SENDETERMIN Mi., 29.01.20 | 21:55 Uhr | Das Erste

Geldanlage: Eine Zukunft ohne Zinsen?

PlayGeldscheine und Münzen
Geldanlage: Eine Zukunft ohne Zinsen? | Video verfügbar bis 29.01.2021 | Bild: WDR

– Experten: Niedriges Zinsniveau wird bleiben
– Aktien bieten sich für die private Altersvorsorge an
– Bundesarbeitsministerium schließt staatliche Aktienfonds aus

Selbst wenn die EZB, wahrscheinlich erst in einigen Jahren, die Leitzinsen wieder erhöht: Deutsche Sparer werden auch danach und auf sehr lange Sicht für sichere Geldanlagen keine Zinsen mehr erwarten können.

Diese Befürchtung bestätigt eine Mehrheit der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute, die "Plusminus" zu diesem Thema befragt hat. Wer sparen oder für das Alter vorsorgen will, muss neue Wege gehen. Der Staat kann und sollte dafür neue Weichen stellen. Wo geht die Reise in Sachen "Sparen" künftig hin?

Minuszinsen bei einigen Banken

Im Westmünsterland ist diese Zukunft schon ein Stück weit Realität. Bei der Volks- und Raiffeisenbank Westmünsterland wurden im vergangenen Jahr Negativzinsen eingeführt. "Es gab Kunden, die haben Konten eröffnet und haben gesagt, wir wollen Geld anlegen", so Wolfgang Baecker, Vorstandsvorsitzender der VR Westmünsterland. Doch letztlich sei es den Kunden nur darum gegangen, das Geld zu parken. "Wenn Leute uns als Parkstation benutzen, dann müssen sie eben Parkgebühren bezahlen", so Baecker.

Werden Sparer in absehbarer Zeit wieder Zinsen auf ihr Geld bekommen?

"Wir müssen realisieren, dass das was für uns gerade als Sparer zählt, nicht der Zins per se ist, sondern der Realzins ist", erklärt Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. "Also was zählt, ist nicht, ob ich null Prozent Zinsen oder zehn Prozent Zinsen auf mein Sparkonto bekomme, sondern was ich wirklich abzüglich Inflation habe. Und das wird in den nächsten zehn, 15 Jahre sehr wahrscheinlich bei null liegen. Das ist die Realität."

Skepsis bei Wirtschaftsforschungs-Instituten

Nur zwei Wirtschaftsforschungsinstitute sehen das optimistischer. Dass sich in fünf Jahren Sparen wieder lohnen könnte, meinen das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH). Dagegen muss man nach Angaben des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) bis zu 20 Jahre warten, das Kölner Institut der Wirtschaft meint sogar, dass man gar nicht mehr langfristig mit positiven Realzinsen rechnen könne.

Was sind die Gründe für die extrem niedrigen Zinsen?

"Man kann sich ja mal überlegen, was passieren würde, wenn die Europäische Zentralbank die Zinsen einfach bei sechs Prozent festlegen würde", erklärt Marcel Fratzscher. Für Unternehmen würde es dann teurer, zu investieren und Kredite aufzunehmen, Das gelte auch für Konsumenten, die ein Haus kaufen möchten oder für ihre Kinder einen Kredit aufnehmen möchten. Fratzscher: "Das bedeutet, wenn sie höhere Zinsen haben, dann geht die Nachfrage zurück, damit würden wir in einem wirtschaftlichen Abschwung kommen und darüber würden die Zinsen wieder sinken."

Ein weiterer Grund könnte die demografische Entwicklung sein, wie Friedrich Heinemann vom ZEW sagt: "Überall auf dem Globus haben wir Länder mit einer Bevölkerung, die altert. Alle wollen sie das Gleiche: Nämlich zu Null Risiko Geld anlegen für das Alter und diese Spar-Flut, also diese Flut an Anlagekapital, die drückt den Zins nach unten." Das werde sich in den nächsten Jahren noch verschärfen, so Heinemann. "Entsprechend werden wir in der nächsten Generation im Grunde für die risikolose Geldanlage keine nennenswerten positiven Zinsen mehr sehen."

Umdenken der Sparer ist nötig

Wer langfristig Geld sparen will kann also auf die Zinserträge nicht mehr bauen. Erst recht, wenn es um private Altersvorsorge geht. "Die klassischen Instrumente sind kein sinnvoller Baustein der Altersvorsorge. Es führt heute kein Weg dran vorbei an breit gestreuten Investitionen in Aktien, am besten weltweit", so Friedrich Heinemann.

Doch dafür ist ein Umdenken bei den Sparern nötig, glaubt Marcel Fratzscher. "Wir Deutschen haben viel Angst vor Aktien", sagt der Experte. Dabei seien Aktien bei einer Anlagedauer von fünf oder zehn Jahren "eine hervorragende Art und Weise Vorsorge zu betreiben."

Experte sieht den Staat in der Pflicht

Für diejenigen, die sich dennoch nicht näher mit dem Aktienmarkt beschäftigen wollen, bieten Banken eigentlich Fonds an, in denen sie eine Vielzahl von Aktien bündeln und den Anlegern so viele Entscheidungen abnehmen. Durch die Streuung wird das Risiko minimiert. Doch auch Fonds werden nur von wenigen zum Sparen genutzt.

"Nicht jeder ist ein Profi und dann das beurteilen", zeigt Heinemann Verständnis. Man brauche einen zuverlässigen Hinweis, welche Produkte für eine lange Anlagefrist sinnvoll seien. Da sei vielleicht auch der Staat in der Pflicht, "Menschen ein Stück weit zu zwingen, sich mit der Altersvorsorge zu befassen." Doch bisher fördert der Staat - von Bausparverträgen bis Riester - Sparformen, die in einer Welt ohne Zinsen kaum noch Sinn ergeben.

Staatliche Fonds in Schweden

In Schweden ist das anders. Einen Teil der Rentenbeiträge - 2,5 Prozent vom Lohn - muss jeder Arbeitnehmer in einen Fonds stecken. Man kauft entweder einen von 850 staatlich zugelassener Fonds von privaten Anbietern oder einen vom Staat selbst verwaltenden Fonds. So muss jeder Schwede mit Aktien vorsorgen, doch niemand muss sich um Aktienkurse kümmern. Und das bringt bisher - trotz Finanzkrise – gut Neun Prozent pro Jahr. Bei minimalen Verwaltungskosten.

Ein Staatsfonds, wo der Staat für Bürgerinnen und Bürger letztlich Geld spart oder verwaltet und klug anlegt, wäre in der Tat eine gute Option auch in Deutschland“, findet Marcel Fratzscher. Damit würden Risiken und Verwaltungskosten minimiert und man könne den Menschen helfen, langfristig klüger vorzusorgen.

Absage des Bundearbeitsministeriums

Das Bundesarbeitsministerium teilte auf Anfrage mit, dass die aktuellen Rahmenbedingungen für Altersvorsorge bereits heute auch für die veränderte Lage ausreichend seien. Da in Deutschland der Grundsatz der Freiwilligkeit gelte, sei eine einfache Übertragung des schwedischen Modells auf Deutschland ausgeschlossen.

Autoren: Michael Houben und Thomas G. Becker
Bearbeitung: Peter Schneider

Stand: 29.01.2020 23:41 Uhr

12 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi., 29.01.20 | 21:55 Uhr
Das Erste

Produktion

Westdeutscher Rundfunk
für
DasErste