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Leere Regale, lange Lieferzeiten: Wie sicher ist die Versorgung?

PlayContainerumschlag in Logistikzentrum
Leere Regale, lange Lieferzeiten – wie sicher ist die Versorgung? | Video verfügbar bis 08.04.2021 | Bild: plusminus

• In der Corona-Krise zeigen sich Lieferengpässe.
• Transport- und Logistikunternehmen erhöhen ihre Sicherheitsmaßnahmen und versuchen, ihr Geschäft an die aktuellen Gegebenheiten anzupassen.
• Viele priorisieren bei der Auslieferung.
• Trotz der Beschränkungen hat sich in der Logistik-Branche die Lage wieder etwas normalisiert.
• Wann die Lieferengpässe wieder behoben sind, ist noch nicht absehbar.

leeres Regal in einem Supermarkt
Leere Regale: Wie sicher ist unsere Versorgung? | Bild: imago images/Martin Wagner

Familie Knopf aus Leipzig beim Online-Shopping. Kurz vor Ostern will sich Familie Knopf aus Leipzig etwas gönnen und sich im Internet eine Tischtennisplatte bestellen. Doch dabei gibt es eine böse Überraschung. Als Lieferzeit werden "61 bis 63 Tage" angezeigt.

Der Onlineshop hat Puzzle-Spiele und andere, handlichere Waren auf Lager, doch auch sie können nicht kurzfristig geliefert werden. Offenbar fehlt es an Transportkapazität. "Egal, was man sucht im Internet: Bei den meisten Kinderspielen hat man vor Ostern keine Chance mehr", lautet das Fazit von Familienvater David.

Leere in einst vollen Regalen

Familienvater David Knopf beim Einkaufen
Familienvater David Knopf beim Einkaufen | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Er macht sich auf den Weg in den Supermarkt, wegen Corona diesmal ganz allein. Dort erlebt er zwischen leeren Regalen für Nudeln, Mehl oder Hygieneprodukte auch einen Lichtblick: "Ich bin begeistert: Der erste Laden seit zwei Wochen, wo ich wieder Toilettenpapier finde." Am Ende ist der Einkaufswagen voll, doch während Verbraucher stets gut gefüllte Regale gewohnt waren, fehlt nun immer irgendetwas. Das ist nicht nur für die Kundschaft ärgerlich, sondern auch für die Händler selbst, wie Steve David, Bereichsleiter bei Globus Leipzig-Seehausen, umschreibt: "Also Schwierigkeiten ist vielleicht das falsche Wort, Herausforderung. Wir haben einfach die Herausforderung zu sagen, dass wir wirklich den Kunden vollumfänglich die Ware präsentieren können."

Hamburger Hafen: Alles außer China

Hafen Hamburg
Nach wie vor kommt neue Ware im Hamburger Hafen an.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Im Hamburger Hafen kommen wegen Corona derzeit weniger Güter aus China an. Der Handel mit dem Rest der Welt sei bisher aber stabil. Trotz der besonderen Sicherheitsmaßnahmen beim Entladen der Schiffe läuft der Warenumschlag – bisher – ohne Probleme weiter, wie Axel Mattern vom Hafen Hamburg Marketing erklärt: "Die Betriebe haben sich auf diese Situation eingestellt. Es werden in Kleinstgruppen die Mitarbeiter quasi zusammengefasst, dass man immer in der Lage ist, weiterzuarbeiten."

Fraport: Die Frachtkapazität von Passagiermaschinen fehlt

Peter Gerber, CEO von Lufthansa Cargo
Peter Gerber, CEO von Lufthansa Cargo | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Anders sieht es am größten Fracht-Flughafen Deutschlands aus. Die Maschinen, die in Frankfurt am Main landen, bringen vor allem Medikamente und elektronische Geräte, aber auch teure Südfrüchte. Vieles davon wurde vor Corona in den Bäuchen von Passagiermaschinen transportiert – die aber nicht mehr fliegen. "Wir haben natürlich lokale Einschränkungen. Das heißt, es gibt viele Orte, an denen wir nur mit unseren Passagierflugzeugen geflogen sind, und die können wir jetzt leider nicht mehr anfliegen", sagt Peter Gerber, CEO von Lufthansa Cargo.

Transport nach Wichtigkeit

Fracht wird in ein leeres Passagierflugzeug geladen.
Anstelle von Passagieren wird nun Fracht auf den Plätzen mitgenommen. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Ein Ausweg: Fracht wird je nach Wichtigkeit in Passagiermaschinen gepackt. So wurden Anfang April etwa zwei Millionen Atemschutzmasken aus China für deutsche Krankenhäuser eingeflogen. Andere Waren werden dagegen nicht mitgenommen. Peter Gerber beschreibt die Situation anhand eines ganz bestimmten Problems: "Es gab eine Knappheit an Computern, weil alle ins Homeoffice gegangen sind. Laptops fehlten, die so schnell eben mit den Schiffen nicht herbei zu transportieren waren. Die mussten wir jetzt fliegen. Und da gab es jetzt erstmal nicht für alles Kapazität, sodass der eine oder andere, glaube ich, jetzt schon auf seinen Laptop ein bisschen warten musste."

