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Vitamininfusionen: gefährlicher Trend?

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Vitamininfusionen: gefährlicher Trend?  | Video verfügbar bis 29.01.2021 | Bild: WDR

– Ärzte und Heilpraktiker bieten Vitamininfusionen an
– Experten raten zur gründlichen Beratung und Anamnese vor der Infusion
– Vitamine in falscher Dosis können unter Umständen dem Körper schaden

Die Methode soll Körper und Geist pushen, schnell und effektiv helfen. Plusminus wollte wissen, was dahintersteckt und hat einen Selbstversuch gemacht.

Das Versprechen: schnelle Hilfe unter anderem bei Erschöpfung

Mal kurz am Tropf hängen. Eine schnelle Vitamininfusion, um die Gesundheit zu pushen oder fitter zu werden. Influencerin Taraneh ist von der Idee begeistert - und hat sich eine solche Infusion legen lassen. Aber nicht einfach nur, weil es cool ist. Sie fühlte sich erschöpft und müde. "Durch eine Freundin wurde mir der Arzt empfohlen, ich bin direkt hingegangen, weil ich auch ein großer Freund der alternativen Medizin bin."

Ihre Follower nahm sie mit in die Arztpraxis – über eine Story auf Instagram. Zehn Mal hing Taraneh am Tropf. Für insgesamt 900 Euro. Ihre Erfahrung damit: positiv. "Bei mir ist das so, dass ich morgens am Laptop fast eingeschlafen bin, dass ich keine Kraft mehr hatte und müde war – das hatte ich nicht mehr." Sie glaubt, die Infusionen haben ihr geholfen.

Kosten pro Infusion: zwischen 80 und 200 Euro

Solche Infusionen kosten zwischen 80 und 200 Euro. Schnell und effektiv sollen sie sein, bei Erkältungen helfen und sogar gegen Burnout und Erschöpfung. Das Werbeversprechen: Die Vitamine gelangen ohne Umwege ins Blut und sind damit sieben Mal effektiver als Nahrungsergänzungsmittel.

Hans Konrad Biesalski ist Vitamin-Forscher und warnt Gesunde vor solchen Infusionen. "Das hat mit der Realität nichts zu tun. Der gesunde Bürger, der sich abwechslungsreich ernährt, braucht keine zusätzlichen Vitamine und schon gar nicht als Infusion." Vitamininfusionen sind Arzneimittel und sollten nur unter bestimmten Bedingungen angewendet werden - etwa bei erwiesenem Vitaminmangel oder bei Darmkrankheiten und Krebs.

Wirkung ist noch nicht hinreichend erforscht

Was die gehypten Vitamin-Infusionen mit Gesunden machen, ist nicht erforscht, sagt Biesalski: "Sie können in hohen Dosierungen Leber und Nieren schädigen." Im Klartext: Diese Behandlungen können für Gesunde riskant sein.

Ärzte und Heilpraktiker bieten Vitamininfusionen an

Doch wer sind die Anbieter? Wir finden heraus: neben Heilpraktikern auch viele Ärzte! Anwältin Scarlett Lüning hat sich für Plusminus die Werbung der Anbieter angeschaut. Viele werben mit "Detox": Entgiften mit Vitaminen. "Dies ist schon lange von den Gerichten als unzulässig erachtet worden. Der Körper kann sich nicht detoxen. Es gibt nichts, was den Körper reinigt, der reinigt sich selbst."

Auch das Versprechen eines Arztes, dass es keine Nebenwirkungen gebe, hält sie für nicht richtig: "Irgendwas wird es immer geben. Zu sagen, es gibt definitiv keine Nebenwirkungen, halte ich hier für unzulässig."

Selbstversuch: Terminvereinbarung nur über Handy

Wie sieht dann erst die Behandlung aus? Wie seriös sind die Anbieter? Testen die Ärzte, ob überhaupt ein Vitamin-Mangel vorliegt, machen sie ein Blutbild? Das wollte Plusminus im Selbstversuch herausfinden.

