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Teurer Wein: Wie dubiose Händler betagte Rentner abkassieren

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Die teure Masche mit den edlen Tropfen | Video verfügbar bis 07.01.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

• Eine Berliner Firma verkauft Wein zu überhöhten Preisen an betagte Rentner.
• Eine "Plusminus"-Reporterin hat sich undercover bei der Firma beworben und das Vorgehen gefilmt.
• Eine Frau, deren Mutter Wein im Wert von angeblich 15.000 Euro gekauft hat, fordert nun ihr Geld zurück.

Weinkiste
Betagten Rentnern wurde Wein zu überhöhten Preisen verkauft.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

In einem Bürogebäude in Berlin Hellersdorf hat "Plusminus" eine Reporterin undercover und mit versteckter Kamera zu einem Bewerbungsgespräch geschickt. Es geht um eine Stelle als Weinverkäufer bei der Firma "WeinKurHaus", die Weine, Säfte und Liköre anbietet. Wie bei einem Weinhändler sieht es hier allerdings nicht aus, eher wie in einem Call Center. Es gibt viele Schreibtische und viele telefonierende Menschen. Der Geschäftsführer persönlich fragt unsere Reporterin, was sie verdienen möchte. Zu ihrer Gehaltsvorstellung von 3.000 bis 4.000 Euro im Monat antwortet er ihr: "Okay, ja, möglich ist alles. Hier gibt es Leute in diesem Unternehmen, die verdienen dreimal so viel wie die Bundeskanzlerin."

Wein für 15.000 Euro

Ursula Wessel mit ihrer Tochter Marion
Ursula Wessel mit ihrer Tochter Marion | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Der Grund unserer Bewerbung ist aber in einem anderen Berliner Haus zu finden. Im Keller des Miethauses lagern Kisten mit Wein mit einem Wert von angeblich mehr als 15.000 Euro. Gekauft hat ihn Ursula Wessel. Die 88-Jährige leidet unter angehender Demenz. Durch Zufall erfuhr ihre Tochter Marion von den Käufen, denn das Konto der Mutter war in die roten Zahlen geraten. Sie wurde stutzig: "Mutter hat in dem letzten Jahr keine Reisen mehr unternommen, also gar keine großen Ausgaben gehabt. Wir waren stutzig, woher jetzt der Minusbetrag kommt?" 

Auf dem Kontoauszug finden sich Abbuchungen, meist in Höhe von mehreren Tausend Euro. Empfänger: eine  Firma namens "WeinKurHaus". Am Telefon hatte sich Ursula Wessel zu Weinverkostungen in ihrer Wohnung überreden lassen und stets mehrere Flaschen gekauft. Die Bezahlung lief ihrer Erinnerung nach, folgendermaßen ab: "Ein Blatt Papier, da stand oben drauf Rechnung und dann war handschriftlich ein Betrag draufgekritzelt." An die Höhe des Betrags kann sie sich nicht mehr erinnern.

Wütende Kommentare

Eingang zur Firma "WeinKurHaus"
In dieser Firma lassen wir unsere Reporterin undercover arbeiten.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Gegen die Firma "WeinKurHaus" liegen mehrere Strafanzeigen vor. Im Internet finden sich zahlreiche wütende Kommentare, wie diese:  "Meine Mutter 88 Jahre hat jetzt 10.000 Euro weniger, mir ist speiübel." oder "Die Firma "Weinkurhaus" haut alte Rentner übers Ohr" oder "Achtung! Wein zu Wucherpreisen". Wie berechtigt sind diese Vorwürfe?

Und was erwartet das WeinKurHaus von unserer Undercover-Reporterin? Der Geschäftsführer zeigt ihr die Weine, die sie verkaufen soll: "Diese Weißburgunder Auslese, 11,5 Prozent, das sind eben die teuersten, wo zwölf Flaschen 800 Euro kosten." Das macht 66 Euro pro Flasche. Diesen Wein fanden wir auch im Keller von Ursula Wessel. Wir fragen beim "Bundesverband der Deutschen Weinkellereien und des Weinfachhandels" nach, was eine Flasche mit dieser Etikettierung im Fachhandel kosten würde. Die Antwort:  Um die 15 Euro. 

