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Teure Graffiti: Wie Straftäter Kasse machen und der Kunde zahlt

PlayEin mit Graffiti besprühter S-Bahn-Waggon
Teure Graffiti: Wie Straftäter Kasse machen und der Kunde zahlt | Video verfügbar bis 23.05.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

– Graffiti auf Zügen verursachen jedes Jahr Schäden von rund 200 Millionen Euro.
– Die Schäden gehen meist zu Lasten der Kunden.
– Sprayer werden nur selten festgenommen und haben in Deutschland kaum ernsthafte Konsequenzen zu befürchten.
– Oft filmen sich Sprayer bei ihren Taten und machen die Aufnahmen zu Geld.

Berlin, U-Bahnhof Schlesisches Tor. Ein paar junge Männer starten zu einem Auftritt, den sie selbst als besonders mutig empfinden: Ein mit Fahrgästen besetzter Wagen wird einfach komplett zugesprüht. Oft hält dabei einer der Sprayer die Tür auf, damit der Zug nicht weiterfahren kann, während die anderen sprühen."Whole train" heißen solche Aktionen, im Sprayer-Deutsch: Ganz-Zug bemalen. Und sie lassen sich dabei filmen. Mit den Aufnahmen ihrer dreisten Aktionen prahlen sie dann im Internet.

Weg, bevor die Polizei kommt

Graffiti auf einem ICE im Berliner Hauptbahnhof
Schäden durch Graffiti gehen meist zu Lasten von Kunden und Steuerzahlern. | Bild: Imago

Der Fahrer kann in so einer Situation allenfalls eine Durchsage machen und die Polizei rufen. Doch bevor die Polizisten eintreffen, sind die Sprayer längst weg. Immer größer und spektakulärer werden die Graffiti. Für die Schäden aber müssen andere aufkommen. Nämlich die Verkehrsunternehmen und damit letztlich deren Kunden, wie Petra Reez als Pressesprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) erklärt:

"Das ist wirklich ärgerlich, weil das für uns bedeutet, dieser Zug muss aus dem Verkehr rausgenommen werden, muss in die Werkstatt. Er muss gereinigt werden. Sie haben gesehen, das sind sechs Wagen. Wir können eine ganze U-Bahn einmal nicht einsetzen."

Millionenschäden

Letztes Jahr lag der Schaden in Berlin bei rund einer Million Euro*. Auch in München, Köln und Hamburg verursachten Sprayer Millionenschäden bei den Verkehrsunternehmen. Die Deutsche Bahn beziffert ihre Schäden auf acht Millionen. Deutschlandweite Schätzungen liegen bei 200 Millionen jährlich für Gebäude und Züge.

Nichts zu befürchten

Trotz der hohen Schäden ist Graffiti ein eher ungefährliches Hobby, denn kaum ein Sprayer wird erwischt. Die Aufklärungsquote liegt gerade einmal bei 16 Prozent. Zudem ist es schwer, solche Taten juristisch sicher nachzuweisen, denn meist sind die Täter vermummt. Und wird einer erwischt, fällt die Strafe fast immer gering aus. Selbst wenn Sprayer auf frischer Tat ertappt werden, kommen sie meist glimpflich davon: Geldstrafen um 1.000 Euro sind üblich, Haftstrafen gibt es fast nie. Häufig werden die Verfahren auch einfach eingestellt – wegen Geringfügigkeit. Klaus Tewes, der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt, erklärt, warum das so ist:

"Der Gesetzgeber hat dieses Delikt als Bagatelle eingestuft, von der Wertigkeit noch unter Ladendiebstahl. Was man davon kriminalpolitisch hält, ist eine andere Sache. Es gibt natürlich auch immer Leute, die sagen, die Strafen müssten möglichst hoch sein."

Andere Städte, andere Strafen

Hohe Strafen gibt es weltweit in vielen Städten. Stockholm etwa fährt eine Null-Toleranz-Politik gegen Sprayer, mit aufwändigen Kontrollen. In Prag riskieren Täter sogar bis zu sechs Jahren Haft. Graffiti sind trotzdem in beiden Städten ein Problem.

Ganz anders in Singapur. Hier scheinen die Behörden das Problem im Griff zu haben. Graffiti an Zügen oder Bahnstationen gibt es praktisch nicht. Denn die Strafen dafür sind extrem. Vor drei Jahren statuierten die Behörden ein Exempel: Zum ersten Mal seit langem wurden Sprayer erwischt. Es sind Deutsche aus Leipzig. "Plusminus" hat einen der beiden getroffen. Zum ersten Mal berichtet er öffentlich, aber anonym über die Aktion:

"Singapur ist das Ding in der Szene. Wenn du es schaffst, einen Zug in Singapur zu malen, dann redet die ganze Welt von dir. Die bewachen ihre Züge extrem und die Strafen sind echt krass."

