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Unternehmensinsolvenzen

Droht die große Welle?

PlayGrafik: Dunkle Wolken über Firma und Ausverkauf
Unternehmensinsolvenzen | Bild: SWR

  • • Im März hat die Bundesregierung die Insolvenzantragspflicht zunächst bis Ende September ausgesetzt. Nun soll die Aussetzung bis Ende des Jahres verlängert werden.
  • • Wirtschaftsexperten befürchten, dass dadurch die Welle an Insolvenzen nur verschoben werde.
  • • Auch Insolvenzrechtler kritisieren die Verlängerung. Sie wiege Unternehmer in falscher Sicherheit und könne für Unternehmer Haftungsrisiken bergen und Sanierungschancen mindern.

Gerhard Bosselmann betreibt 22 Bäckereien in Hannover. Auch wenn alles wieder einigermaßen normal wirkt, hat er noch immer Einbußen wegen Corona. In seinen Filialen verkauft er deutlich weniger als vorher. Am Anfang hatte er gehofft, dass nach zwei Monaten alles vorbei sei, doch nun, nach sieben Monaten sind die Konten leer, berichtet er. Ein Teil seiner Mitarbeiter ist seit dem Lockdown in Kurzarbeit, bis heute. Damals brach sein Umsatz um bis zu 90 Prozent ein. Einige seiner Filialen musste er wochenlang schließen. Mit einem emotionalen Appell im Netz erlangte er im März bundesweite Aufmerksamkeit. Ohne einen gewissen Mindestumsatz werde das Unternehmen nach sechs bis acht Wochen sterben, sagte er damals.

Mit den staatlichen Corona-Hilfen und einem Riesenkredit kommt Gerhard Bosselmann mit seinen Bäckereien über die Runden. Einen Kredit über 800.000 Euro habe er abgeschlossen, berichtet er, der größte Kredit seiner Unternehmenstätigkeit. Und das im Alter von 64. Er werde ihn abbezahlen müssen bis er 74 ist. Er ist zuversichtlich, dass er das schafft, obwohl er weiß, dass in seiner Branche viele Bäcker Insolvenz anmelden müssen. Als verantwortungsvoller Unternehmer sei der Gedanke an eine Insolvenz ständig vorhanden.

Bisher wenig Insolvenzen

Grafik: Insolvenzen im Vergleich
Im August 2020 lag die Zahl der Insolvenzen noch unter dem Vorjahr | Bild: SWR

Doch trotz der Krise ist die Zahl der eröffneten Insolvenzverfahren über alle Branchen hinweg erstaunlich gering. So wurden im August rund 40 Prozent weniger Insolvenzen angemeldet als im Jahr zuvor und sogar 50 Prozent weniger als 2009, nach der Finanzkrise. Das liegt vor allem an den Ende März beschlossenen Corona-Hilfen für die Wirtschaft. Zudem wurde die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt. Das heißt: Wer zahlungsunfähig wird, muss das bis heute nicht anzeigen.

Prof. Lars Feld, Vorsitzender Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
Prof. Lars Feld, Vorsitzender Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung | Bild: SWR

Dass die Insolvenzantragspflicht erstmal ausgesetzt wurde, findet der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Lars Feld, richtig. Allerdings warnt er vor den Risiken für die Gesamtwirtschaft. Wenn die Insolvenzantragspflicht wegfällt und der Druck nicht da ist, Insolvenz zu beantragen, gäbe es viele Unternehmen, die abwarten. Das sei ungünstig für die Wirtschaft, da Unternehmen, die nicht mehr marktfähig sind und die kein tragfähiges Geschäftsmodell haben, auch vom Markt verschwinden müssten.

Einige Branchen besonders hart betroffen

"Plusminus" trifft einen Unternehmer aus der Catering-Branche. Er will nicht erkannt werden, fürchtet das Misstrauen seiner Geschäftspartner. Vor der Krise liefen seine Geschäfte gut. Seit Beginn der Krise stornierten seine Kunden jedoch Aufträge in Höhe von sieben Millionen Euro, ein Umsatzeinbruch von rund 90 Prozent. Man schwanke ständig am Rande der Zahlungsunfähigkeit, berichtet der Caterer. Geschäftlich sei diese Zeit mehr als schwierig, ein Albtraum. Die Lage verändere sich stündlich. Durch neue Aufträge könne es da auch wieder etwas Luft geben. Perspektivisch sei das für das Gesamtunternehmen mit Verbindlichkeiten jedoch nicht tragfähig. Und er glaubt, dass sich das für viele Unternehmen so darstelle.

Leere Catering-Küche
Nicht nur Caterer kämpfen mit fehlenden Aufträgen | Bild: SWR

Durch das Aussetzen der Insolvenzantragspflicht weiß derzeit niemand, wer noch im Stande ist, seine Rechnungen zu bezahlen und wer nicht. Der Caterer berichtet weiter, dass die gesamte Branche derzeit mit Vorkasse arbeite, da das Misstrauen untereinander vor Zahlungsausfällen riesig sei. Es gäbe auch zahlreiche Kunden, die ihre Rechnungen nicht bezahlt hätten.

