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Die Krise kommt – und jetzt?

PlayNeuwagen auf einem Autoterminal in Bremerhaven
Die Krise kommt – und jetzt? | Bild: dpa / Ingo Wagner

– Steht die nächste Wirtschaftskrise vor der Tür? In den Unternehmen läuft teilweise wirklich nicht alles rund – das hat verschiedenste Gründe.
– Manche Unternehmer und Experten sagen, ab und an ein Abschwung sei normal.
– Wenn die Politik investiert, könnte das langfristig Arbeitsplätze schaffen.

Seit sechs Monaten hört man immer wieder das Gleiche: Die fetten Jahre sind vorbei. Nachdem die Wirtschaft jahrelang geboomt hat, soll jetzt wieder eine Krise auf uns zu rollen. Viele erinnern an die Schreckensjahre 2008, 2009, als es die letzte große Krise gab. Aber ist die Lage heute wirklich damit vergleichbar? Um das abzuschätzen, hat sich "Plusminus" in drei großen Branchen umgehört: In der Automobilbranche, im Maschinenbau und im Handwerk.

Mit dabei ist der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen AG, der hauptsächlich Getriebe für Autos und Lastwagen baut. Der Konzern hat fast 150 000 Mitarbeiter und einen Umsatz von knapp 37 Milliarden Euro. In vielen Abteilungen gibt es bereits Umsatzrückgang, Überstunden werden abgebaut. Noch hoffen alle, um das Schlimmste herumzukommen – doch die Sorgen mehren sich. "Normalerweise fahren wir drei Schichten, jetzt fahren wir zwei, Jeder macht sich Sorgen", sagt ein Mitarbeiter. Ein anderer befürchtet, "dass es weniger wird, dass Kurzarbeit kommt, solche Sachen. Ich habe das schon mal mitgemacht, zwei Mal, also das kann schon passieren."

Die internationale Politik spielt nur bedingt eine Rolle

Wer ist Schuld an der Krise? Oft heißt es, Boris Johnson, Donald Trump und Co. werden der deutschen Wirtschaft gefährlich. Das sehen längst nicht alle so.
Wer ist Schuld an der Krise? Oft heißt es, Boris Johnson, Donald Trump und Co. werden der deutschen Wirtschaft gefährlich. Das sehen längst nicht alle so. | Bild: WDR

Wer ist schuld an der Krise? Oft hört man, Brexit und Handelskriege würden die deutsche Wirtschaft gefährden. Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft sieht das anders: "Mit solchen politischen Schocks, die dann auch irgendwann verschwinden, kann man auch umgehen. Die lösen keine tiefe Krise auf Dauer aus." In Deutschland gibt es für Kunden ganz andere Probleme: Etwa die öffentliche Diskussion über verschiedene Antriebstechniken, sagt Wolf-Henning Schneider von ZF Friedrichshafen. Beim Elektroauto gehe es Unsicherheit, ob die Ladeinfrastruktur ausreicht – viele Verbraucher warten deshalb eher ab, so Schneider.

Alles ganz normal?

Auch in der Maschinenbau-Branche läuft nicht alles rund, zumindest bei der Heller-Gruppe. Die 2900 Mitarbeiter bauen Werkzeugmaschinen für die ganze Welt, der Umsatz liegt bei rund 558 Millionen Euro. Auch hier gibt es in einigen Abteilungen schon weniger Aufträge – in manchen Hallen stehen sogar Maschinen still. Nur: Dem Unternehmenschef zufolge ist das ganz normal. "Es gibt keinen Grund für Panik. In unserer Industrie ist man es gewohnt, mit Zyklen zu arbeiten und letztendlich auch mit Zyklen zu leben", sagt Klaus Winkler. Alle sechs bis acht Jahre habe man einen Gipfel erreicht, danach komme der zyklische Abschwung.

