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Nachfolger gesucht

Warum sich Mittelständler beim Generationenwechsel schwertun

PlayUnternehmensübergabe
Nachfolger gesucht | Video verfügbar bis 12.08.2021 | Bild: SWR

Im Januar besuchen wir den Betrieb von Günter O zum ersten Mal; möglicherwiese bei einem seiner letzten Aufträge, denn eine Firmenübergabe ist endlich in Sicht. In seiner Werkstatt stellt er Spezialketten und Seilsicherungen her. Günter O. hat den Betrieb 15 Jahre zuvor gekauft und das Geschäft mit seiner Frau weiter ausgebaut. Dass ihre Kinder die Werkstatt nicht übernehmen wollen, stand schon früh fest. Eines der Kinder hat zumindest direkt gesagt, dass es den Stress und die langen Arbeitszeiten nicht möchte.

Drahtseilproduktion
Das Geschäft mit Drahtseilen läuft gut | Bild: SWR

Eigentlich wollte das Ehepaar schon vor zwei Jahren in den Ruhestand, doch die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich schwierig. Es findet sich kein Käufer, obwohl das Geschäft mit den Drahtseilen gut läuft. Günter O. beschäftigt zwar nur einen festen Mitarbeiter, macht aber jährlich zwischen 300.000 und 500.000 Euro Umsatz. Der Firmeninhaber war so frustriert, dass er schon aufgeben wollte.

Dabei ist der Unternehmer nur einer von vielen. Bis Ende 2021 suchen rund 152.000 Unternehmer einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für ihren Betrieb. Laut einer Studie der KfW-Bank haben davon:

  • 41Prozent die Nachfolge bereits geregelt,

  • bei 17 Prozent laufen immerhin Verhandlungen mit Nachfolgern

  • 20 Prozent sind noch auf der Suche

  • 21 Prozent haben sich noch nicht einmal über die Nachfolgeregelung informiert.
Grafik: Stand Nachfolgersuche
Weniger als die Hälfte der Unternehmer haben bereits einen Nachfolger | Bild: SWR

Das heißt: Bei mehr als der Hälfte ist die Übergabe ungewiss.

Seit 2019 berät Gernod Kraft vom Innovationszentrum Baden-Württemberg Günter O. bei seiner Suche: "Die Tatsache, dass heute jemand kommt und den Geldkoffer aufmacht und sagt, hier haben Sie 200.000 Euro, ich will morgen ihren Betrieb übernehmen, die wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht so eintreffen."

Verspätete Planung

Oft planen die Alt-Unternehmer schlicht zu wenig Zeit ein oder sind schon zu alt, um die Nachfolge rechtzeitig zu regeln, erläutert Gernot Kraft: "Es ist tatsächlich häufiger der Fall, dass die Übergebenden schon deutlich über dem Rentenalter sind. Also im extremen Fall hatten wir auch Achtzigjährige, die die Nachfolge noch nicht geregelt hatten. Der Faktor Zeit spielt eine Riesenrolle. Wenn ich jetzt im Juli komme und sage ich möchte meinen Betrieb zum Jahresende übergeben, dann ist das ein Husarenritt, der im Normalfall nicht zu bewerkstelligen ist."

Günther O. hat es geschafft und hat doch noch einen Nachfolger gefunden. Im Februar stand die Übergabe an.

Vor allem kleinenn, mittelständischen Unternehmen unter einer Million Euro Jahresumsatz fällt die Suche nach einem geeigneten Nachfolger schwer, beobachtet Rosemarie Kay vom Institut für Mittelstandsforschung: "Das hat was damit zu tun, dass die kleineren Unternehmen in aller Regel ökonomisch weniger attraktiv sind. Zudem kommt hinzu, dass kleinere Unternehmer eben diesen Übergabeprozess neben dem Alltagsgeschäft bewältigen müssen, sie haben nicht die Zeit, um sich intensiv mit der Frage zu beschäftigen."

Das liegt auch am demographischen Wandel einer älter werdenden Gesellschaft. Doch das Hauptproblem für den starken Rückgang der Existenzgründungen sei die mangelnde Bereitschaft, unternehmerisches Risiko zu übernehmen, erläutert Rosemarie Kay: "Gleichzeitig müssen wir sehen, dass die eigentlich in Frage kommenden Personen heute weniger geneigt sind, weniger Lust haben, sich selbstständig zu machen, als das noch vor zehn, fünfzehn Jahren der Fall war."

Innovation gegen Erfahrung?

