid geforscht. Prof. Gerhard Rogler, Direktor der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Universitätsspital Zürich, hat herausgefunden, dass Titandioxid vor allem dann gefährlich ist, wenn es in Form von Nanopartikeln vorkommt: "Wenn man diese Nanopartikel aufnimmt, die rutschen bis in den unteren Dünn- und Dickdarm, werden nicht weiter oben aufgenommen. Und dort ist es so, wenn die Darmbarriere, wenn die Schleimschicht dünn ist, dann können sie direkt eindringen in die Darmwand, Entzündungsreaktionen auslösen, aber auch durchgehen. Und chronische Entzündung, das wissen wir von anderen Erkrankungen, löst im Darm mit der Zeit, weil immer wieder neue Zellen entstehen müssen, immer wieder Wunden abheilen müssen, löst es eben durchaus Krebsvorstufen aus."

Außerdem hätte der Farbstoff schon längst verboten werden müssen, nicht nur in Lebensmitteln, sondern auch in anderen Produkten, über die wir den Stoff aufnehmen können, meint Prof. Gerhard Rogler.

Starke Lobby für Titandioxid

Entscheidend für die potenzielle Gefährlichkeit von Titandioxid ist der Anteil an Nanopartikeln.

Zumindest in Lebensmitteln hat Frankreich bereits im vergangenen Jahr Titandioxid verboten. Die Lobbyexpertin Vicky Cann von Corporate Europe Observatory rechnet aber damit, dass in der EU ein Verbot nicht so schnell kommen wird, denn die Titandioxid-Lobby versuche schon seit Jahren, ein Verbot zu verhindern: "Die Titandioxid Lobby in Brüssel ist sehr groß, sehr stark. Sie haben Millionen investiert. Wir wissen, dass sie die größte PR-Agentur in Brüssel engagiert haben, um ihnen zu helfen. Wir wissen, dass sie sich aktiv an Schlüsselpersonen und Abgeordnete der Mitgliedsstaaten in Brüssel wenden."

(Englischer Originaltext: "The Titanium Dioxide Lobby in Brussels is very big, very strong. They have spent millions. We know they hired the biggest public relations lobby firm in Brussels to help them. We know they have been very active towards any keys and towards member states officals in Brussels.")

Als 2019 die EU-Kommission empfiehlt, Frankreichs Maßnahmen auf die EU auszudehnen oder Titandioxid für bestimmte Lebensmitteln zu verbieten, macht die Titandioxid-Lobby auch in Deutschland Druck. So verlangt der Lebensmittelverband in einem Brief an das Verbraucherministerium etwa: "Wir fordern die Bundesregierung hiermit entschieden auf, keiner der beiden von der Kommission vorgeschlagenen Optionen zu folgen..."

Hat das Bundesministerium sich etwa von der Lobby beeinflussen lassen? Obwohl Titandioxid schon seit einigen Jahren öffentlich in der Kritik steht, hat die zuständige Ministerin Julia Klöckner auch erst nach den Warnungen der EFSA ein Verbot in den Raum gestellt.

Renate Künast, Ernährungspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, war bis 2005 selbst Ernährungsministerin. Ihrer Meinung nach war das Ministerium bei Titandioxid zu lange untätig, trotz zahlreicher Warnungen: "Frau Klöckner reagiert zu spät, weil wir quasi seit 2017 erhebliche Zweifel, auch wissenschaftlich begründet, haben müssen, weil Frankreich daraufhin reagiert hat und ab 2020 den Stoff verboten hat. Sie müsste entweder wie Frankreich Titandioxid verbieten in Lebensmitteln oder mindestens doch die Industrie heranholen und mit denen eine Reduktionsstrategie machen. Es geht um Gesundheit."

Wir fragen beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft nach und wollen wissen, warum man Titandioxid nicht schon früher verboten hat. Das Ministerium antwortet: "Ausschlaggebend für das Handeln unseres Ministeriums war und ist die wissenschaftliche Risikobewertung. Im Jahr 2019 bestand keine wissenschaftliche Handlungsgrundlage für eine Änderung der Zulassung von Titandioxid als Lebensmittelzusatzstoff."

