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Zwei Liter trinken? Unnötig! – Das Geschäft mit Wasser

– Die weit verbreitete Wassertrinkregel "2 Liter am Tag" finden viele Experten und Ärzte übertrieben.
– Trinkvorgaben sind Teil des Marketings der Wasserhersteller, um mehr Umsatz zu machen.
– Umweltschützer stellen Nutzen von Flaschenwasser in Frage und verweisen auf die ökologischen Folgen.
– Gesunde Erwachsene können sich getrost auf ihr Durstgefühl verlassen.

Sind wir alle kurz vorm Verdursten?

Wenn es nach den Medien geht, dann stehen wir alle kurz vor dem Verdursten. Ein paar Beispiele, was man so hört, sieht oder liest: "Das passiert, wenn Sie zu wenig trinken...", "Warum wir viel mehr Wasser trinken müssen", "Trinken sie genug?", "Kinder sollen trinken, bevor sie durstig sind", "Es ist vor allem wichtig, auch dann zu trinken, wenn man nicht durstig ist!", "Ihr Urin sollte champagnerfarben sein, je heller desto besser."

Die Wasserhersteller wollen gerne Umsatz machen.
3 Liter am Tag – viele Promis schwören auf ausreichendes Trinken.  | Bild: dpa

Auch die Promis trinken ordentlich viel Wasser: Model Tyra Banks schon vor dem Mittagessen einen ganzen Liter, Kollegin Elle MacPherson acht Gläser am Tag und Sängerin Beyonce vier Liter. Auch Iris Berben empfiehlt als Schönheitsrezept 3 Liter Wasser am Tag.

Kein Wunder, dass auch die Passanten bei unserem kleinen Quiz auf der Straße diese Regeln verinnerlicht haben. Von 33 Passanten meinen 28, dass man mehr als 2 Liter trinken sollte. Aber auf Nachfrage wird deutlich, dass es kaum einer schafft. Komisch, dass fast niemand wirklich 2 bis 3 Liter trinkt – und trotzdem keiner kurz vor dem Verdursten steht.

Wie viel soll man denn wirklich trinken?

Wir wollen wissen, ob das Ganze überhaupt stimmt. Nierenfacharzt Prof. Jan Galle meint, die Zwei-Liter-Regel sei Unsinn: "Es gibt von ärztlicher Seite eigentlich überhaupt keine Empfehlung, so viel zu trinken."

Gesunde Erwachsene können sich auf ihr Durstgefühl verlassen.
Gesunde Erwachsene können sich auf ihr Durstgefühl verlassen.  | Bild: dpa

Der Hintergrund der Regel: Im Schnitt nimmt ein Erwachsener 2 Liter Flüssigkeit am Tag auf – 0,7 Liter davon aber ohnehin durch die Nahrung. Aktiv trinken muss man also deutlich weniger als 2 Liter. "Wenn man ein normal gesunder Erwachsener ist, kann man sich komplett auf sein Durstgefühl verlassen", erklärt Prof. Galle.

Das Durstgefühl ist ein guter Ratgeber

Ausnahme: Kleinkinder und ältere Menschen hätten tatsächlich Probleme mit dem Durstgefühl – aber alle anderen müssten sich nicht zwanghaft über die 2-Liter-Marke "saufen". Die richtige Antwort ist also: Man muss nur so viel trinken, wie man Durst hat.

Wasser wird vermarktet

Trinkregeln in Deutschland
Viele gehen ohne eine Flasche Wasser nicht aus dem Haus.  | Bild: dpa

Nur, warum redet alle Welt von den zwei Litern, wenn diese Zahl längst widerlegt ist? Das liegt wohl auch am geschickten Marketing der großen Wasserhersteller. Das zumindest meint Maude Barlow. Die kanadische Aktivistin kämpft seit Jahren gegen die Macht von Wasser-Konzernen. "Diese Vorstellung, dass man immer Wasser dabeihaben muss, damit man nicht verdurstet, ist lächerlich. Das haben die uns eingeredet." (übersetzt aus dem Englischen)

In den USA verlässt heute kaum jemand ohne Wasserflasche das Haus – wohl auch dank landesweiter Kampagnen wie "Drink-Up", die von Konzernen wie Pepsi oder Danone, dem Hersteller von Evian und Volvic, gesponsert sind. Darin lobt sogar Michelle Obama die Vorzüge häufigen Wassertrinkens.

Große Konzerne wie unter anderem Coca Cola werben für ihre Produkte – mit Trinkempfehlungen.
Große Konzerne wie unter anderem Coca Cola werben für ihre Produkte – mit Trinkempfehlungen. | Bild: dpa

Umweltschützerin Maude Barlow sieht hier ganz klare Interessen: "Nestle, Danone, Coca Cola, Pepsi, die arbeiten mit Ernährungsberatern, mit Gesundheitsexperten, mit Lehrern, zusammen – um ihre Version vom 'gesunden Wassertrinken' zu promoten."

Flaschenwasser kaufen völlig sinnlos?