Im Januar 2020 ist Matthias B. schon seit 4 Monaten sein eigener Chef. In Eislingen bei Göppingen produziert der Jungunternehmer Präzisionsdrehteile und Spannwerkzeuge. Er wusste schon früh, dass er den Betrieb seines Großvaters übernehmen wird, auch wenn der Firmengründer noch etwas Bedenken hat: "Er hatte schon viele neue Ideen und er wollte sie schon relativ schnell umsetzen und das war für mich schon etwas bedenklich, weil man kann nicht immer alles von heute auf morgen."

Gleich zu Beginn hat der 33-Jährige große Pläne, stellt neue Mitarbeiter ein, kauft eine neue Maschine. Er berichtet: "Der Riesenaufwand war mir am Anfang nicht so klar, was alles auf einen zukommt, um so schnell zu wachsen, der Aufwand, die Logistik, die Leute unterzubringen, war schon schwierig."

Das Geschäft brummt in den ersten Monaten, dann kommt die Katastrophe: die Corona-Krise.

Produktion von Präzisionsteilen
Die Produktion ist stark reduziert durch Corona | Bild: SWR

Im Juli 2020 besuchen wir das Unternehmen erneut. Die Corona-Krise hat den Jungunternehmer hart getroffen. Seine Mitarbeiter musste er in Kurzarbeit schicken, die Aufträge sind zwischen dreißig und vierzig Prozent eingebrochen: "Nicht nur ich, ich glaube meine Kollegen hatten alle schlaflose Nächte. Wir alle arbeiten hier mit viel Herz und stecken die ganze Zeit viel Liebe hinein. Natürlich hat man da Angst um seine Existenz, ganz klar!"

Vor allem die Aufträge zweier Großkunden halten sein kleines Unternehmen seit März über Wasser. 9.000 Euro Corona-Hilfe hat er bisher vom Bund erhalten. Für kleine Mittelständler zu wenig, sagt er: "Ich glaube, Wirtschaft und die Politiker haben eher nach den großen Unternehmen geschaut. Ich denke mal, die Kleinen oder Mittelstand bis fünfzig Leute, behaupte ich mal, dass man die definitiv vernachlässigt. Es läuft halt so mit, jeder hat sein Corona-Geld bekommen, jeder ist damit abgespeist worden, jeder hat damit seine Löcher gestopft und mehr war es nicht."

Der Jung-Unternehmer hofft, dass es bald wieder aufwärts geht. Sein Vorteil: Für die Familien-Nachfolge musste er keinen Kredit aufnehmen.

Übernahme in den Lockdown

Anders sieht es in der ehemaligen Werkstatt von Günter O. aus. Seinen Nachfolger hat der Lockdown im März hart getroffen. Erst im Februar hatte Uwe K. das Unternehmen gekauft, musste dafür sogar einen Kredit aufnehmen. Er berichtet: "Momentan leben wir von der Hand in den Mund, es ist morgens immer eine Überraschung: Kriegen wir Mails, kommt ein Anruf, können wir draußen den Mitarbeiter beschäftigen, haben wir was Neues? Es ist schwierig. Wir können mit nichts planen auf längere Sicht, sondern aktuell ist alles sehr kurzfristig. Das habe ich mir auch anders vorgestellt, definitiv, aber es hilft nichts, die momentane Situation ist so und können wir nur gucken, wie wir da wieder rauskommen." 

Mehr als die Hälfte seiner Aufträge sind weggebrochen. 9.000 Euro Soforthilfe gab es vom Bund. Mehr wird er nicht erhalten, weil er sein Unternehmen erst nach dem 31. Oktober 2019 gegründet hat.

Sicher sei es für alle Unternehmer gerade sehr schwer. Allerdings für Neuagründungen in den vergangenen Monaten, vor allem durch Übernahmen, besonders, erläutert Rosemarie Kay vom Institut für Mittelstandsforschung: "Meines Erachtens sollten die Soforthilfen für neu gegründete Unternehmen genauso wie übernommene Unternehmen genauso gelten oder zur Verfügung stehen wie für alle anderen Bestandsunternehmen. Weil das Unternehmen gibt es schon lange am Markt, man weiß, wie es in der Vergangenheit performt hat, und wenn da jetzt der Übernehmer nicht das Geschäftsmodell völlig geändert hat, kann man davon ausgehen, dass sich das in der näheren Zukunft auch weiter entwickeln würde."

Darauf hofft auch Uwe K. Er kämpft jetzt um jeden Auftrag. Unternehmensnachfolgen waren schon vor Corona ein großes Problem. Welche Folgen die Krise für die Nachfolge-Suche hat, ist heute noch nicht abzusehen.

Stand: 13.08.2020 11:05 Uhr

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