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Helden am Limit: Warum Pflegekräfte in Deutschland chronisch überlastet sind

PlayFüße eines Pflegers im Krankenhaus
Helden am Limit – Warum Pflegekräfte in Deutschland chronisch überlastet sind | Video verfügbar bis 08.04.2021 | Bild: plusminus

• In der Corona-Krise wird der Pflegenotstand in Deutschland besonders deutlich.
• Die Krise in der Krankenpflege ist hausgemacht: Während in den letzten 20 Jahren 20 Prozent mehr Patienten zu betreuen sind, wurde am Personal gespart.
• In anderen europäischen Ländern arbeiten Krankenschwestern und Pfleger unter besseren Bedingungen.
• In der neuen Pflegeuntergrenzen-Verordnung sehen Betroffene keine nennenswerte Verbesserung.
• Pflegende fordern Anerkennung – vor allem durch höhere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen.

Krankenschwester mit Mundschutz hinter einer Glaswand
Überlastetes Pflegepersonal: Setzt mit Corona ein Umdenken ein? | Bild: imago images/Frank Müller

Seit Ausbruch der Corona-Krise geraten die Zustände in der Krankenpflege wieder verstärkt in den Fokus. Mit jedem Tag zeigt sich mehr, wie schlimm der Pflegenotstand bereits war. Nun stößt das System an seine Grenzen und hat sie teilweise schon längst überschritten. Dass das zur Gefahr für Patientinnen und Patienten wird, geben inzwischen immer mehr Krankenschwestern und Pfleger offen zu. Wer ihnen zuhört, versteht sofort, wie dringend sich etwas ändern muss:

Überlastung und Zeitmangel

"Der Normalzustand vor Corona war schon Krise, das muss man so sagen. Die Fehler werden einfach häufiger in dem Moment, wo man keine Pause macht, wo man zu lange arbeitet, zehn oder zwölf Stunden. Das gibt es ja auch, dass man Doppelschichten macht und die Wochenenden fehlen. Da häufen sich die Fehler und diese Fehler wird mit Sicherheit nicht jeder Patient überleben. Das kann man ganz klar so sagen", beschreibt der Pfleger Christian Lühmann die Situation.

Krankenschwester Susanne Kipping
Susanne Kipping | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Zeit, fehlende Zeit, ist auch für Krankenschwester Susanne Kipping ein großes Thema. Sie pflegt an der Uniklinik Jena Krebspatienten und sieht Probleme besonders bei den " hygienischen Vorgaben, die ich habe, die ich einhalten muss, wo ich aber oft einfach nicht die Zeit dazu finde, sie wirklich einzuhalten, weil ich einfach meine Patienten betreuen und ich zu dem Patienten gehen muss. Und dann muss ich halt gucken, wo kann ich Abstriche machen."

Von Überlastung spricht auch die ehemalige Hebamme Silke Steenkamp: "Stellen Sie sich einen Zehn-Stunden-Nachtdienst vor, in dem alle Kreißsäle voll sind. Sie kommen noch nicht mal dazu, in zehn Stunden was zu essen, zu trinken, vielleicht mal ein Schlückchen Wasser zwischendurch – keine Pause in zehn Stunden. Wie konzentriert können Sie da noch arbeiten?"

Zu viele Patienten auf eine Kraft

Krankenschwester Ellen Ost
Ellen Ost | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Als sich Ellen Ost vor mehr als 30 Jahren dazu entschied, Krankenschwester zu werden, hatte sie den Wunsch, kranken Menschen zu helfen. Doch die Fachschwester für Nephrologie und Transplantation sieht dafür keine Möglichkeiten mehr:

"Das kann ich seit ein paar Jahren nicht mehr, weil ich zum Beispiel in einer Frühschicht 13 Patienten betreuen muss. Wenn eine Kollegin ausfällt, dann muss ich sogar 19 Patienten alleine betreuen. Da kann man sich vorstellen, dass man da nicht für jeden einzelnen noch Zeit hat."

