SENDETERMIN Mi., 21.07.21 | 21:45 Uhr | Das Erste

Folgenschwere Wetterkatastrophen: Was kostet uns der Klimawandel?

PlayIn der Eifel haben Überflutungen nach heftigen Regenfällen schwere Verwüstungen verursacht. Im Ahrtal trat der Fluss vielerorts über die Ufer und überschwemmte ganze Ortschaften – wie hier zwischen Dernau und Walporzheim..
Folgenschwere Wetterkatastrophen: Was kostet uns der Klimawandel? | Video verfügbar bis 21.07.2022 | Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt

  • Durch die Flutkatastrophe stehen viele Menschen vor dem Aus: Ganze Existenzen sind durch die braune Flut weggespült – der Schaden noch nicht messbar.
  • Die Prognose zeigt: Schäden durch Hochwasser werden zunehmen und das in Milliardenhöhe.
  • Die Klimapolitik der Länder will sich nun ändern. NRW möchte unter anderem bis 2025 klimaneutral werden.
  • Doch reichen die Pläne der Parteien aus? Die Zukunft mit ihren Klimakonsequenzen ist längst da.

Die kleine Gemeinde Dernau im Landkreis Ahrweiler war mal ein gemütlicher Ort. Jetzt sieht es hier so aus: Das Hochwasser hat in der Eifel seine Spuren hinterlassen:  Tod. Zerstörung. Verzweiflung. Werner Schuhmacher ist betroffen: "Wir wissen jetzt nicht, wie es weitergehen soll. Ich weiß im Moment auch nicht weiter. Alles, was man sich aufgebaut hat und ein bisschen gespart hat, für die Kinder vielleicht später…" Weitere Anwohner schildern: "Die Leute sind sehr traurig, weil auch viele keine Versicherung haben. Ich selbst habe auch keine Versicherung gegen Elementarschäden.“

Viele haben alles verloren

Noch sind sie hier mit Aufräumen beschäftigt. Vieles ist schrottreif und vieles muss weg. Doch für manche ist jetzt schon klar: Sie haben alles verloren. Ihr ganzes materielles Leben – weggespült von einer schmutzig-braunen Brühe. Allein die Hochwasserschäden nur in Privathäusern und Kleinbetrieben waren schon immer teuer genug. Zum Beispiel im Jahr 2000, da kamen statistisch 480 Millionen Euro zusammen – ohne Orkane oder andere Unwetter.

Das Potsdam-Institut prognostiziert, dass die Hochwasserschäden weiter zunehmen werden. Für 2040 könnten es schon rund 1 Milliarde werden, für 2070 mehr als 1,3 – und am Ende des Jahrhunderts vielleicht sogar über 2 Milliarden Euro.

Eine Autobahn ohne Autos: Die A1 zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Bei Hürth ist sie immer noch voll gesperrt. Roland Nolte, Pressesprecher Autobahn GmbH des Bundes, bittet um Geduld: "Wir setzen alles daran, die Autobahninfrastruktur wieder ans Laufen zu kriegen. Die Kollegen arbeiten in den letzten Tagen Tag und Nacht. Ein bisschen Geduld müssen die Verkehrsteilnehmer haben." Das gilt für viele Kommunen, nicht nur in der Eifel: Ortsstraßen, Bundesstraßen, Autobahnen – mehrere hundert Millionen Euro Schaden, so erste vorsichtige Schätzungen. Ein ähnliches Bild bei der Bahn. 600 Kilometer Strecke soll das Katastrophen-Hochwasser beschädigt haben: Gleise, Weichen, Stellwerke, Bahnhöfe. 1,3 Milliarden Euro könnten diese Reparaturen kosten. Das Wasser wird irgendwann weg sein. Die Schäden aber werden noch lange bleiben.

Autos stehen auf der überfluteten Bundesstraße 265 im Wasser.
Autos stehen auf der überfluteten Bundesstraße 265 im Wasser. | Bild: picture alliance/dpa / Marius Becker

Am stärksten betroffen sind die Bundesländer Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Armin Laschet, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, CDU, beschreibt es so: "Wir haben die Hitzebilder aus Kanada gesehen, wir merken doch alle, was sich in der Welt verändert, und jetzt im Moment merken wir es in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen in ganz besonderer Weise."

Immerhin scheint man jetzt in der Politik etwas "zu merken". Malu Dreyer, SPD, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz sagt: "Wer jetzt noch nicht begriffen hat, dass der Klimawandel seine Folgen hat, dem kann man nicht mehr helfen."

Folgen in Milliardenhöhe

Folgen gibt es auch für die Finanzhaushalte. Am 21.07.2021 haben Bund und Länder eine erste Soforthilfe von 400 Millionen Euro auf den Weg gebracht. Ein Schnellschuss, denn mittelfristig werden Milliarden gebraucht. Und teuer wird es ebenfalls für die Versicherungswirtschaft. Die Rechnungen wegen Extrem-Wetters gehen für die Versicherungen in die Milliarden. Besonders zerstörerisch war das Elbhochwasser im Jahr 2002. Die Versicherungen mussten in diesem Jahr für die Sachschäden fast 11 Milliarden zahlen. Oder der Orkan Kyrill fünf Jahre später: Eine Schneise der Verwüstung. Mit einem Schadensjahr von insgesamt mehr als 6 Milliarden Euro war das der teuerste Sturm seit langem. Und das Hochwasserjahr 2013 war mit über 9 Milliarden ebenfalls extrem teuer. Auffällig ist: Im Durchschnitt steigen die Kosten von Versicherungsschäden immer weiter an. Die aktuelle Katastrophe könnte alles noch um ein Vielfaches übersteigen. Malu Dreyer sagt: "Die Regierung hat sich da viele Ziele vorgenommen, weil wir können eigentlich nicht in die Zukunft gehen und immer wieder solche Ereignisse erleben. Wir müssen an die Ursache genauso intensiv gehen."