Auto nach Umsatz

Eine Woche später darf unsere Reporterin einen Tag zur Probe arbeiten. Sie will die Verkaufsmethoden der Firma kennenlernen. Dazu begleitet sie mit versteckter Kamera einen der Topverkäufer – jenen Mann, der Ursula Wessel den Wein verkauft hatte. Unterwegs fragt unsere Reporterin nach den Verdienstmöglichkeiten. "Das kommt auf deinen Umsatz an", antwortet er. "10.000 Euro im Monat sollten es schon sein, dann bekommst du ein Auto. Ich habe damals angefangen mit einem Golf. Ab 12.000 Euro monatlich kriegt man dann eine Mercedes C-Klasse und ab 16.000 Euro Umsatz im Monat eine E-Klasse. Und ab 30.000 Euro kriegst du dann die S-Klasse." Er fährt eine S-Klasse.

Schnüffeln in Kontoauszügen

Der erste Kunde wohnt am Rande Berlins. Es ist ein Stammkunde. Der Vertreter hat einen Koffer mit diversen Weinen, Likören und Säften für die Verkostung mit dabei. Der Mann scheint ungefähr Mitte 80 zu sein. Er wirkt etwas verwirrt. Dann erlebt unsere Reporterin etwas, das sie kaum glauben kann. Der Vertreter schickt den Rentner in die Küche, um zwei Gläser zu holen. Es ist ein Ablenkungsmanöver, denn nun sucht er nach persönlichen Unterlagen und findet tatsächlich Kontoauszüge des Rentners – die nicht nach seinen Vorstellungen ausfallen: "Schade, da sind nur 700 Euro drauf." Daraufhin scheint der Vertreter seine Verkaufsstrategie anzupassen. Erst wollte er dem Mann Wein verkaufen, doch aufgrund des geringen Kontostandes wechselt er nun zu Saft. Ein paar Minuten später hat er ihn überredet und verlangt für ein paar Flaschen Saft 399 Euro. Die Bezahlung erfolgt dann schnell und ohne Widerstand: "Da brauch ich gleich mal ihre Karte, die ec-Karte. Ach, die haben sie schon parat, wunderbar! Dann noch eine Unterschrift hier, unten links. Dankeschön." Da der Rentner den Betrag mit seiner geheimen PIN bestätigt, ist das Geld unwiderruflich weg.

Wieder im Auto spricht unsere Reporterin den Vertreter auf das Herumschnüffeln in den persönlichen Unterlagen an. Der Vertreter beschreibt sein Vorgehen: "Es ist unsere Aufgabe, zu gucken, ob die überhaupt Geld haben oder nicht. Dann versuch ich irgendwie an den Kontoauszug zu kommen. Dann schau ich kurz drauf und dann weiß ich, was die haben."

Abgewiesen

Auch dem nächsten Kunden scheint schon oft teurer Wein aufgeschwatzt worden zu sein. Doch dieser Mann reagiert anders, als vom Vertreter erwartet: "Mit 92 Jahren muss irgendwann mal Schluss sein. Ich will keinen Wein mehr von euch. Das ist Kundenfang, was Sie hier machen!" Der Senior bleibt standhaft, kauft nichts. Doch allein an diesem Tag machte der Vertreter bei acht besuchten Personen einen Umsatz von 2.500 Euro. Seinen Erzählungen nach dürften viele hochbetagte Senioren Tausende Euro durch den Kauf überteuerter Weine und Säfte verloren haben.

Rechtliche Schritte

Rechtsanwalt Peter Schäfer
Rechtsanwalt Peter Schäfer | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Die Tochter von Ursula Wessel hat den Rechtsanwalt Peter Schäfer beauftragt, das Geld der Mutter zurückzuholen. Aufgrund unserer Recherchen sieht er gute Chancen: "Die Gesamtschau aller Umstände macht eben doch deutlich, dass es hier nicht darum geht, irgendjemandem eine Flasche Wein zu verkaufen, sondern dass es hier wirklich darum geht, unsittliches, übersteigertes Gewinnstreben durchzusetzen."

Ursula Wessel bereut inzwischen ihren Kauf: "Ich muss ja jetzt sagen, damals warst du dumm und passt in Zukunft besser auf. Du weißt jetzt, wie böse Menschen sind, was du eben vorher nicht gedacht hast und dann kommt keiner in die Wohnung und nix wird unterschrieben." Ob sie von dem Weinhändler Geld zurückbekommt, wird demnächst das Landgericht Berlin entscheiden. Dort findet am 29. Januar ein sogenannter Gütetermin statt. Die Firma "WeinKurHaus" hat übrigens bis heute nicht auf die Bitte von "Plusminus" um eine Stellungnahme reagiert.

Autorinnen und Autor: Lisa Weinsheimer, Julia Schmidt, Gerd Gerlach
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 09.01.2020 09:53 Uhr

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