Oliver Blum, Leiter des Frischezentrums am Flughafen Frankfurt
Oliver Blum leitet das Frischezentrum am Flughafen Frankfurt | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Die geringere Frachtkapazität wird auch im Frischezentrum des Flughafens spürbar. Hier kommen exotische Früchte und Schnittblumen an, um weiter in alle Teile Deutschlands transportiert zu werden. Durch Corona, so Oliver Blum, der Leiter des Frischezentrums, sei die Menge um etwa ein Drittel eingebrochen: "Das ist natürlich schon merkbar in den weiteren Lieferketten. Wir sind als Frankfurter Flughafen, Frankfurter Frische-Zentrum dafür verantwortlich, die Ware auch innerhalb von Deutschland zu verteilen. Und da merkt man schon, dass wir weniger Lkw einsetzen und das auch entsprechend weniger Ware ausgeliefert wird."

DHL-Hub Leipzig: Anstieg auf Vorweihnachtsniveau

DHL kämpft am Drehkreuz Leipzig anders gegen die Pandemiefolgen. Trotz Corona landen hier die Maschinen im Minutentakt, trotz Corona. Laut DHL arbeitet die Belegschaft Tag und Nacht, um die Handelsströme aufrechtzuerhalten. "Der sehr plötzliche Anstieg auf nunmehr schon Vorweihnachtsniveau pro Tag in unserem Netzwerk zeigt uns, dass gerade auch kleine Händler verstärkt auf DHL setzen", beschreibt das Unternehmen die gegenwärtige Situation. Auch die Zustellung der meisten Pakete erfolge meist pünktlich, trotz verschärfter Sicherheitsmaßnahmen.

Amazon: Priorisierung und neue Mitarbeiter

Thomas Wimmer, dem Vorstandsvorsitzenden der Bundesvereinigung Logistik e.V.
Thomas Wimmer plädiert auch für Priorisierung. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Einen Boom erleben die großen Online-Händler wie Amazon. Besondere Sicherheitsmaßnahmen in den Versandzentren sollen den Betrieb am Laufen halten. Zudem sollen 350 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt werden, um Lieferengpässe abzubauen. Dennoch setzt man auch hier vorerst auf Priorisierung: "Wir konzentrieren uns weiterhin auf den Eingang und Versand von Produkten, die Kunden in dieser Zeit dringend benötigen." Weniger wichtige Produkte werden also verzögert verschickt. Für Thomas Wimmer, dem Vorstandsvorsitzenden der Bundesvereinigung Logistik e.V., ist das eine richtige Entscheidung: "Dann sind wir uns sofort einig, dass hübsche Schuhe, Accessoires, Kinderspielzeug sicherlich nicht systemrelevant sind und dass es andere Bereiche gibt, auf die man sich fokussieren muss."

Logistik-Branche: Der Ton wird freundlicher und die Lage normaler

Lkw-Fahrer Torsten Busch
Lkw-Fahrer Torsten Busch | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Das tun auch die Mitarbeiter der Speditionen. Hat Torsten Busch aus der Nähe von Leipzig früher Autoteile transportiert, sind es jetzt Hygieneartikel. Trotzt aller Überstunden, die er zur Zeit schieben muss, sieht der Lkw-Fahrer auch Positives: Der Umgang in der sonst recht rauen Logistik-Branche ist freundlicher geworden: "Da bekommt man dann als Fahrer sein Fress-Paket, wenn man früh hinfährt. Das finde ich schon eine nette Geste, weil das vorher nicht so war. Aber die Leute wissen ja, sie sind halt in einer gewissen Weise von uns abhängig."

Als die europäischen Länder im März ihre Grenzen schlossen, brach in der Branche erst einmal Chaos aus. Doch jetzt scheint sich die Lage in der Logistik zu entspannen. Viele osteuropäische Fahrer, die damals in ihre Länder zurückkehren mussten, sind zurück und fahren wieder ihre Touren innerhalb Deutschlands.

Ende noch nicht in Sicht

Christoph Werner, Geschäftsführer von dm
Christoph Werner, Geschäftsführer von dm | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Bleibt die Frage, wann die Engpässe in den Läden endlich überwunden sind? Diese Frage kann man auch bei der größten Drogeriemarkt-Kette nur vage beantworten. Christoph Werner, Geschäftsführer der Drogeriemarkt-Kette dm sagt: "Wir gehen davon aus, dass, wenn sich die Rahmenbedingungen wieder ändern, dann auch die Nachfrage im Einzelhandel zurückgehen wird. Und dann werden sich die Pufferlager wieder aufbauen und dann wird sich das wieder normalisieren."

Wann genau das ist, weiß jedoch niemand. Familie Knopf aus Leipzig wird zu Ostern jedenfalls kein Tischtennis spielen. Die Suche nach einer lieferbaren Platte hat sie vorerst aufgegeben.

Autorinnen und Autoren: Thomas Niemann, Deborah Zocher, Johannes Beese, Matthias Weidner
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 09.04.2020 11:43 Uhr

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