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E-Roller: Arbeitsbedingungen

Play"Juicer" beim E-Scooter Verleiher
E-Roller: Arbeitsbedingungen | Bild: dpa / Oliver Berg

– Das Aufladen von E-Scootern übernehmen oft sogenannte Juicer.
– Sie müssen Transport und Stromkosten selbst bezahlen und haben recht strenge Vorgaben.
– Arbeitsrechtler sehen eine kritische Nähe zur Scheinselbständigkeit.

E-Scooter stehen in deutschen Großstädten mittlerweile an jeder Ecke. Freischalten, losfahren und, wenn der Akku leer ist, einfach stehen lassen. Sehr praktisch! Allerdings brauchen die elektrisch betriebenen Roller Strom und müssen über Nacht geladen werden, damit die Kunden am nächsten Tag weiterfahren können. Rund um diesen Ladevorgang ist ein neuer Beruf entstanden: Der sogenannte Juicer. Die Juicer ziehen nachts durch die Straßen und sammeln die Roller ein, um sie aufzuladen. E-Roller-Verleiher machen einen auf jung, hip und grün, wollen den Gedanken von sorgenfreier Mobilität mit weißer Weste verkaufen. "Plusminus" hat die Arbeitsbedingungen der Juicer unter die Lupe genommen und sich angeschaut, ob wirklich alles so fair und hip ist.

Für jeden aufgeladenen E-Scooter gibt es vier bis fünf Euro

Youtuberin Hazel im Selbstversuch als Juicer: Eine Nacht lang lädt sie zehn E-Scooter in ihrem Büro auf.
Youtuberin Hazel im Selbstversuch als Juicer: Eine Nacht lang lädt sie in ihrem Büro E-Scooter auf. | Bild: WDR

Ob sich der Beruf des Juicers lohnt, prüft die Youtuberin Hazel aus Berlin im Selbstversuch. Für den Anbieter Lime lädt sie eine Nacht lang Roller auf. Zehn Roller darf sie pro Nacht einsammeln, pro Stück gibt es zwischen vier und fünf Euro – je nach Stadt. Das Laden selbst dauert bis zu sechs Stunden. Die Stromkosten müssen die Juicer selbst tragen: pro Roller sind das 15 bis 20 Cent.

Auch Studentin Johanna bewirbt sich als Juicer. Bei einer Infoveranstaltung von Lime legte man ihr einen 32-seitigen Vertrag vor. Den sollte sie noch vor Ort unter Zeitdruck unterschreiben, erzählt die Studentin. Auf Nachfrage, ob sie das auch zu Hause machen könne, sei ihr gesagt worden: Das mache sowieso keiner. Johanna bekommt sechs Ladekabel ausgehändigt, die im Vertrag nicht erwähnt worden seien. Zum Einsammeln und wieder Abstellen der Roller hat sie zeitliche Vorgaben. Juicer, die die E-Scooter zu spät abstellen oder sie nicht mindestens zu 95 Prozent geladen haben, könnten eine Strafe bekommen, erzählt Johanna.

Selbstständig oder scheinselbstständig?

Ist das noch Selbstständigkeit? "Plusminus" hat den Vertrag von zwei Arbeitsrechtlern überprüfen lassen. Lime versuche, jede Haftung in Bezug auf Scheinselbstständigkeit auszuschließen, sagt Gerlind Wisskirchen, Fachanwältin für Arbeitsrecht. Nur: "Ich halte das für schwierig, weil es letztlich auf die gelebte Praxis ankommt, ob jemand als Arbeitnehmer oder als Selbstständiger einzustufen ist." Peter Schüren, Professor für Arbeitsrecht, schätzt die Lage so ein: "Wenn das, was hier im Vertrag steht gemacht wird, sind die gerade noch auf der legalen Seite." Sehe die Praxis allerdings anders aus, könne es schnell zum Arbeitsverhältnis kippen. "Und dann wird es wirklich riskant, weil dann Mindestlohn gezahlt werden muss, Sozialversicherungsbeiträge sofort fällig sind und auch das Risiko von Strafbarkeit irgendwo im Raum steht."

