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Schusswaffen: Deutschland rüstet auf

PlayDeutschland rüstet auf: Über fünf Millionen registrierte Schusswaffen gibt es in Deutschland – die Dunkelziffer liegt noch höher.
Schusswaffen: Deutschland rüstet auf | Video verfügbar bis 29.01.2021 | Bild: WDR

Nachfrage nach Waffenscheinen nimmt zu
– Experten schätzen, dass mehr als 15 Millionen Schusswaffen im Umlauf sind
–Nach offiziellen Zahlen sind zur Zeit 5,4 Mio. Waffen in Umlauf

Die Menschen scheinen sich gegen die Angst zu bewaffnen – unruhige Zeiten fördern den Wunsch nach eigener Sicherheit. Zuletzt machte der Fall des Bürgermeisters von Kamp-Lintfort Schlagzeilen, der sich mit einem großen Waffenschein vor Bedrohungen und Angriffen Rechtsradikaler schützen wollte.  Der große Waffenschein erlaubt das Führen einer sogenannten Feuerwaffe. Das Gefühl der Unsicherheit nimmt zu, doch statistisch lässt sich nicht belegen, dass Deutschland gefährlicher geworden ist. Die Gewaltkriminalität innerhalb der letzten 18 Jahre ist praktisch unverändert. Und es gab deutlich weniger Fälle von Mord und Totschlag.

Nachfrage nach Waffen steigt

Dennoch wächst die Zahl der Kunden in Waffengeschäften – berichtet der Waffenhändler Bernd Becker in Solingen. Er sagt, immer mehr Kunden  wollten bei ihm so genannte erlaubnisfreie Waffen wie Schreckschusspistolen oder Pfefferspray kaufen. "Ich weiß nicht wie viel hundert Flaschen Pfefferspray ich verkauft hab, bei Gaswaffen hat es sich seit 2015 vervierfacht." Um bestimmte Gaspistolen zu führen, braucht man zwar nur den kleinen Waffenschein – sie können aber durchaus gefährlich sein. "Sie können auch mit einer Gaspistole jemanden umbringen, überhaupt kein Problem, das kommt mit 400 bar raus", so der Waffenhändler.

Schusswaffen, so genannte erlaubnispflichtige Waffen, für die man einen großen Waffenschein benötigt,  hat Bernd Becker auch im Sortiment. Doch hier hat der Gesetzgeber hohe Hürden eingebaut: Um einen Waffenschein von der Waffenbehörde zu bekommen, müssen strenge Sicherheitsvorschriften eingehalten werden. Für die beiden Waffenscheine gelten jedoch unterschiedliche Voraussetzungen, um ihn zu erhalten.

Für Antragsteller gilt unter anderem:

◾Mindestalter von 18 Jahren, um die Waffe in der Öffentlichkeit führen zu dürfen

◾Keine Vorstrafen, ausgenommen Geld-, Jugend- oder Freiheitsstrafe unter 60 Tagessätzen

◾Fachpsychologisches Beurteilungsschreiben sowie körperliche Eignung

◾Keine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit

◾Kein Mitglied einer verbotenen Organisation oder als verfassungswidrig erklärte Partei

◾Nachweis über fachgerechte Aufbewahrung der Waffen

Bei der Beantragung des großen Waffenscheins müssen besonders strenge Voraussetzungen erfüllt werden.

Experten: 15 Millionen Schusswaffen sind schätzungsweise im Umlauf

Fakt ist: mittlerweile besitzen fast eine Million Deutsche offiziell scharfe Waffen. Und auch die Zahl solcher Waffen steigt. Experten schätzen, dass noch weit mehr Waffen im Umlauf sind. Gut 15 Millionen Schusswaffen in Deutschland, schätzt die unabhängige Forschungseinrichtung Small Arms Survey. 

Das BMI, also das Bundesministerium des Innern,  nennt Plusminus Zahlen von 2015 auf 2018, die belegen, dass die Zahl der registrierten Waffenbesitzer in diesem Zeitraum jedes Jahr zurückgegangen ist. Aber die Zahl der Waffen und Waffenteile, die sich im inländischen Privatbesitz befinden und vom Waffenregister aufgeführt werden, ist dagegen gestiegen.

Mehr Waffenfunde bei Rechtsextremen

Rüsten auch die Rechtsextremisten in Deutschland auf? Das ist nicht sicher belegbar. Die Polizei stellt jedenfalls bei Einsätzen gegen Rechtsextremisten immer mehr Waffen sicher. Innerhalb eines Jahres zeiget sich ein Anstieg bei den Waffenfunden von 61 Prozent. Das könnte aber auch an der Erhöhung solcher Einsätze liegen.

Tatsächlich gibt es viele Möglichkeiten, illegal an Waffen zu kommen. Auf dem Schwarzmarkt kursieren viele ältere Waffen, denn Jagdgewehre waren vor 1972 in Deutschland für jedermann frei erhältlich. Auch über Online-Marktplätzen finden private Waffenverkäufer ihre Kunden. Ob bei jedem Geschäft zwischen Privatleuten die korrekte Waffen-Erlaubnis vorgelegt wird, ist schwer zu sagen.

Pistolen aus dem 3D-Drucker

Ein weiteres Problem sind Waffen "Marke Eigenbau". Per 3D-Drucker lassen sich Waffenteile mittlerweile zuhause selbst herstellen. Die Waffen des Attentäters von Halle waren so genannte Luty-Guns, die offenbar zum Teil aus Komponenten aus dem 3D-Drucker bestanden.

Kein einheitliches Waffenrecht in der EU

Hinzu kommt: Das Waffenrecht in der EU ist nicht einheitlich. Onlineshops aus Tschechien beispielsweise bieten Waffen an, die in Deutschland verboten sind - zum Beispiel Schlagringe und Wurfsterne. Es scheint einfach zu sein,  mit ein paar Klicks auf einer entsprechenden Seite eine solche Bestellung zu machen. Doch lieber Hände weg.

Bestellung im Ausland ist illegal

Der Waffensachverständige Lars Winkelsdorf warnt davor, bei solchen Seiten zu bestellen. "Schlagringe oder auch Wurfsterne zählen in Deutschland zu den verbotenen Gegenständen. Hier drohen Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren. Wenn man versucht, so etwas zu bestellen und nur den Warenkorb bezahlt im Ausland, hat man sich bereits strafbar gemacht."

Der Experte kennt noch ein weiteres Phänomen: Waffenshops im so genannten Darknet. Der Datenverkehr wird dabei über mehrere Server verschlüsselt, ist nicht zurückzuverfolgen. Manche sind Fake-Shops, andere nicht. "Es sind tatsächlich mehrfach schon erlaubnispflichtige Waffen illegal über das Darknet angeboten worden", meint Winkelsdorf. Unter anderem habe sich der Täter des Amoklaufs von München dort eine illegale Pistole beschafft.

EU: Rechtsvorschriften werden harmonisiert

Illegale Waffen zu bestellen und zu besitzen ist eine Straftat in Deutschland. "Sie können vollkommen problemlos im Ausland legal Schlagringe erwerben", sagt Winkelsdorf: "Das heißt, diese einheitlichen Waffengesetze, wie man sie sich wünschen würde, hat die EU bis heute nicht realisieren können." Plusminusbittet die Europäische Kommission um Stellungnahme. Man schreibt uns: "Die EU-Rechtsvorschriften für Waffen gelten nur für Feuerwaffen. Das EU-Recht harmonisiert derzeit die nationalen Rechtsvorschriften in Bezug auf andere Waffenarten, (….) nicht."

Stand: 31.01.2020 15:32 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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