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Valsartan-Skandal: Warum viele Generika in Asien produziert werden

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Warum viele Generika in Asien produziert werden | Video verfügbar bis 14.09.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Inhalt in Kürze:
– Seit dem Valsartan-Skandal ist klar: Viele Medikamente werden gar nicht in Deutschland produziert, sondern in Asien, vor allem China und Indien.
– Patienten, Ärzte oder Apotheker können das nicht erkennen.
– Preisdruck und Patentschutz haben zur Verlagerung der Herstellung geführt.
– Aus pantentrechlichen Gründen können asiatische Hersteller Generika schneller auf den europäischen Markt bringen als europäische Hersteller.
– Die EU will die Regelung lockern.

Apotheken-A
Woher kommen die Wirkstoffe in unseren Arzneimitteln? | Bild: Imago

Alfred Riedel gehört zu den knapp 900.000 Betroffenen, die jahrelang einen Blutdrucksenker geschluckt haben, der einen krebserregenden Stoff enthalten soll. Immer war er davon ausgegangen, dass seine Tabletten von einem deutschen Hersteller produziert werden. Mittlerweile weiß er, dass das ein Irrtum war: "Ich kann es auf der Verpackung nirgends finden und das ist eine Schweinerei. Ich finde das nicht in Ordnung, dass man mir das Medikament als deutsches Produkt verkauft, obwohl es in China hergestellt wird."

Herkunft nicht erkennbar

Valsartan-Packung
Dieses Valsartan-Präparat gehört zu den Medikamenten, die krebserregende Stoff enthalten sollen.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Tatsächlich ist weder für Patienten, noch für Ärzte oder Apotheker auf die Verpackung ersichtlich, wo die Inhaltsstoffe der Tabletten mit dem Wirkstoff Valsartan produziert werden. Der Hersteller Hexal steht zwar mit deutscher Adresse drauf, doch der Wirkstoff stammt aus einem Werk in China. Das Werk hat insgesamt 17 Hersteller mit dem verunreinigten Wirkstoff beliefert – nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit. Die Patienten ahnen davon nichts und die Hersteller müssen es nicht offenlegen.

Im Internet bekommen wir Zugang zu einer Quelle, die zumindest die Lieferfirmen für Valsartan aufführt. Nicht ein deutsches Unternehmen ist darunter. Gerade einmal zwei sitzen in Europa, die anderen Fabriken befinden sich alle in China oder Indien.

Reise um die Welt

Prof. Harald Schweim, ehemaliger Präsident des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm)
Prof. Harald Schweim, ehemaliger Präsident des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm) | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Für Prof. Harald Schweim, den ehemaligen Präsidenten des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm), ist das keine Überraschung. Nach seiner Ansicht hat der extreme Preisdruck dazu geführt, dass viele Arzneimittel geradezu eine Weltreise durchlaufen: "Aus einem Land, zur Zeit häufig aus China, kann der Wirkstoff kommen. Es können die Begleitstoffe – das heißt, Hilfsstoffe und Aromen – überall aus der Welt herkommen, beispielsweise aus Südamerika oder ähnliches. Die Produktion, also das Pressen der Tablette, kann dann beispielsweise in Indien stattfinden. Sehr oft erfolgt dann die Endverpackung in dem Land, in dem man die Sprache beherrscht, weil sonst die Verpackung nicht selten Fehldrucke aufweist. Aber so drei, vier oder fünf Länder sind häufig involviert."

Produktion ausgelagert

Dabei galt Deutschland einst als die Apotheke der Welt. Wichtige Medikamente wurden nicht nur in Deutschland entwickelt sondern tatsächlich auch hier produziert.

Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Die Entwicklung der Höchst AG dient hier als gutes Beispiel: In den 1980er-Jahren war Höchst vom Umsatz her das größte Pharmaunternehmen der Welt. Davon ist heute kaum noch was übrig. Am Standort, der mittlerweile Industriepark heißt, werden keine Medikamente mehr produziert. Eines der letzten Antibiotikawerke schloss hier 2016. Bei den Antibiotika hat der Verdrängungswettbewerb mittlerweile so weit geführt, dass die Produktion fast ausschließlich am Tropf von China und Indien hängt. Unternehmen wie Hexal, ratiopharm oder 1 A Pharma verkaufen unter ihrem Markennamen Medikamente, die oft denselben Wirkstoff aus derselben Fabrik enthalten.

Fragwürdige Bedingungen

So kommt der Inhalt vieler Tabletten zum Beispiel aus Hyderabad im Süden Indiens. Hier haben sich Hunderte Pharmafirmen angesiedelt. Viele der Fabriken sind schon Jahrzehnte alt. Es gibt aber auch kleinere Werke, etwa in Mumbai. Für welchen Hersteller sie arbeiten, wissen wir nicht. Aber die Bedingungen, unter denen hier Tabletten, auch Antibiotika, herstellt werden, erscheinen fragwürdig.