Steckt Deutschland bald in einer neuen Wirtschaftskrise? Oder sind Tiefpunkte ab und an ganz normal?
Steckt Deutschland bald in einer neuen Wirtschaftskrise? Oder sind Tiefpunkte ab und an ganz normal? | Bild: WDR

Das sieht auch Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung so: "Es gibt überhaupt keinen Grund zur Panik, sagt er: Wir haben einen Umschwung gesehen von einer übertriebenen Euphorie im letzten Jahr hin zu einem übertriebenen Pessimismus, was die deutsche Wirtschaft betrifft."

Manch einer spricht schon von Konjunkturprogrammen – ähnlich wie 2009

Trotzdem reden manche Vertreter der Bundesregierung schon über Konjunkturprogramme, ähnlich wie in der großen Krise 2009. Kommunen erhielten kurzfristig Milliarden für Bauprojekte, Straßen und Schulen. Es gab Steuererleichterung - und vor allem die Abwrackprämie. Aber hilft es, wenn der Staat die Wirtschaft mit Subventionen unterstützt?

In Zeiten schwächelnder Auftragslage muss die Automobilbranche massiv in neue Technologie investieren - das ist eine immense Doppelbelastung. Wolf-Henning Schneider vom Automobilzulieferer ZF findet Subventionen etwa beim Kauf von Elektroautos trotz allem nicht wirklich sinnvoll. Immerhin sei die Ladeinfrastruktur in Deutschland noch nicht auf eine große Zahl an Elektroautos vorbereitet, sagt er. Die Herausforderung für die Politik sei es jetzt, das flächendeckend auszubauen.

Investieren, um langfristig Erfolge zu erzielen

Autoindustrie, Maschinenbau, Handwerk: Merken die einzelnen Branchen etwas von einer Wirtschaftskrise?
Autoindustrie, Maschinenbau, Handwerk: Mitarbeiter der drei großen Branchen bemerken durchaus Anzeichen von Veränderung. | Bild: WDR

Wie denken Handwerk und Bauindustrie über Konjunkturprogramme? Diese dritte Säule der deutschen Wirtschaft hat 2009 besonders vom staatlichen Geldsegen profitiert. "Ich denke, wir brauchen Konjunkturprogramme wie 2008/2009 nicht explizit", sagt Georg Eickholt von der Firma Elektro-Eickholt, die mit 80 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 10 Millionen Euro hat. Sein Betrieb ist in den nächsten acht Monaten komplett ausgebucht, kann kurzfristig gar keine neuen Aufträge annehmen. Firmeninhaber Eickholt wünscht sich langfristige Investitionen, die über Jahrzehnte Arbeit schaffen. Und Marcel Fratzscher vom Institut für Wirtschaftsforschung sieht die Politik in der Pflicht: "Viele Unternehmerinnen und Unternehmer realisieren, worum es eigentlich in Deutschland gehen müsste: Nämlich um eine langfristige Perspektive und eine Wirtschaftspolitik, die die Substanz der deutschen Wirtschaft langfristig verbessert."

Steuersenkungen werden in Krisenzeiten gerne versprochen, bei Klaus Winkler von der Firma Heller kommen sie allerdings nicht gut an. Er wünscht sich stattdessen Erleichterungen bei Abschreibungen, dass er also in seine Firma besser investieren kann. Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft fasst das Ganze so zusammen: "Was wir nicht brauchen, sind kurzfristige Irrlichter und kleine zündende Feuerwerke am Straßenrand, sondern wir brauchen Antworten des Staates auf den Investitionsbedarf."

Maschinenbau, Automobilindustrie, Handwerk: Bei Deutschlands wichtigsten Branchen kommen klassische Konjunkturprogramme und Steuersenkungen im Moment nicht gut an.  Gebraucht werden stattdessen kluge Konzepte. Krisen-Propheten und Alarmismus sind fehl am Platz.

Ein Beitrag von Thomas G. Becker und Michael Houben

Stand: 12.09.2019 10:02 Uhr

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