Er und sein Komplize brachen in ein Depot ein und sprühten ein Graffito. Die Polizei fand die Spraydosen und überführte mit Hilfe von Kreditkarten-Daten und Überwachungskameras die Deutschen. Rechtsanwalt Patrick Gau, der einen der beiden damals vertreten hat, war erstaunt über die vernetzte und akribische Fahndung:

"Der Aufwand ist tatsächlich unglaublich enorm. Wenn man überlegt, dass der Geheimdienst eingeschaltet wurde, der wiederum mit dem malaysischen Geheimdienst Kontakt aufnahm, damit die malaysische Polizei dann am Flugplatz von Kuala Lumpur die Handschellen klicken lassen konnte. Irrsinnig, irrsinnig! Kann man sich in Deutschland gar nicht vorstellen."

Auch das Urteil ist für deutsche Verhältnisse unvorstellbar. Der Sprayer kann sich noch gut an die neun Monate Haft erinnern – und vor allem an die drei Stockschläge:

"Das war extrem. Die schlagen mit voller Wucht auf den nackten Hintern. Da werden manche ohnmächtig dabei. Ich habe heute noch Narben davon. Aber naja, die Frauen finden es heiß."

Weiterhin aktiv

Nach der Haft bleiben er und sein Komplize in der Graffiti-Szene aktiv. Angst vor Konsequenzen haben sie nicht. Selbst in Singapur würden sie es wieder versuchen – wenn sie könnten:

"Ich habe lebenslanges Einreiseverbot in Singapur bekommen, deshalb darf ich es dort nicht nochmal machen. Aber wenn es ginge, würde mich das schon reizen."

Verfolgungsdruck steigt

In Deutschland sind in Städten wie Leipzig zeitweilig mehr als 80 Prozent der Bahnen besprüht, nicht selten großflächig. Doch eine Fahndung und Bestrafung wie in Singapur brauchen die Täter hierzulande nicht zu fürchten, denn bisher war der Verfolgungsdruck auf die Sprayer nicht besonders hoch. Doch das ändert sich gerade, wie Rechtsanwalt Patrick Gau beobachtet:

"Wir haben beispielsweise im Bereich Sachsen letztens einen Fall gehabt, in dem Peilsender an die Autos befestigt wurden und ein Bewegungsprofil erstellt wurde, wo denn die mutmaßlichen Sprayer überall hinfahren und ob da dann anschließend tatsächlich besprühte Züge sind. Also man versucht schon, da noch weiter ranzukommen. Aber das ist schwierig in unserem Rechtsstaat."

Zahlen muss kaum einer

Zumindest die Reinigungs-Kosten könnten die Unternehmen von ertappten Sprayern einfordern. "Plusminus" hat bei fünf großen Verkehrsbetrieben nach dem Erfolg gefragt: Die Beträge sind so gering, dass niemand die Summen erfasst. Nur aus Berlin gibt es Zahlen: Von drei Millionen Euro Schaden letztes Jahr holte sich die Berliner Verkehrsgesellschaft gerade 210,50 Euro zurück. Denn viele Sprayer sind jung und haben kein Geld – noch kein Geld, wie Klaus Tewes von der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt bemerkt:

"Irgendwann wird dieser junge Mensch eine Ausbildung machen, einen Beruf ergreifen und dann haben die Geschädigten immer noch das Recht darauf, ihre Forderungen geltend zu machen."

Einträgliches Geschäft

Mit ihrem Treiben machen manche Sprayer sogar Geschäfte: Viele verkaufen eigene DVDs. Stückpreis meist 20 Euro. Auch im Internet sprudeln Einnahmen: Die Werbeerlöse der millionenfach geschauten Videos sind oft beträchtlich. Ihre Aufnahmen zeigen aber auch noch etwas anderes: Die Sprayer posieren unter Lebensgefahr auf den Gleisen. Das wirkt auf manche vielleicht cool – kann aber ganz schnell auch tragisch enden.

Auch darum hat die BVG inzwischen begonnen, ihre Abstellanlagen besser zu sichern. In vielen der Tunnel wurden Videokameras installiert. Das soll nicht nur die finanziellen Schäden minimieren, sondern auch die Gefahr, der sich Graffiti-Sprayer in einer U-Bahn aussetzen, wie BVG-Sprecherin Petra Reez erklärt:

"Es hat Schwerverletzte gegeben, es hat Tote gegeben. Wir haben Eltern erlebt, die um ihre Kinder geweint haben. Wir können immer nur sagen: Es ist kreuzgefährlich."

Autoren: Matthias Weidner, Deborah Zocher, Clemens Schmidt

*Korrektur:
Die Berliner Verkehrsbetriebe teilten uns nach der Sendung mit, dass die im Jahr 2017 entstandenen Graffitischäden nicht bei drei Millionen Euro, sondern bei nur einer Million Euro lagen. Die ursprünglich genannten drei Millionen basieren auf einem Fehler in einer Antwort auf eine schriftliche Anfrage an den Berliner Senat.

Stand: 25.05.2018 13:00 Uhr

Sendetermin

Mi, 23.05.18 | 21:50 Uhr
Das Erste

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
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DasErste