SENDETERMIN Mi., 03.11.21 | 21:45 Uhr | Das Erste

Werbetracker: Wie Algorithmen unser Verhalten beeinflussen

PlayEin Mann schaut mit einer Lupe auf einen Rechner.
Werbetracker: Wie Algorithmen unser Verhalten beeinflussen | Bild: IMAGO / agefotostock

• Durch Werbe-IDs können Unternehmen Daten sammeln und Verhaltens-Profile non Nutzern erstellen.
• Das Prinzip nennt sich Targeting.
• Genutzt wird es unter anderem, damit Apps ordungsgemäß laufen.
• Aber auch, um personalisierte Werbung zu schalten.
• Datenaktivist Max Schrems hält die Werbe-IDs auf Handys für illegal.
• Er klagt gegen Google vor dem Europäischen Gerichtshof.

Julia ist 21 und lebt in Essen. Seit drei Jahren ist sie wegen Magersucht in Behandlung. Sie zeigt uns ihren Account bei Instagram. Die Werbung, die ihr ausgespielt wird, ist voller über-schlanker Menschen, die oft Ernährungs-Produkte anpreisen. Immer wieder dreht es sich um Essen, Proteine und Ballaststoffe. Julia ist sicher, dass ihr diese Werbung nicht guttut. Die endlosen Bilder von schlanken Models haben ihre Magersucht zwar nicht ausgelöst, aber verstärkt. Weil man sich mit den Dingen aus der Werbung "ganz schnell vergleicht", sagt sie. "Du bist schlank, du bist schön, du bist diszipliniert. Aber niemand hat mir gesagt, dass ich ständig frieren werde, dass ich vernebelt im Kopf bin, dass ich nicht denken kann."

Eine Frau tippt auf einer Bank am Handy.
Julia nutzt weniger Instagram. Seither geht es ihr besser. | Bild: MDR

In einem Klinikum in Essen wird Julia von Eva Skoda behandelt. Sie erlebt immer wieder junge Frauen, die durch Social Media tiefer in die Magersucht getrieben werden. Sie macht dafür auch personalisierte Werbung verantwortlich. "Diese Werbung ist natürlich nicht gefiltert, ob das jetzt gesund ist oder nicht", ärgert sich die Ärztin. "Sondern das kann sehr ungesunde Werbung sein, die wir da angezeigt bekommen. Zum Beispiel für Abnehm-Präparate oder für irgendwelche Fitnessgeräte. Die treiben dann die Spirale weiter."

Unternehmen erstellen Verhaltens-Profile

Jeder Handy-Nutzer erhält eine Werbe-ID. Unter ihr werden Daten gesammelt — genutzte Apps und Webseiten, Standorte, gelikte Fotos oder Suchanfragen. Algorithmen errechnen daraus ein Verhaltens-Profil des Nutzers. Entsprechend wird dann personalisierte Werbung angezeigt, wie bei Julia Beautyprodukte für Magersüchtige. Das Prinzip dahinter heißt Targeting.

Daran wird immer mehr Kritik laut, es wird mehr Schutz für Verbraucher gefordert. "Man müsste manche Themen von dieser personalisierten Werbung ausnehmen", betont die Medizinerin Eva Skoda. Diese müssten dann auch bei der Erstellung der Algorithmen außen vorbleiben, um nicht angezeigt zu werden.

Eine Frau sitzt hinter einem Schreibtisch.
Eva Skoda ist Ärztin und ärgert sich: "Diese Werbung ist natürlich nicht gefiltert, ob das jetzt gesund ist oder nicht". | Bild: MDR

Facebook hat das Problem eingeräumt und Besserung versprochen. Doch ob der Konzern auch Taten folgen lassen wird, ist fraglich. Facebook hat sich gerade in Meta umbenannt und will virtuelle Welten entwickeln. Kritiker halten das für ein Ablenkungsmanöver von Firmenchef Marc Zuckerberg.

Datentransfer rund um die Uhr

Große Player wie Facebook, Google, aber auch Amazon, Apple und Microsoft nutzen Targeting aktiv. Inzwischen ist eine eigene Industrie entstanden. Ben Jeger arbeitet in Berlin für eine große Firma, die Handy-Daten analysiert, zu Marketing-Zwecken. Er weiß ganz genau, wie Nutzerdaten gesammelt werden. Er zeigt es uns am Smartphone mit einem Datenschutz-Tool: "Wenn wir hier auf Facebook klicken, kann man sehen, mit welchen Domains die Facebook-App kommuniziert hat. Eine lange Liste. Viel Kommunikation mit Google Add-Services, Doubleclick, Google Analytics und so weiter."

