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Risiko Antibiotika – wie leichtfertig unsere Gesundheit aufs Spiel gesetzt wird

PlayDurch die Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika drohen Patienten schwere Nebenwirkungen.
Risiko Antibiotika – wie leichtfertig unsere Gesundheit aufs Spiel gesetzt wird  | Video verfügbar bis 09.10.2020 | Bild: WDR

Inhalt in Kürze:
- Warnung vor Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika
- Patienten drohen schwere, teilweise tödliche Nebenwirkungen
- Warnung vor gefährlichen Antibiotika wird übersehen

Eigentlich sind Fluorchinolon-Antibiotika gute Medikamente, die Schwerstkranken das Leben retten können. Doch weil sie so gut wirken, werden sie millionenfach auch Patienten mit einer einfachen Blasenentzündung oder harmlosen Halsschmerzen verordnet. Dabei können schon wenige Tabletten dieser Antibiotika die Patienten lebenslang schädigen. 

Im Fokus: Der Wirkstoff Fluorchinolon

Ein Geschädigter aus Konstanz hat das erlebt. Wegen Ohrenschmerzen wurde ihm ein Antibiotikum verschrieben. Nach wenigen Tagen klagt er über Schwindel, Orientierungsschwierigkeiten und Schmerzen in den Muskeln und der Achillessehne. Das Laufen fällt ihm schwer. Der Grund für die Beschwerden: Antibiotika mit dem Wirkstoff Fluorchinolone. Hierzu gehören Präparate mit den Namen Ciprofloxacin, Norfloxacin,  Moxifloxacin oder Levofloxacin. 

Risiko Antibiotika
Präparate aus der Gruppe der Fluorchinolone. | Bild: WDR

Diagnose der Nebenwirkungen ist schwierig

Schon seit der Markteinführung in den 80er Jahren stehen die Fluorchinolone wegen zahlreicher möglicher Nebenwirkungen in der Kritik. Allgemeinmediziner Stefan Pieper kennt Patienten aus ganz Deutschland, die unter den Nebenwirkungen einer Fluorchinolone-Behandlung leiden. Viele seiner Kollegen würden die Schmerzen und die psychischen Störungen nicht in Zusammenhang mit einer Antibiotika-Therapie bringen. "Ein großes Problem ist, dass der Verschreiber auch selten der gleiche Arzt ist, der sich diese Beschwerden hinterher anhören muss", so Pieper.

Studie: 140 Tote durch Nebenwirkungen

In einem Report des Wissenschaftlichen Institutes der AOK wurden erstmals Zahlen für Deutschland errechnet. Fluorchinolon-Antibiotika wurden demnach 2018 von etwa 3,3 Mio. Patienten genommen. Bei etwa 40.000 kam es zu schweren Nebenwirkungen – so die Schätzung. Demnach sind 140 Patienten an den Nebenwirkungen verstorben. 

Bundesinstitut warnte im Rote-Hand-Brief erst 2019

Im April 2019 wurden alle Ärzte in Deutschland in einem Brief vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gewarnt. Dem sogenannten Rote-Hand-Brief. Darin wird erstmals vor den "langanhaltenden und möglicherweise irreversiblen Nebenwirkungen" aller Fluorchinolone gewarnt.

Daher sollen die Präparate nur noch "nach einer sorgfältigen Nutzen-Risiko-Bewertung im Einzelfall" gegeben werden. 

3,3 Millionen Patienten nahmen 2018  in Deutschland Schätzungen zufolge Fluorchinolon-Antibiotika ein.
3,3 Millionen Patienten nahmen 2018 in Deutschland Schätzungen zufolge Fluorchinolon-Antibiotika ein. | Bild: WDR

Warnungen gab es schon in Frankreich und den USA

Aus der Sicht von Stefan Pieper kommt diese Warnung viel zu spät. "Es hätte viel früher eine Indikations-Einschränkung. Oder sogar auf einigen Gebieten ein Verbot dieses Mittels stattfinden müssen."

Denn seit 2008 weiß man von den schwerwiegenden Nebenwirkungen. 2015 gab es dann konkrete Warnungen in Frankreich, ein Jahr später in den USA. Trotzdem: In Deutschland wird erst im April 2019 umfassend vor dem Einsatz dieser Antibiotika gewarnt. 

In Frankreich und den USA wurde schon vor Jahren vor der Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika gewarnt.
In Frankreich und den USA wurde schon vor Jahren vor der Einnahme von Fluorchinolon-Antibiotika gewarnt. | Bild: WDR

Bundesinstitut weist Vorwürfe zurück

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte schreibt auf Plusminus-Anfrage, man hätte in der Vergangenheit ausreichend über die Sicherheit informiert. Und verweist auf Handbriefe und Artikel, die sie für einzelne Präparate auf ihrer Internetseite veröffentlicht haben. Die Ärzte sind zwar angehalten, die Informationen aus diesen Briefen umzusetzen. Kontrollen, ob das auch so geschieht, gibt es allerdings nicht.

Risiko: Riss der Hauptschlagader

Auch Stephan Kurz beschäftigt sich mit dem Thema Nebenwirkungen durch Antibiotika. Am Deutschen Herzzentrum in Berlin weiß man, wie gefährlich sie sein können. Denn durch die Einnahme steigt das Risiko für einen Riss in der Hauptschlagader. Ein lebensbedrohlicher Notfall, die Betroffenen können innerhalb kürzester Zeit innerlich verbluten. 

Erhöhtes Risiko für einen Riss der Aorta
Ein Riss in der Aorta bedeutet für den Patienten einen lebensgefährlichen Notfall. | Bild: WDR

Um zu zeigen, dass es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen den Aorta-Schäden und den Fluorchinolonen gibt, wertet der Anästhesist zurzeit Daten von Patienten aus ganz Deutschland aus. Erkenntnisse, die es eigentlich schon gibt. Denn internationale Studien belegen bereits diesen Zusammenhang.

Autorin: Pia Busch
Bearbeiter: Peter Schneider

Stand: 10.10.2019 17:54 Uhr

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