Anteil von Titandioxid-Nanopartikeln

Zehn Produkte, die auf ihren Titandioxidgehalt geprüft wurden
Zehn Produkte, die auf ihren Titandioxidgehalt geprüft wurden | Bild: SWR

Wir wollen wissen, wie hoch der Titandioxid-Anteil ist, etwa in Zahnpasta, Nahrungsergänzungsmitteln oder Backzutaten und schicken zehn Produkte, die Titandioxid enthalten, an ein Labor in Wuppertal.

Janek Jungkeit vom Labor Indikator GmbH erläutert: " Es gab zwei Produkte, das war einmal das Kakaopulver und die weißen Zuckerstreusel, die enthielten einen deutlich höheren Anteil an Nanopartikeln von dem Titandioxid. Da lagen wir bei 84 Prozent bei dem einem Produkt und 67 Prozent bei dem anderen Produkt, und das ist schon ein deutlich höherer Anteil als wir ihn bisher in anderen Produkten auch analysiert haben."

Auf Anfrage teilte uns der Kakaopuder-Hersteller mit, man werde das Produkt aus dem Sortiment nehmen. Auch der Zuckerstreusel Hersteller will Titandioxid ersetzen.

Titandioxid ist in vielen Überzügen enthalten
Titandioxid ist in vielen Überzügen enthalten | Bild: SWR

In unserer Stichprobe fanden sich auch in den Medikamenten Nanopartikel. Die Hersteller verweisen darauf, Titandioxid sichere die Wirksamkeit. Mehr als 30.000 Medikamente, die es in Europa zu kaufen gibt, sind mit Titandioxid überzogen. Doch weil sie nicht als Lebensmittel gelten, sind sie von den Warnungen der EFSA nicht betroffen. Der Verband teilt uns mit, Titandioxid schütze vor Licht. 

Für den Pharmakologen Prof. Dr. Gerd Glaeske kein Grund, dafür ausgerechnet Titandioxid zu verwenden. Er meint: "Ich halte das Ganze für ein vorgeschobenes Argument. Im Prinzip geht es ja darum, dass ich Blisterpackungen habe. Das sind gute Verpackungen. Die Tabletten, die Dragees, die Kapseln sind durch einen Umkarton geschützt, das heißt, das Sonnenlicht oder so dergleichen kann überhaupt keine Rolle mehr spielen. Insofern gibt es für mich überhaupt keinen wirklich nachvollziehbaren Grund, warum das Titandioxid so absolut notwendig sein sollte."

Auch die Zahncremes in unserer Stichprobe enthielten Titandioxid-Nanopartikel. Kann man angesichts dieser Ergebnisse unbesorgt Zahncreme mit Titandioxid verwenden? Gastroenterologe Prof. Gerhard Rogler erläutert: "Wenn wir das komplett ausspucken und ausspülen, dann nehmen wir natürlich wenig davon auf. Und wir Erwachsene tun das ja auch, aber die Kinder, die schlucken bekanntermaßen einen großen Teil der Zahnpasta. Und tatsächlich ist es deswegen so, dass in der holländischen Studie bei Kindern besonders hohe Titandioxid-Spiegel im Körper nachgewiesen wurden und die Aufnahme gerade bei Kindern am höchsten ist."

Das Problem: Zahnpasta und Medikamente fallen bislang durch das behördliche Raster. Die aktuelle Warnung der EFSA bezieht sich nur auf Lebensmittel. Die meisten Hersteller warten deshalb erstmal ab.

Für den Lobbybeobachter Martin Rücker ist deshalb klar: "Ich wünsche mir, dass Deutschland auch sehr viel stärker in diese Vorreiterrolle hineinkommt und nicht abwartet, sondern konsequent sagt: Wenn wir von einem Risiko ausgehen müssen, dann handeln wir auch konsequent, um die Menschen zu schützen."

Zumindest bei den Lebensmitteln könnte Deutschland schon längst selbst aktiv werden. Doch so lange weder Berlin noch die EU ein Verbot aussprechen, bleibt Verbrauchern nur selbst auf die Zutatenliste zu schauen.

Ein Beitrag von Sigrid Born-Berg
Online-Bearbeitung: Björn Glöckner
Der Beitrag wurde produziert vom Südwestrundfunk (SWR) für "Das Erste".

Stand: 10.08.2021 15:43 Uhr

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