Klimaschutz der Länder

Die Ampel-Koalition unter Malu Dreyer ist am Ball. Sie will sogar mehr Klimaschutz als die Bundesregierung und den Strom ab 2030 nur noch aus erneuerbaren Energien erzeugen. Die aktuelle Bundesregierung will sich 20 Jahre länger Zeit lassen. Die Abstände zwischen Windrädern und Ortschaften werden verringert. Außerdem ist eine Solaranlagen-Pflicht für gewerbliche Neubauten beschlossen, denn Solarstrom soll verdreifacht werden. Der Unions-Ministerpräsident aus Düsseldorf sieht sein Bundesland als Vorreiter: "Wir steigen, wie Sie vielleicht mitbekommen haben, aus der Braunkohleverstromung aus. Wir sind das Bundesland, das mehr als jedes andere Bundesland Co2 reduziert." Die CDU-FDP-Regierung hat zwar erst vor 3 Wochen beschlossen, dass NRW 2045 klimaneutral werden soll, doch die Umweltschutzbilanz der Regierung Laschet fällt bisher nüchtern aus:

Bei der Braunkohle hat sie auf den falschen Partner gesetzt: Statt auf die Klimawarner auf RWE. Und beim Windkraftausbau hat Laschet sogar gebremst und den Abstand von Windrädern zu Wohngebieten vergrößert. Die Folge: weniger Standorte für Windräder. Übrigens: Das heftig umstrittene Kohlekraftwerk Datteln 4 liegt nur knapp 400 Meter von den nächsten Wohnhäusern entfernt. Als eine der ersten Maßnahmen zu Regierungsbeginn haben CDU und FDP in Düsseldorf sogar eine Idee der Vorgängerregierung rückgängig gemacht. Die wollte versiegelte Flächen begrenzen – zugunsten besseren Stadtklimas und größeren Ausweichflächen bei Hochwasser. So eine Politik baden am Ende die Bürger aus.

Durch die Flutkatastrophe zerstörtes Möbiliar liegt auf einem Feld in Bad Münstereifel.
Durch die Flutkatastrophe zerstörtes Möbiliar liegt auf einem Feld in Bad Münstereifel. | Bild: picture alliance/dpa / Marius Becker

Die Existenz vor dem Aus

Es ist ein Gang ins Ungewisse. Monika und Werner Wegmann-Jung haben eine Zahnarztpraxis in Altenahr. Sie dürfen das erste Mal nachschauen, was Flut und Schlamm übrig gelassen haben von ihrer beruflichen Existenz. Der erste Blick: "Ach Du lieber Gott". Mobiliar, Geräte. Und: Der Fußboden ist zehn Zentimeter abgesackt. Ist das Haus zu retten? Monika Wegmann-Jung ist sprachlos: "So sprachlos, dass ich noch nicht mal irgendwelche Emotionen habe. Es ist noch nicht mal ein Schock. Es ist einfach als ob alles tot ist irgendwie."

Berufliche Träume sind einfach weggespült. Von Janinas Beauty-Salon in Schleiden-Gemünd ist nichts mehr übrig. Sie sagt: "Das ist nämlich einfach der ganze Traum hier. Das war nämlich mein Traum. Es war mein Beauty-Traum und es ist alles im Arsch!" Die zerstörerische braune Brühe – sie bringt auch Unternehmen an den Rand der Existenz. Und viele werden wohl sehr lange wirtschaftlich kämpfen müssen.

Die Gefahr steckt nicht im Unwetter alleine

Unwetter sind jedoch nicht die einzige Klimabedrohung. Auch Hitzewellen und Dürre können teuer zu stehen kommen. Das DIW nimmt an, dass ohne geeignete Klimaschutzmaßnahmen bis 2050 allein Ernteausfälle mindestens 3 Milliarden Euro kosten könnten. Für andere Branchen sieht die Prognose noch schlechter aus: 61 Milliarden können im Gesundheitssektor anfallen, wenn zum Beispiel subtropische Krankheiten vermehrt auch bei uns auftreten. Insgesamt werden alle Auswirkungen des Klimawandels bis 2050 auf rund 800 Milliarden Euro geschätzt. Es gibt andere Prognosen, die von noch mehr ausgehen.

Spiegeln die aktuellen Programme für die Bundestagswahl die Dramatik der Klimakatastrophe wider? Praktisch alle Parteien haben dazu Texte, die Grünen liefern am meisten und verbindlichsten. Auch die CDU will "Treibhausgasneutralität verbindlich bis 2045". Armin Laschet fordert: "Industrieland bleiben und Klimaschutzziele erreichen".

Doch die Union will eher mit altbekannten Mitteln unter anderem Klimaschutz betreiben. Das Wahlprogramm des NRW-Ministerpräsidenten ist ein kräftiges "weiter so" mit grünem Anstrich. Für die SPD ist der "Kampf gegen den Klimawandel" eine von vier "Zukunftsmissionen". Aber wann ist die Zukunft? Bei einigen Parteien wird übrigens das Wort "Klimakatastrophe" vermieden. Es ist immer nur vom viel beruhigenderen "Klimawandel" die Rede. Reichen die Wahlprogramme also noch?

Die Flutkatastrophe hat alles durcheinandergewirbelt: So sieht die Realität aus – die Zukunft ist in der Gegenwart angekommen.

Bericht: Burkhard Vorländer, Sascha Schwarz und Melissa Leonhardt

Ein Beitrag des Westdeutschen Rundfunks für Das Erste

Stand: 21.07.2021 22:49 Uhr

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