Spitzenreiter ist eine Nachrichten-App: 160 Mal hat sie Daten ausgetauscht und das mit vielen verschiedenen Servern. Welche Informationen sie an wen verschickt hat, bleibt unklar. Auch wenn das Smartphone nicht benutzt wird, läuft der Datentransfer munter weiter. Darin sieht Analyse-Experte Jeger noch kein Problem: "Es kann vollkommen legitim sein, dass diese Kommunikation stattfinden muss, um die App nutzbar zu machen."

Ein Mann hält ein Smartphone in der Hand.
Ben Jeger analysiert die Kommunikation zwischen Apps und Servern. Nicht immer stecke eine "Datenkrake" dahinter. | Bild: MDR

Das Problem: die fehlende Transparenz

So werden mitunter auch Bewegungsprofile erstellt. Die Schuh-Kette Timberland etwa zeigte Werbung nur jungen Menschen, die oft in hippen Läden waren. Viele ahnten nicht, dass sie getrackt wurden. Das Ergebnis: sechs Prozent mehr Kunden. Und die Konzerne haben Verhaltensprofile von Milliarden Menschen gesammelt. Oft reichen sie über Jahre zurück, so Datenschutz-Aktivist Maximilian Schrems. "Wenn wir uns vorstellen, der Staat darf uns zum Beispiel nicht in einer Art Vorratsdatenspeicherung so stark überwachen, allerdings für getargetete Werbung machen das jetzt Privatunternehmen. Da muss man sich schon die Frage stellen, wo da noch die Balance sein soll", sagt Schrems.

Ein Handydisplay mit Schrift.
Targeting wird seit 1995 genutzt und ausgebaut. | Bild: MDR

Großes Geschäft auf illegaler Basis?

Google hat letztes Jahr 157 Milliarden Euro Umsatz gemacht, davon geschätzt 80 Prozent aus personalisierter Werbung. Facebook kommt im letzten Quartal auf 25 Milliarden Euro Umsatz, davon 24,4 Milliarden aus Werbe-Erlösen, satte 33 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Dabei sei Online-Tracking in Europa illegal, erklärt Schrems: "Die DSGVO ist da ganz klar. Ich habe eigentlich keine Rechtsgrundlage dafür. Die einzige Möglichkeit ist, dass Nutzer ihr Grundrecht auf Datenschutz aufgeben und das tun sie, indem sie auf irgendeinem Banner "Ja" klicken."

Diese Banner sind inzwischen überall. Eine Flut von Zustimmungs-Fenstern mit endlosen Rechts-Texten überfordert die meisten Nutzer. Viele klicken schnell auf "Verstanden", "Akzeptieren" oder "Ich stimme zu". Dabei müsste die Zustimmung laut Gesetz "voll informiert" sein, sagt Datenschutz-Expertin Asia Biega vom Max-Planck-Institut für Sicherheit und Privatsphäre Bochum. "Wenn der Nutzer gar nicht versteht, wie der Algorithmus funktioniert oder wie seine Daten verarbeitet werden. Wie soll eine Zustimmung dann voll informiert sein?", bekräftigt sie.

Eine Frau sitzt in einem Flur.
Asia Biega, Max-Planck-Institut für Sicherheit und Privatsphäre Bochum, kritisiert die unübersichtliche Banner-Flut. | Bild: MDR

Klage vorm Europäischen Gerichtshof gegen Werbe-ID

Der Widerstand gegen die Datensammel-Wut von Facebook, Google und Co. nimmt zu. Die EU plant ein Gesetz über digitale Dienste. Es verpflichtet große Plattformen, bei ihren Algorithmen transparenter zu sein. Internet-Aktivist Max Schrems hat zweimal vor dem Europäischen Gerichtshof gegen Facebook gewonnen. Jetzt hat er Google verklagt: Er hält die Werbe-IDs auf unseren Handys für illegal. Er wirft dem Giganten "bewussten Rechtsbruch" vor, der "kalkuliert" sei. "Solange es nicht genug wehtut, wird das Recht da weiter gebrochen werden. Und ich glaube, das müssen wir in Europa realisieren und feststellen: Okay, wir müssen da auch wirklich mal ordentlich draufhauen, weil sonst wird's keine Konsequenz geben", sagt der Datenschutz-Aktivist.

Ein junger Mann spricht in die Kamera.
Datenaktivist Maximilian Schrems verklagt Google vor dem Europäischen Gerichtshof. | Bild: MDR

Autoren: Matthias Weidner, Johannes Beese
Bearbeitung: Carmen Brehme

Stand: 04.11.2021 08:36 Uhr

1 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi., 03.11.21 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
für
DasErste