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Risikofaktor Übermedikamentierung

Playverschiedene Medikamente
Risikofaktor Übermedikamentierung | Video verfügbar bis 27.05.2021 | Bild: SWR

- Barmer: 20 Millionen Deutsche schlucken zu viele Medikamente
- Politik tut sich schwer mit gesetzlicher Pflicht zum Medikationsplan
- Digitale Lösungen lassen auf sich warten

In Zeiten von Corona dramatischer denn je: Immer noch bekommen viel zu viele chronisch Kranke und Alte viel zu viele Medikamente, die zum Teil gegenläufig wirken. Es werden Mittel gegen eine Nebenwirkung verschrieben, die neue Nebenwirkungen auslösen, wogegen es dann wieder ein anderes Medikament gibt. Es ist längst nachgewiesen, dass eine radikale Reduzierung von Pillen nicht nur das Wohlbefinden der Patienten steigert, sondern auch enorm viel Geld im ohnehin teuren Kassensystem einspart.

Viele Kassen selbst haben eigene Info- und Unterstützungsprogramme, doch zu wenige Ärzte greifen darauf zurück. Darum die Fragen an die Akteure, an Ärzte, Kassen und Politik: Warum ändert sich nichts bei diesem alten Problem, was fehlt noch an Lösungen, damit künftig weniger überflüssige Medikamente konsumiert werden?

Zu viele Mittel lösen Wechselwirkungen aus

Karin Lellwitz leidet an mehreren Krankheiten, braucht reichlich Medikamente. Die 63-Jährige hat neben Bluthochdruck auch Diabetes und eine schwere Nervenschädigung. Schon lange schluckte sie täglich vier verschiedene Pillen. Wegen des Nervenschadens war sie im Krankenhaus, wurde mit acht zusätzlichen Medikamenten entlassen. "Da war man richtig benebelt", erinnert sie sich. Und machte sich beim Blick auf die möglichen Nebenwirkungen Sorgen: "Wenn ich diese Tabletten weitergeschluckt hätte, hätte ich einen Schlaganfall kriegen können und der Blutdruck wäre immer mehr gestiegen".

Die 63-Jährige fragte ihren Hausarzt. Dr. Thomas Maibaum prüfte die neuen Medikamente und bestätigte ihren Verdacht. “Einige waren eine Übermedikation, die nicht unbedingt immer geschadet hätte, aber einfach sehr viele Wechselwirkungen provoziert hätte. Auf der diabetischen Seite hätte ihr drohen können, dass der Zucker zu weit nach unten gedrückt worden wäre, dass es zu einer Unterzuckerung, die ein lebensbedrohlicher Notfall ist, kommen hätte können.“

Bis zu 50.000 Tote pro Jahr

Ein gefährlicher Pillen-Cocktail. Und kein Einzelfall, weiß Arzneimittelexpertin Professor Petra Thürmann. Als Sachverständige für das Gesundheitswesen berät sie die Bundesregierung. Sie warnt: "Wir wissen, dass etwa fünf Prozent der Krankenhausaufnahmen nicht auf Erkrankungen beruhen, sondern auf Nebenwirkungen". Die Hälfte davon sei vermeidbar, so Thürmann: "Wir können die Zahlen nicht genau sagen, aber zwischen 10.000 bis vielleicht 30.000 bis 50.000 versterben pro Jahr in Deutschland an Arzneimittelnebenwirkungen.“

Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt

Was bringt der Medikationsplan, den sich Patienten auf Wunsch ausdrucken lassen können? Wohl nicht genug, wie Thürmann sagt: "Ich darf im Gesetz nicht nur sagen, der Patient hat ein Anrecht auf einen Medikationsplan, sondern ich muss sagen, er muss einen haben und ich muss definieren, dass er ein Anrecht darauf hat, dass eine spezifische Medikationsprüfung gemacht wird. Bei Hausarztbesuchen, bei Aufnahme ins Krankenhaus, bei Entlassungen."

Eine einfache Lösung für ein Problem, das, so die renommierte Expertin, schon seit vielen Jahrzehnten bekannt ist. Auch den zuständigen Bundesgesundheitsministern. Aber erst Ulla Schmidt (SPD) setzte 2008 die Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit auf die Tagesordnung mit einem "Aktionsplan“, der die digitale Medikationsprüfung vorbereiten sollte. Von Philipp Rösler (FDP) kam ein zweiter "Aktionsplan“, ein weiterer von Daniel Bahr (FDP), und ein vierter von Hermann Gröhe (CDU). Einen weiteren hat jetzt Jens Spahn (CDU) in Arbeit.  

