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Bilanzskandal um Wirecard

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Bilanzskandal um Wirecard | Video verfügbar bis 24.06.2021 | Bild: picture alliance / Tobias Hase

  • Haben sich 1,9 Milliarden Euro auf den Philippinen mal einfach so in Luft aufgelöst? Oder gab es sie schlichtweg nie?
  • Diese Frage hat die Aktien des deutschen Zahlungsdienstleister Wirecard ins Bodenlose stürzen lassen und die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen.
  • Verglüht nun der helle Börsenstern in einem Finanzskandal? Wie konnte es so weit kommen?

Mit innovativer Technik kennt sich Frank Thelen aus. Er gibt Start-ups Geld und investiert an der Börse. Mitte Juni kaufte er im großen Stil Aktien von Wirecard – jetzt sind sie kaum noch etwas wert, klagt der Investor, es fühle sich so an, "als wären viele Leute involviert und als hätten sie uns eine Firma vorgegaukelt, die es nicht gibt."  Nicht nur für Großaktionäre und institutionelle Investoren – der Bilanzskandal von Wirecard ist auch für viele Privatanleger eine Katastrophe resümiert der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V., Daniel Bauer, das Desaster, das sich um Wirecard in den vergangenen Tagen abgespielt hat: "Da stehen tatsächlich auch Existenzen auf dem Spiel. Und für viele Anleger ist auch ein großer Teil der Altersvorsorge verloren gegangen."

Wer hat Schuld am Wirecard Desaster?

Viele geben Markus Braun die Schuld, Gründer und bis vergangenen Freitag Vorstandschef der Wirecard AG. Vorgestern wurde er festgenommen und kam dann gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro frei. Nach ihren bisherigen Ermittlungen lege die Staatsanwaltschaft München I dem Beschuldigten zur Last, gegebenenfalls im Zusammenwirken mit weiteren Tätern "die Bilanzsumme und das Umsatzvolumen der Wirecard AG durch vorgetäuschte Einnahmen aus Geschäften mit sogenannten Third-Party-Acquirern (TPA) aufgebläht zu haben, um so das Unternehmen finanzkräftiger und für Investoren und Kunden attraktiver darzustellen."

Im Fokus: angebliche Bankguthaben auf Treuhandkonten bei zwei philippinischen Banken in Höhe von mehr als 1,9 Milliarden Euro. Das ist ein Viertel der Bilanzsumme. Wirecard hatte in der Nacht von Sonntag auf Montag gegen 3:00 Uhr früh in einer Adhoc-Mitteilung selbst erklärt, dass diese Bankguthaben "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen

Wo sind die 1,9 Milliarden Euro? 

Rückblick: Der Aufstieg von Wirecard war rasant: Vom Zahlungsabwickler für Porno- und Glücksspielseiten zum Global Player. Viele feierten, dass es endlich ein deutsches Tech-Unternehmen gibt, das es mit amerikanischen und chinesischen Konzernen aufnehmen kann.

Ex wirecard Vorstandsvorsitzender Markus Braun festgenommen!.
Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Markus Braun | Bild: picture alliance / Sven Simon

Und so ist das Geschäftsmodell gestaltet: Kunden zahlen immer häufiger elektronisch, sowohl im Handel als auch Online, mit Kredit- oder EC-Karten. Wirecard wickelt die Zahlung für die Händler ab.  Bei jeder Überweisung verdient Wirecard einen kleinen Betrag. Die Menge macht's. Das Aschheimer Unternehmen wuchs, setzte Milliarden um und verdrängte 2018 sogar die Commerzbank aus dem deutschen Aktienindex, dem Dax.

Dabei gibt es schon länger Berichte, Wirecards Bilanzen seien manipuliert. Die Financial Times veröffentlicht seit Januar 2019 eine Reihe von Artikeln mit schweren Anschuldigungen. Immer wieder schwankte der Börsenkurs daraufhin stark. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin vermutet damals eine Attacke von Leerverkäufern, also Finanzwetten auf einen fallenden Kurs – und verhängt ein Verbot solcher Geschäfte.