Ihrer Kollegin Susanne Kipping zufolge nimmt der Druck weiter zu, obwohl die Gründe bekannt sind: "Seitdem die Krankenhäuser Kostendruck haben, ist die Situation extrem schlimm geworden, da wurden Stellen, die frei geworden sind, nicht besetzt. Bei Langzeiterkrankungen warten wir bis zu einem Vierteljahr bis Hilfe kommt. Das steigert extrem den Druck auf diejenigen, die noch da sind."

Andere machen es besser

Wie schlecht Deutschland im europäischen Vergleich dasteht, zeigt der Vergleich mit anderen Ländern. Während bei uns im Krankenhaus eine einzige Pflegekraft im Durchschnitt zehn Patienten versorgen muss, sind es selbst im kritisierten englischen Gesundheitswesen nur acht. In der Schweiz und Schweden kommen sechs Patienten auf eine Pflegekraft, in den Niederlanden nur fünf und in Norwegen sogar nur vier.

Zwanzig Jahre lang nicht gegengesteuert

Wegen des Personalnotstandes mussten an der Jenaer Uniklinik auch schon Betten gesperrt und somit Patienten abgewiesen werden. Das ist keine Ausnahme in Deutschland. Auch vor Corona musste jedes dritte Krankenhaus wegen Personalmangels Intensivbetten leerstehen lassen. Für Ellen Ost ist das ein Armutszeugnis und "ein Zeichen der verfehlten Gesundheitspolitik der letzten 20 Jahre."

Diagramm
Obwohl seit 1995 20 Prozent mehr Patienten zu betreuen sind, wurde beim Pflegepersonal um acht Prozent gespart.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Auch für Prof. Michael Isfort vom Deutschen Institut für Pflegeforschung ist der Personalnotstand in Deutschland hausgemacht, weil die Politik bei dieser Entwicklung, die vor über 20 Jahren begonnen hat, nicht gegengesteuert hat. Er sagt:

"Seit 1995 sehen wir im Prinzip, dass wir von der Patientenversorgungsseite aus 20 Prozent mehr Patienten zu betreuen haben. Jetzt sollte man vermuten, in der gleichen Zeit steigt auch das Pflegepersonal an, aber das Gegenteil ist der Fall. Das heißt: Wir haben in der Zeit in der Pflege acht Prozent am Personal eingespart. Die sollen jetzt aber 20 Prozent mehr Patienten versorgen. Dass daraus Probleme entstehen, auch Qualitätsprobleme, das muss man, glaube ich, gar nicht groß erklären, das versteht jeder, der sich diese Schere anschaut, die immer weiter auseinander geht."

Beruhigungspille statt großer Wurf

Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung
In der Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung kommen gar nicht alle Bereiche vor. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Verstärkt wurde der rigide Abbau von Pflegepersonal auch noch mit der Einführung der sogenannten Fallpauschalen. Für jede Behandlung bekommt das Krankenhaus eine Pauschale. Kann es die Behandlung für weniger realisieren, bleibt Gewinn. Und dieser wurde vor allem über das Einsparen beim Pflegepersonal erreicht. Das war möglich, weil es in Deutschland kein Gesetz gab, das festlegte, wie viele Pfleger für wie viele Patienten notwendig sind. Erst 2019 hat Gesundheitsminister Spahn eine Verordnung auf den Weg gebracht, die die Untergrenzen beim Pflegepersonal regelt. In der Intensivmedizin gilt nun: Für zweieinhalb Patienten muss mindestens eine Pflegekraft vorhanden sein. Für andere Fachbereiche wie die Unfallchirurgie gilt im Durchschnitt der Schlüssel 1:10. Für viele Stationen gibt es allerdings nach wie vor keine Vorgaben.