E-Scooter gelten als jung, hip, umweltschonend. Aber wie sieht es mit den Arbeitsbedingungen der sogenannten Juicer aus?
E-Scooter gelten als jung, hip, umweltschonend. Aber wie sieht es mit den Arbeitsbedingungen der sogenannten Juicer aus? | Bild: WDR

Lime sieht das anders und schreibt zu dieser Einschätzung: "Wir schreiben den Juicern nicht vor, wie viele Roller sie aufladen müssen oder wann sie aufladen sollen. (...) Die Juicer können auch flexibel entscheiden, ob sie einen Auftrag annehmen oder nicht." Der Anbieter bezahlt Selbstständige nur für einzelne Aufträge. Dieses Verfahren wird "Gig-Economy" genannt. Den gerade in Deutschland eingestellten Essenslieferant Deliveroo hat diese Praxis bereits vor Gericht gebracht: die Gewerkschaft unterstellt dem Unternehmen Scheinselbstständigkeit.

Vier Jahre lang wird ein neues Unternehmen nicht kontrolliert

Ob Lime die Menschen nicht doch anstellen müsste, kontrolliert die Clearingstelle der Deutschen Rentenversicherung. Von dort heißt es: "Wird eine Firma neu gegründet und stellt Arbeitnehmer ein, findet die erstmalige Prüfung nach Ablauf des vierten Kalenderjahres statt. Dieser Zeitpunkt ist im vorliegenden Fall noch nicht abgelaufen." Das heißt: Vier Jahre lang kann ein neues Unternehmen wie Lime ohne Prüfung arbeiten, es sei denn, der Zoll schöpft Verdacht und ermittelt. Gerlind Wisskirchen sagt: Bei der neuen Gig-Economy stoßen geltende Gesetze an ihre Grenzen. "Die Rechtsprechung, aber auch die Gesetzgebung hinkt der Realität erheblich hinterher." Das Arbeitsministerium lässt wissen, man wolle nun prüfen "(...)  inwieweit die bestehenden arbeits- und sozialrechtlichen Regelungen auch für neue, digital basierte Geschäftsmodelle, zu denen z.B. auch das Modell von Lime gehört, passen, ob Anpassungsbedarf besteht und wie dieser aussehen könnte."

Beim Start-up Tier läuft das Laden anders ab

Und wie sieht es beim Berliner Start-up Tier aus, neben Lime der andere Große der Branche? Hier läuft das Auflade-System über einen Dienstleister, der die Roller zentral auflädt – oder aber über eigene Beschäftigte. Dem Unternehmen zufolge bekommen die Auflader je nach Stadt zehn oder elf Euro pro Stunde, Nachtzuschlag und der Transporter werde gezahlt.

Für Youtuberin Hazel hat sich die Juicer-Aktion nicht wirklich gelohnt. Erst musste sie zehn Roller zusammensuchen, am Morgen darf sie die nur an bestimmten Stellen zurückgeben – und das unter Zeitdruck: Je nach Stadt müssen die Roller bis sieben oder acht Uhr an Ort und Stelle sein. Hazel hat am Ende 40 Euro Umsatz gemacht, vier Euro pro Roller. Bei sieben Stunden Arbeit, mit Stromkosten und weil sie über Car Sharing einen Transporter buchen musste, hat sie somit 2,74 Euro pro Stunde verdient. Selbst ohne Transporter wären es nur etwas über fünf Euro gewesen.

Hazels Fazit: "Ich bringe diese Dinger wieder zurück." Und das "Plusminus"-Fazit in puncto Arbeitsbedingungen? So hip und cool sind die gar nicht.

Der komplette Selbstversuch von Hazel ist im ARD Onlinekanal "Funk" zu sehen.

Ein Beitrag von Laura Schnitzler, Larissa Volkenborn und Rebecca Kirkland

Stand: 12.09.2019 10:10 Uhr

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