Wirecard, also Opfer von Spekulanten? Auch die Bafin glaubte das. Der Bilanzexperte Prof. Christoph Kaserer von der Technischen Universität in München (TUM) kritisiert die Aufsicht scharf: "Im Nachhinein ist das nahezu grotesk, was bei der Bafin passiert ist. Man hat sich sehr lange Zeit auf ein Narrativ eingelassen, welches vom Unternehmen kam, nämlich das Narrativ, dass das Unternehmen von Spekulanten und ausländischen Journalisten fertiggemacht werden soll."

Versagen der Wirtschaftsprüfer

Im Herbst 2019 gibt Wirecard eine externe Prüfung seiner Bücher in Auftrag. Alle Vorwürfe sollen umfassend aufgeklärt werden. Doch der Befreiungsschlag misslingt. Die Sonderprüfer von KPMG benennen entscheidende Schwachstellen im System. Bilanzmanipulationen decken sie aber nicht auf. Das geschieht erst jetzt im Juni durch die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY). Sie verweigern Wirecard das notwendige Testat für die Bilanz. Ein Donnerschlag.

Denn ein ungeheuerlicher Verdacht taucht auf: Die fragliche Summe von 1,9 Milliarden, die eigentlich auf philippinischen Treuhandkonten liegen sollte, ist nicht auffindbar.

Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters
Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters | Bild: picture alliance / Sven Hoppe

Wirecard wickelt einen Teil seiner Transaktionen mit sogenannten Drittpartner ab, vor allem in Asien. Dafür kassiert der Treuhänder Gebühren, die er auf ein Treuhandkonto für Wirecard einzahlt. Eigentlich. Für Professor Hansrudi Lenz von der Universität Würzburg ist klar, "dass der Betrug wesentlich über Drittparteien lief, über Treuhänder. Man kann vermuten, dass es Mittäter gab im Unternehmen, insbesondere Mittäter bei den Auslandstöchtern." 

Wie die Milliarden von Wirecard verschwinden konnten, dafür gibt es mehrere Vermutungen. Zum Beispiel: Es gab die Umsätze und dafür Gebühren in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Doch die landeten nicht auf den Treuhandkonten von Wirecard, sondern wurden vorher abgezweigt. Ein anderer Verdacht: Es fanden gar keine Umsätze statt. Zahlungsabwicklungen wurden vorgetäuscht. Trotzdem wurden dafür die Gebühren in die Bücher geschrieben. Alles Luftbuchungen. Hätte Wirecard das wissen können? Ja, meint Professor Christoph Kaserer, man müsse im Fall von Wirecard schon sehen, "dass man mit Herrn Braun jemand hat, der langjähriger Vorstandsvorsitzender im Unternehmen war, das Unternehmen in und auswendig kennt. Und deswegen halte ich es einfach nicht für besonders plausibel, dass man tatsächlich im Unternehmen davon nichts mitbekommen hat."

Und auch die von Wirecard beauftragten Wirtschafsprüfer müssen sich fragen lassen, warum sie erst vor wenigen Tagen Alarm geschlagen haben, meint Professor Hansrudi Lenz: "Ich würde sagen, das ist ein wirklich dramatisches Versagen des Abschlussprüfers, weil es eben so viele Hinweise gab, weil dieser Betrug natürlich nicht erst vor zwei Wochen begonnen hat, sondern sicherlich sich über die Jahre 2016 bis 2018 hingezogen hat."

Auf den Philippinen läuft weiterhin die Suche nach der gigantischen Summe von 1,9 Milliarden Euro. Und egal, was nun ermittelt wird, Aktionäre und der Finanzplatz Deutschland haben einen kaum wieder gut zu machenden Schaden erlitten.

Bericht: Josef Streule, Leonie Thim, Sabina Wolf

Stand: 24.06.2020 23:21 Uhr

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