Corona bringt Folgen der Übermedikation ans Licht

Bis heute ist kein digitaler Informationsaustausch zwischen Ärzten und Krankenhäusern vorgesehen. Wie seit Jahrzehnten müssen sie für jeden Patienten Medikamente und Diagnosen selbst erfassen und oft aufwändig ermitteln, welche Risiken damit verbunden sind. Fast 20 Millionen Menschen in Deutschland schlucken nach Schätzungen der Barmer Krankenkasse täglich fünf oder mehr verordnete Pillen und müssten vor Risiken geschützt werden.

Das zeige sich jetzt bei Corona, so der Klinikarzt Professor Hans Jürgen Heppner. "Es kommt jetzt durch diese Polymedikation, also Vielfacheinnahme von Medikamenten, schon im Vorfeld zur Schädigung von Organen. Sei es, dass es die Niere ist als wichtigstes Ausscheidungsorgan oder das Immunsystem, das durch viele Medikamentenkombinationen beeinträchtigt wird. Folglich sind diese Patienten, geriatrisch, multimorbide und mit Polymedikation in einer viel höheren Risikogruppe an Covid-19 auch mit einem schwerwiegenden Verlauf oder gar tödlichen Ausgang zu erkranken.“

Studie: 250.000 Krankenhausaufenthalte könnten gespart werden

Was gründliche Medikationsprüfungen bringen könnten, hat die Barmer untersucht: Pro Jahr rund 250.000 Krankenhausaufenthalte weniger und bundesweit fast 2,8 Milliarden Euro Ersparnis bei Arzneimitteln. Mehrere Krankenkassen erproben Wege zu mehr Therapiesicherheit. Bei der Barmer ist es das Modell AdAM, betreut von Forschungsleiterin Dr. Ursula Marschall.

Mit Einverständnis der Patienten dürfen Ärzte deren Kassendaten nutzen. Und erhalten dann auch technische Hilfe zur Prüfung der Medikation. "Wir können wirklich zeigen, dass wir hier die Arzneimitteltherapiesicherheit verbessern", so Marschall. "Dann hoffen wir, dass dieses Projekt auch Regelversorgung wird. Das heißt nicht nur allen Patienten aller Krankenkassen, sondern für alle Patienten in Deutschland in der gesamten Bundesrepublik verfügbar wird."

Digitale Infrastruktur fehlt

Ein guter Weg zu weniger Pillen - eigentlich. Denn ob und wann das Modell bundesweit eingeführt wird, ist noch nicht entschieden, heißt es im Bundesgesundheitsministerium. Gesetzlich geregelt ist mittlerweile die elektronische Patientenakte. Ab Januar 2021 ergänzt sie die Gesundheitskarte. Und könne, so das Versprechen der Regierung, Medikationsrisiken verringern, indem Verordnungen, Arztbriefe und Befundberichte digital verfügbar würden.

Klingt nach mehr Sicherheit für Patienten, tatsächlich fehle aber nach wie vor eine echte Vernetzung der Daten, kritisiert Klinikarzt Hans Jürgen Heppner die elektronische Patientenakte. Sie sei eine gute Idee - wenn sie denn funktionieren würde. "Aber das setzt glaube ich voraus, dass Sie einen guten Abgleich zwischen den verschiedenen Behandlern haben, was jetzt gar nicht in den Schnittstellen gegeben ist. Sie brauchen eine gute Hard- und Software in der Datenkommunikation, die aktuell auch nicht gegeben ist. Also, da gibt es noch viel zu tun.

Zugriff auf Daten ist nicht ausreichend gewährleistet

Bedeutet: Auch mit der elektronischen Patientenakte bleibt der Zugriff auf Daten unvollständig, umständlich und zeitraubend. Und immer noch fehlt die gesetzliche Pflicht für Ärzte, die Medikation ihrer Patienten gründlich zu prüfen. Das Gesundheitsministerium sehe keinen Handlungsbedarf, erklärt es gegenüber Plusminus. Denn ausdrücklich gefordert sei ja schon heute "die Prüfung und Vermeidung von Risiken für Medikationsfehler.“ Gefordert - aber immer noch nicht Gesetz.

Das bringt Patienten wie Karin Lellwitz auch künftig in Gefahr. Sie hat sich entschieden, verstärkt selbst für ihre Sicherheit zu sorgen: „Das ist meine Gesundheit, die dort aufs Spiel gesetzt wird. Ich würde jedem raten genau hinzugucken welche Medikamente er nimmt und wofür die sind und immer nachfragt, am besten solange bis man auch ne Antwort kriegt.“

Autoren: H-C Schultze und Gregor Witt
Bearbeiter: Peter Schneider

Stand: 27.05.2020 22:23 Uhr

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