Die Abhängigkeit wächst

Hinzu kommt, dass die immer stärkere Konzentration auf immer weniger Produktionsorte in China oder Indien fatale Auswirkungen auf die Versorgung haben kann, warnt Prof. Harald Schweim: "Stellen Sie sich vor, in China ist in dem Bereich, wo die Firmen produzieren, ein großes Erdbeben und die Firmen sind nicht lieferfähig. Dann haben wir in Europa ungefähr Vorräte für drei Monate und dann fangen die Menschen an zu sterben, denn bevor wir eine neue Antibiotikaproduktion in Europa hochgezogen haben, vergehen Monate, wenn nicht Jahre."

Die Folgen des Preisdrucks

der Pharmakologe Prof. Fritz Sörgel vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung Nürnberg
Der Pharmakologe Prof. Fritz Sörgel vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung Nürnberg  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Selbst ohne Erdbeben ist die Liste der Lieferengpässe bestimmter Medikamente schon jetzt lang. Manche sind schon seit Monaten nicht lieferbar. Für den Pharmakologen Prof. Fritz Sörgel vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung Nürnberg waren es vor allem die Rabattverträge der Krankenkassen, die die Auslagerung der Produktion nach Asien befeuert haben: "Es gibt ja dann Rabatte, die bei 98 Prozent liegen, wie mir neulich berichtet wurde. Also das ist pervers, das kann man nicht anders bezeichnen, denn den Rabatt wollen ja nicht nur die Krankenkassen, sondern natürlich auch die Hersteller von ihren Herstellern in China und Indien. Und das kann nicht gut sein."

Keine Generikabremse in Asien

Neben dem Preisdruck ist auch der Patentschutz schuld daran, dass die Produktion fast nur noch in Asien erfolgt. So gibt es die Original-Präparate, die noch Patentschutz genießen und für die die Hersteller hohe Preise nehmen können. Ganz anders sieht es aus, wenn das Patent abgelaufen ist. Dann bringen andere Hersteller sogenannte Generika auf den Markt, also Medikamente, die den gleichen Wirkstoff enthalten. Ihr Preis ist deutlich kleiner.

Solange aber noch der Schutz für ein Medikament gilt, darf es in Europa grundsätzlich nicht hergestellt werden. In Indien und China darf das Nachahmerpräparat dagegen schon vorproduziert werden. Dadurch kann das viel billigere Generikum bereits einen Tag nach Ablauf des Patentes in den deutschen Apotheken verkauft werden. Es kommt aber nicht aus Europa sondern aus China oder Indien. Aus diesem Grund hält Bork Bretthauer vom Verband Pro Generika hält diese Regelung für einen Fehler: "Das führt dazu, dass Generika-Unternehmen ihre Produktionskapazitäten systematisch außerhalt der EU aufbauen müssen. Und wenn diese Produktionskapazitäten einmal nicht mehr in Europa sind, sondern außerhalb von Europa, kommen sie erfahrungsgemäß nicht zurück."

EU will nachbessern, Deutschland wartet

die Bundestagsabgeordnete Kordula Schulz-Asche (Bündnis 90/Die Grünen)
Die Bundestagsabgeordnete Kordula Schulz-Asche (Bündnis 90/Die Grünen) | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Die EU-Kommission hat das Problem erkannt und will die derzeitige Regelung so ändern, dass künftig nicht nur in Asien, sondern auch in der EU vorproduziert werden darf. Doch ausgerechnet Deutschland reagiert, zurückhaltend. Das zuständige Bundesjustizministerium ist nicht zu einem Interview bereit. Auch der schriftlichen Stellungnahme ist nicht zu entnehmen, ob sich Deutschland für eine Änderung einsetzen wird. Die grüne Bundestagsabgeordnete Kordula Schulz-Asche kann das nicht verstehen: "Ich kann nicht nachvollziehen, warum das Bundesjustizministerium noch nicht so weit ist, weil ja aktuell die Verhandlungen auf europäischer Ebene laufen, um die Regelungen zu verändern. Von daher wäre das genau der richtige Zeitpunkt, um sich hier einzuschalten und sich für die Versorgungssicherheit mit generischen Medikamenten in Deutschland einzusetzen."

Denn die Folgen der Produktionsauslagerung nach Asien müssen letztlich immer die Patienten wie Alfred Riedel tragen. Seine Angst, dass ihn die verunreinigten Tabletten nicht erst recht krank gemacht haben, kann ihm derzeit niemand nehmen.

Autorin: Christiane Cichy
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 14.09.2018 09:00 Uhr

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