Deutsches Leitungswasser hat eine sehr gute Qualität.
Deutsches Leitungswasser hat eine sehr gute Qualität. | Bild: dpa

Auch in Deutschland erfreut sich Flaschenwasser einer geradezu unheimlichen Beliebtheit. Lag der Pro-Kopf-Verbrauch 1970 noch bei gut 12 Litern, ist er heute mehr als zehnmal so hoch. In der Schweiz treffen wir den Umweltschützer Franklin Frederick. Für ihn ist der Erfolg des Flaschenwassers unbegreiflich: "Wenn du in einem Land in Westeuropa lebst und dann Flaschenwasser kaufst, machst du etwas ziemlich Dummes, denn wir haben ja hier sauberes Leitungswasser. Also ist diese Werbung nötig, um Menschen zu überzeugen, etwas zu tun, was sie eigentlich nicht machen müssten."

Einfluss der Wasserlobby

Plastikmüll und lange Transportwege: Flaschenwasser ist ökologisch fragwürdig. Trotzdem gelingt es den Wasserkonzernen, die Politik zu beeinflussen. Öffentlich zugängliche Dokumente zeigen, dass die Dachorganisation der Wasserflaschen-Hersteller seit Donald Trumps Amtseinführung zweimal 40.000 Dollar für Lobbyisten ausgegeben hat. Mitglieder der Organisation: Nestle und Danone. Das Ziel: Das Verkaufsverbot von Wasser in Plastikflaschen in Nationalparks aufzuheben. Das hatte noch Präsident Obama erlassen. Das Lobbying war erfolgreich: Im August entschied Trump, wieder Plastikflaschen zuzulassen.

Umweltschützerin Maude Barlow wundert das nicht: "Naja, wenn Wasserflaschen-Hersteller wie Nestle einen Freund wie Donald Trump an der Macht haben, dann gehen sie natürlich zu ihm und sie sagen, wir wollen wieder Flaschenwasser in den Nationalparks verkaufen. Klar, dann sagt er: 'Ihr wollt das, ihr kriegt es'." Meint jedenfalls Barlow.

Kampagnen der Mineralwasserhersteller

Wasserhersteller wollen Umsatz machen.
Wasserhersteller wollen Umsatz machen.  | Bild: dpa

Auch hierzulande sind die Mineralwasserhersteller äußerst umtriebig bei der Vermarktung ihrer Produkte. Weil angeblich Schulkinder zu wenig trinken, gibt es die Kampagne "Trinken im Unterricht". Dahinter steckt der Verband der Mineralbrunnen. Um die junge Zielgruppe zu gewinnen, kommt dann auch schon mal der Chef des örtlichen Sprudelherstellers in die Schule, wie bei diesem Event in der Nähe von Dresden. Es gibt Gewinnspiele – und das Lokalfernsehen freut sich: "Die Freude der Gewinner war so groß, dass der Chef des Getränkeproduzenten wie ein Popstar Autogramme auf Kinderarme schreiben musste." (Zitat aus einem Beitrag von Oberlausitz-TV)

Für Umweltschützer Franklin Frederick eine klare Beeinflussung: "Von Anfang an wollen sie sich einen Markt schaffen. Und Kinder, die können sich nicht gegen diese 'Gehirnwäsche' mit Flaschenwasser wehren."

Angst vor Dehydrierung

Oder: Scheinbar seriöse Artikel, die die Angst vor Dehydrierung schüren: 12 Prozent Flüssigkeitsmangel führe zu Verwirrtheit heißt es, ab 14 Prozent drohe Kreislaufkollaps. Die Tabelle wird zur Verfügung gestellt von Coca-Cola, ebenfalls ein großer Wasserhersteller, mit seinen Marken Apollinaris und Bonaqa.

Völlig übertrieben findet das Jan Galle, Nephrologe: "Bis man 15 Prozent seines Körperwassers verloren hat, da muss ziemlich viel passieren, da laufen sie 3 Tage durch die Wüste bei 40 Grad und haben nichts getrunken."

Dramatisierte Folgen und fragwürdige Tipps

Auch Wassergigant Nestle warnt in seinem Ernährungsstudio ganz uneigennützig vor den Gefahren des Wassermangels und gibt den Tipp: "Als kleine Gedächtnisstütze können Sie sich auch einen Post-It-Zettel mit dem Wort 'trinken' an den PC heften."

Wer weiß, wie viele Arbeitsplätze in Deutschland deshalb schon mit Trink-Post-its vollgeklebt wurden, und wer schon alles permanent an der Flasche hängt? Solche Tipps bringen Prof. Jan Galle zum Kopfschütteln: "Meines Erachtens ist das völliger Quatsch. Es tut nicht Not, dass man ständig ein Nuckelfläschchen in seiner Hand hält, darauf kann man verzichten."

Der beste Rat für gesunde Erwachsene: Auf den eigenen Durst hören – und nicht auf die Wasserhersteller.

Autor: Matthias Fuchs

Stand: 31.07.2018 12:30 Uhr

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