Für Ellen Ost ist die Verordnung eher eine Beruhigungspille als ein großer Wurf: "Diese Personaluntergrenzen, die Herr Spahn da eingeführt hat, das ist ja wirklich das Schlechteste vom Schlechten, was er da als Maßstab genommen hat. Das ist eine Farce, ich denke, das diente nur der Ruhigstellung der Pfleger, dass sie nicht weiter auf die Straße gehen und für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen.“

Im März teilte Minister Spahn via Twitter zudem mit, dass die Vorgaben für die Pflegepersonaluntergrenzen wegen der Corona Krise derzeit ausgesetzt werden. Der Druck auf die Pfleger steigt also weiter an – obwohl er schon vor der Krise so groß war, dass immer mehr Pfleger krank wurden oder gar kündigten. Silke Steenkamp arbeitete jahrelang als leitende Hebamme in einer Uniklinik. Sie kündigte mit 700 Überstunden, weil sie am Ende für ihr Team nicht mehr die Verantwortung übernehmen konnte: "Sie schreiben Dienstpläne, da sind teilweise die Leute, das Team mit knapp 400 Stunden überplant. Und da war noch keiner krank! Das heißt: Sie schreiben Dienstpläne, von denen sie wissen, dass das Personal krank davon wird."

Gefährdungsanzeigen ohne Wirkung

Christian Lühmann, Pfleger und Betriebsrat
Christian Lühmann ist Pfleger und Betriebsrat in einem privaten Klinikum in Erfurt. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Wenn die Belastung zu stark wird, können Pflegende mit sogenannten Gefährdungsanzeigen darauf hinweisen. "War allein mit einer Studentin für 31 Patienten zuständig". heißt es dann etwa. Solche Anzeigen gehören inzwischen schon lange zum Alltag. Geändert hat sich dadurch nichts. Vielmehr dienen sie mittlerweile nur noch der juristischen Absicherung, wie Christian Lühmann, Pfleger und Betriebsrat in einem privaten Klinikum in Erfurt erzählt: "Die Illusion, dass sich damit etwas ändert, haben die Leute längst verloren, sonst würden wir jeden Tag zehn oder 20 solcher Anzeigen bekommen. Aber in den wenigsten Fällen passiert direkt und unmittelbar aus einer Gefährdungsanzeige was. Das habe ich zumindest noch nie erlebt."

Anreize für Ausbildung fehlen

Prof. Michael Isfort vom Deutschen Institut für Pflegeforschung
Pflegeforscher Prof. Michael Isfort  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Auch vor Corona brauchte Deutschland mehr Pflegepersonal. Im Schnitt fehlen in jeder Klinik 13 Pflegekräfte und vier Ärzte. Kurzfristig wird sich diese Lücke nicht schließen lassen, findet auch PflegeforscherProf. Michael Isfort: "In den Krankenhäusern gab es keine Anreize, mehr auszubilden, obwohl alle wussten, dass die Bevölkerung altert, dass wir mehr Bedarfe haben werden, nicht nur im Krankenhaus. ... Aber es gab kein Anreizsystem, sich der Ausbildung wirklich systematisch zuzuwenden."

Gehalt und Bedingungen verbessern!

Auch beim Gehalt gibt es Nachholbedarf. So verdient ein Krankenpfleger in Deutschland im Schnitt 38.000 Euro pro Jahr. In der Schweiz ist es fast das Doppelte – bei besseren Arbeitsbedingungen.

Auch wenn den Pflegerinnen und Pflegern jetzt in der Krise durch Klatschen auf Balkonen und im Bundestag Anerkennung gezeigt wird, haben sie vor allem einen Wunsch, wie Susanne Kipping sagt: "Wichtig ist es für uns, dass wir auch nach der Krise wirklich noch wahrgenommen werden, dass sich gesetzliche Vorgabe endlich ändern, dass das Gesundheitssystem auf den Prüfstand kommt."

Um Patienten optimal zu helfen, müssen Pflegekräfte dringend besser gestellt werden. Dazu braucht es nicht nur Lob, sondern Entlastung und mehr Geld.

Autorin: Christiane Cichy
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 09.04.2020 11:44 Uhr

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