Weitere Aussetzung der Insolvenzantragspflicht umstritten

Nun plant die Bundesregierung die Insolvenzantragspflicht noch länger auszusetzen, mindestens bis Ende Jahres 2020. Allerdings soll das dann nur noch für überschuldete Unternehmen gelten, bei denen man annimmt, dass sie bald wieder gute Geschäfte machen werden.

Der Wirtschaftsweise Lars Feld sieht das skeptisch. Er hätte die Insolvenzantragspflicht nur bis zum 30. September ausgesetzt und nicht weiter verlängert.

Das diese Verlängerung vielen Unternehmen automatisch hilft, daran zweifelt auch Insolvenzrechtsexperte Volker Römermann.  Er hält die Unterscheidung sogar für riskant, denn Unternehmer würden dadurch in einer falschen Sicherheit gewogen, dass sie eine Insolvenzanmeldung nach hinten verschieben könnten. Das stimme nicht, so der Fachanwalt für Insolvenzrecht. Die Unternehmen, die jetzt zahlungsunfähig sind oder die in der Krise stecken, und die das Thema nun drei Monate nach hinten schieben, die könnten so vielleicht den richtigen Moment verpassen, den Antrag stellen zu müssen oder wo es vielleicht sinnvoll ist, den Antrag zu stellen, damit man die Sanierungsmöglichkeiten, die in der Insolvenz stecken, professionell nutzen könne.

Insolvenz nicht unnötig aufschieben

Den richtigen Moment nicht zu verpassen, ist für viele Unternehmer nicht einfach. Bei Insolvenzberater Richard Sommer steht ein entscheidendes Gespräch an. Er erwartet einen Maschinenbauer mit fünf Mitarbeitern, für den es um die Existenz seines Unternehmens geht. Die Aufgabenstellung werde sein, zu prüfen, ob Insolvenzantragspflicht besteht, so der Experte.

Zu Beginn der Corona-Krise wurden bei dem Unternehmen Aufträge von den Kunden erst geschoben, dann storniert. Doch ohne Aufträge habe das Unternehmen keine Möglichkeit Umsätze und Erträge zu generieren. Die Kosten laufen weiter und die Möglichkeit, diese über Fördermittel aufzufangen, seien eingeschränkt und zeitlich begrenzt, so der Fachanwalt für Insolvenzrecht.

Nun wollte der Unternehmer versuchen, weitere Kredite von Banken zu bekommen. Allerdings ohne Erfolg. Für die Banken war der ausschlaggebende Grund, dass die Aufträge noch nicht da sind, erzählt der Unternehmer. Außerdem handele es sich um ein junges Unternehmen, das in der Vergangenheit keine Riesenerträge produziert habe. Die Kapitaldienstfähigkeit sei laut Bankenvoraussetzungen nicht gegeben. Somit haben sich die Banken zurückgezogen, berichtet der Unternehmer.

Nun wird der Maschinenbauer Insolvenz anmelden. Die Möglichkeit zu nutzen, den Insolvenzantrag aufzuschieben, helfe in einem solchen Fall nicht, meint Insolvenzberater Richard Sommer.

Risiken bei verspäteter Insolvenzanmeldung

Insolvenzrechtsexperte Volker Römermann hält die andauernde Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für überschuldete Unternehmen für einen faulen Kompromiss der Politik. In Wirklichkeit unterlägen 90 Prozent der Betroffenen jetzt schon der Insolvenzantragspflicht. Man sollte ihnen nicht vorspielen, sie könnten das Problem vor sich herschieben. Sie könnten sonst in eine Strafbarkeit und in die persönliche Haftung geraten.

Das ist auch dem Caterer bewusst. Ihm verschafft die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis Ende des Jahres mehr Luft. Derzeit liefert er nur Kita- und Schulessen aus, kann aber damit zumindest seine laufenden Kosten decken. Dennoch überlegt er jetzt, einen Kredit zu beantragen. Er hofft dank einer positiven Fortführungsprognose auf die Möglichkeit, seinen Überschuldungsgrad Stück für Stück zu mindern. Dafür benötigt er jedoch gesunde Aufträge. Wo die im Moment herkommen sollen, mit welcher Perspektive und welchem Zeitfenster, das wisse er noch nicht.

Ob die weitere Aussetzung der Insolvenzantragspflicht überschuldeten Unternehmen wirklich hilft, ist fraglich. Die Bundesregierung hofft, dass so die gefährliche Insolvenzwelle ausbleibt. Es ist eine Wette darauf, dass die Krise bald ausgestanden ist.

Ein Beitrag von Jörg Hommer und Julian Gräfe

Online-Bearbeitung: Björn Glöckner

Der Beitrag wurde produziert vom Südwestrundfunk (SWR) für "Das Erste".

Stand: 17.09.2020 13:28 Uhr

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