Das Ergebnis: Acht von den zehn angefragten Ärzten hätten die Behandlung gemacht, ohne vorher einen Mangel festzustellen. Ein Arzt fällt besonders auf – eine Terminvereinbarung findet nur übers Handy und am späten Abend statt.

Wichtig: Arzt sollte nach Vorerkrankungen fragen

Wir geben uns weiter als Patienten aus, buchen für 120 Euro eine Multivitamin-Infusion gegen Erschöpfung - ein Cocktail aus B-Vitaminen, hochdosiertem Vitamin C und Vitamin A. Vorher schalten wir den Mediziner Andreas Waltering ein. Der sagt, was der Arzt vor so einer Vitamin-Infusion machen sollte: "Er sollte natürlich auch fragen, ob Sie irgendwelche Erkrankungen von Niere oder Leber haben, ob Sie schwanger sind ist natürlich wichtig. Und ob Sie irgendwelche Medikamente einnehmen. Das sind natürlich alles Faktoren, die die Wirkung von Vitaminpräparaten beeinflussen können."

Was passiert in der Arztpraxis?

Es folgt der Selbstversuch. Wir gehen zu zweit in die Praxis, die an ein Wellnessstudio erinnert. Der Arzt empfängt uns freundlich. Doch dann geht’s auch direkt ans Eingemachte - er bittet sofort auf die Liege. Ohne Anamnese und ohne Aufklärung. Die einzigen Fragen: Sind sie gesund? Haben Sie Allergien?

Der Arzt betont beim Mischen der Ampullen, dass er keine Fertigpackungen verwende. Als der Arzt aus dem Raum, geht schauen wir uns die Packungen genauer an. Das Arzneimittel Vitamin B12 und eine weiße Flasche mit der Aufschrift Perfalgan. Die hat der Arzt mit dem Vitamin B12 in die Infusion gespritzt - drei volle Spritzen.

Schmerzmittel im Vitamincocktail

Nach der Behandlung recherchieren wir und stellen fest: Perfalgan ist gar kein Vitaminpräparat sondern ein rezeptpflichtiges Schmerzmittel. Angewendet bei mäßig starken Schmerzen, besonders nach Operationen. "Als ich das gehört habe, war ich offen gesagt schockiert," so Andreas Waltering: "Sie haben weder Fieber noch Schmerzen gehabt, dieses Medikament wurde in die Vene gegeben, in der Fachinformation steht ganz klar, dass das nur in Ausnahmefällen zu erfolgen hat, wenn das Medikament auf anderem Wege gar nicht angewandt werden kann."

Bei Verstößen gegen das Patientenschutzgesetz droht Bußgeld

Statt des versprochenen Vitamincocktails ein Schmerzmittel - laut der Ärztekammer ein klarer Verstoß gegen das Patientenschutzgesetz. Und wenn das zur Anzeige gebracht würde, drohen dem Arzt Abmahnungen und Bußgeld. Wir konfrontieren den Arzt mit unserem Selbstversuch. Seine Antwort: "Sie haben recht, die Aufklärung hätte schriftlich erfolgen sollen, jedoch waren in meiner Anamnese bereits vorher telefonisch und vor Ort alle wichtigen Fragen mit nein beantwortet worden. Es handelte sich um eine gesunde Patientin, deshalb habe ich auf eine schriftliche Aufklärung mit Unterschrift verzichtet. Aber optimal war dies nicht."

Keine Begründung für Schmerzmittel

Außerdem gibt er zu, das Schmerzmittel Perfalgan verabreicht zu haben, erklärt aber nicht, warum. Für unseren Experten Andreas Waltering ein unnötiges Spiel mit der Gesundheit. "Naja, also es gibt keinen medizinischen Nutzen, wenn kein Mangel vorliegt. Es gibt möglichen Schaden und es kostet Geld, also insofern kann man das durchaus als Abzocke bezeichnen, vielleicht sogar als gefährliche Abzocke."

Das Fazit: Überflüssige Vitamine werden als harmloses Life-Style-Produkt vermarktet. Ein Vitaminkick mit unberechenbaren Folgen und ein neuer Trend, der Risiken bergen kann.

Stand: 29.01.2020 23:41 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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