SENDETERMIN Mi, 11.09.19 | 21:45 Uhr | Das Erste

Die Ökonomisierung der Legehenne

PlayEierverpackungen im Geschäft
Die Ökonomisierung der Legehenne | Bild: imago/Arnulf Hettrich

– Mehr als jedes zweite Ei kommt in Deutschland aus Bodenhaltung.
– Für die Legehennen heißt das: neun Tiere pro Quadratmeter und kein Auslauf.
– Verbraucher können eine andere Tierhaltung fördern, indem sie mehr Geld für Eier ausgeben.
– Der Verein "Rettet das Huhn" päppelt Tiere wieder auf und rettet sie vor dem Schlachter.

Mehr als jedes zweite Ei, das in Deutschland verbraucht wird, kommt aus der Bodenhaltung. Von glücklichen Hühnern  – so scheint es, glaubt man dem Eindruck der Bilder auf den Eierkartons. Meistens bleiben die echten Legehennen für die Verbraucher unsichtbar. Eine speziell gezüchtete Legehenne legt durchschnittlich etwa 300 Eier im Jahr - fast doppelt so viel wie ein normales Haushuhn.

Etwa 300 Eier legt eine Legehenne pro Jahr.
Etwa 300 Eier legt eine Legehenne pro Jahr. | Bild: WDR

Nach zwölf bis höchstens 14 Monaten sind die Legehennen allerdings verbraucht: Sie legen weniger Eier. Der gesamte Bestand einer Generation, das sind oft mehrere tausend Tiere, wird dann durch junge Hühner ersetzt und geschlachtet.

Der Verein "Rettet das Huhn" gibt den Tieren eine zweite Chance

Der Verein "Rettet das Huhn" hat es sich zur Aufgabe gemacht, solchen Hühnern auf der Schlachtliste, eine zweite Chance zu geben. Er vermittelt sie an private Hühnerhalter, wo sie ihr Gnadenbrot bekommen sollen. Der Verein kann aber pro Jahr höchsten 12.000 Tiere retten. Nur ein kleiner Teil der circa 47 Millionen deutscher Legehennen. So viele waren es 2018 - alle Haltungsformen inbegriffen. Davon lebt die Mehrheit in Bodenhaltung.

Eier von glücklichen Hühnern: Den Eindruck erwecken die Bilder auf den Eierschachteln. Ganz so sieht die Realität zumindest in der Bodenhaltung nicht aus.
Eier von glücklichen Hühnern: Den Eindruck erwecken die Bilder auf den Eierschachteln. Ganz so sieht die Realität zumindest in der Bodenhaltung nicht aus. | Bild: WDR

Birgit Raukamp vom Verein "Rettet das Huhn" sagt: "Bodenhaltung hört sich für den Verbraucher ja immer so an: Die Hühner laufen auf dem Boden, haben im besten Fall noch etwas zu scharren - das ist mitnichten so. Diese Enge, diese Gitterverhältnisse - die laufen in den Etagen auf Gittern - das ist eine ganz normale, völlig legale Bodenhaltung."

Zwei Monate nach ihrer Rettung haben sich die Legehennen radikal verändert

Wie es ist, sich der Legehennen anzunehmen, weiß Anna Haas. Vier von den Tieren hat sie bei sich aufgenommen, jetzt sitzen die Neuankömmlinge verschüchtert im Stall. Noch haben sie so wenig Federn, dass sie draußen frieren. Deshalb tragen sie Hühnerpullis.

Nach zwei Monaten sieht das anders aus. Die hässliche Truppe der geretteten Legehennen gibt es nicht mehr. Sie haben sich zu hübschen, glücklichen Hühnern gemausert: "Die muss man abends wirklich ins Häuschen tragen, weil die ihr Glück gar nicht fassen können, dass die ihre Freiheit so genießen", sagt Haas.

Bodenhaltung heißt: Neun Hühner pro Quadratmeter und kein Auslauf

Eier sind billige Lebensmittel und sie sind in den letzten Jahrzehnten praktisch nicht teurer geworden. Zehn Eier aus der Bodenhaltung gibt es in den gängigen Supermarktketten bereits für 1,19 Euro. Eier aus Freilandhaltung sind mit 1,59 Euro nur etwas teurer, die günstigsten Bio-Eier kosten 2,69 Euro.

Neun Legehennen leben in der Bodenhaltung auf einem Quadratmeter. In der Freilandhaltung auch – da kommt aber zumindest ein Auslauf dazu.
Neun Legehennen leben in der Bodenhaltung auf einem Quadratmeter. In der Freilandhaltung auch – da kommt aber zumindest ein Auslauf dazu. | Bild: WDR

Für die Legehennen bedeutet das: Wenig Platz. In der Biohaltung sind durchschnittlich immerhin nur sechs Tiere auf einem Quadratmeter Stallfläche erlaubt. Zusätzlich hat jedes Huhn vier Quadratmeter Auslauf zur Verfügung. In der Bodenhaltung aber sind neun Hühner pro Quadratmeter erlaubt – der Auslauf fällt komplett weg. In der Freilandhaltung haben die Hühner zwar genauso viel Platz wie in der Bodenhaltung, immerhin kommen aber vier Quadratmeter Auslauf hinzu. Trotzdem unterscheidet sich die Freilandhaltung trotz des Namens oft kaum von der Bodenhaltung. Denn die angebotene Auslauffläche nutzen die Hühner nur dann, wenn sie ihnen Schutz bietet. Da die Halter aber nur verpflichtet sind, den Auslauf anzubieten, nicht noch schützendes Buschwerk oder ein Unterschlupf, kann es sein, dass Freilandhühner nie heraus kommen.

"Die Bodenhaltung gewährleistet ein Höchstmaß an Tierschutz"

Auf "Plusminus"-Bitte um eine Stellungnahme zum Tierwohl in der Bodenhaltung erklärt uns die Deutsche Geflügelwirtschaft: "Rechtlich basieren die Haltungsbedingungen auf den Vorgaben der deutschen Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (…). Die Bodenhaltung gewährleistet somit ein Höchstmaß an Tierschutz."

Tierschutz und Tierwohl sind nicht gleichzusetzen mit artgerechter Haltung für Legehennen. Verbraucher, die sich Eier von glücklichen Hühnern wünschen, haben ein Problem. Denn bei einem jährlichen Verbrauch von etwa 20 Milliarden Eiern stecken die meisten davon in Fertigprodukten – und die sind aus Bodenhaltung. Doch oft handelt es sich sogar um importierte Eier aus der in Deutschland seit 2010 verbotenen Käfighaltung.

Das System, das diese Tiere geschaffen hat, verantworten wir alle: Eierproduzenten, der Gesetzgeber und natürlich die Verbraucher. Doch die Verbraucher können sich entscheiden, einen angemessenen Preis für Eier von glücklichen Hühnern zu bezahlen.

Ein Beitrag von Annette Zinkant (Autorin) und Sejla Didic-Pavlic (Redakteurin)

Stand: 12.09.2019 10:03 Uhr

16 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi, 11.09.19 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Westdeutscher Rundfunk
für
DasErste