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Wirecard-Skandal: Fehlleistungen des Wirtschaftsprüfers EY

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Wirecard-Skandal: Fehlleistungen des Wirtschaftsprüfers EY  | Video verfügbar bis 30.06.2022 | Bild: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON

  • Jahrelang hat der Zahlungsdienstleister Wirecard seine Bilanzen gefälscht. Doch die Wirtschaftsprüfer von EY segneten sie ab.
  • Interne Dokumente zeigen, wie plump die Manipulationen teils waren, und wie leicht EY sich hinters Licht führen ließ.
  • Für Wirecard-Aktionäre des insolventen Konzerns, die sich jetzt mit Hilfe einer Klage Schadensersatz von Wirecard holen wollen, könnten sich damit möglicherweise die Chancen erhöhen.

Wolfgang B. ist einer von Tausenden geschädigten Wirecard-Anlegern. Der Rentner aus München hat 2019 Aktien des Zahlungsdienstleisters gekauft – für einen niedrigen fünfstelligen Betrag. Das Geschäftsmodell von Wirecard hat ihn überzeugt. Und auch, dass der Wirtschaftsprüfer EY die Bilanzen stets uneingeschränkt abgesegnet hat: "Dann ist das natürlich für mich ein wesentlicher Hinweis darauf, dass ich dem vertrauen kann und dass ich da in beschränktem Umfang Geld investieren kann", erzählt der erfahrene Kleinanleger.

Plusminus hat interne Dokumente analysiert
Plusminus hat interne Dokumente analysiert | Bild: BR

Doch dann bricht im Juni 2020 Wirecard zusammen. 1,9 Milliarden Euro sind nicht auffindbar. Das Geld sollte zuletzt auf den Philippinen liegen, auf sogenannten Treuhandkonten. Doch diese Treuhandgelder hat es nie gegeben, erklärt Florian Toncar, der die FDP Mitglied Wirecard Untersuchungsausschuss des Bundestags war: "Die Gelder, die dort verbucht waren, existierten nicht. Sie existierten wahrscheinlich zu keinem Zeitpunkt, und alle Unterlagen rund um die Treuhandkonten haben sich als Fälschungen rausgestellt."

Interne Dokumente zeigen: EY fiel auf plumpe Fälschungen rein

Hätten die Fälschungen den Wirtschaftsprüfern von EY auffallen müssen? Plusminus hat interne Dokumente und Mailverkehr zwischen Wirecard und EY analysiert. Danach haben sich die Prüfer über Jahre mit teilweise plump gefälschten Papieren täuschen lassen. So erhält EY in den Jahren 2016 und 2017 zum Beispiel zwei offenbar manipulierte Salden-Bestätigungen. Den Dokumenten zufolge sollen auf Treuhandkonten bei einer Bank in Singapur 84 bzw. 86 Millionen Euro liegen. Die angeblich vom Wirecard-Treuhänder "Citadelle Corporate Services" unterzeichneten Bestätigungen sind mit einer Unterschrift und einem Stempel versehen.

Ein einfacher Klick in die Dokumenten-Eigenschaften offenbart: Im Februar 2017 hat ein "Oliver" Unterschrift und Stempel als Grafiken in die PDF-Dateien eingefügt.

Dokument mit Unterschrift und Stempel
Dokument mit Unterschrift und Stempel | Bild: BR

Bei "Oliver" dürfte es sich um den früheren Wirecard-Manager Oliver B. handeln, der von Dubai aus für eine Wirecard-Tochterfirma als Geschäftsführer gearbeitet hat. Er sitzt seit einem Jahr in Deutschland in Untersuchungshaft und gilt als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft München, die im Fall Wirecard ermittelt. Erstellt hat die PDF-Dateien ein Mitarbeiter von Oliver B. mit dem Spezialgebiet Webdesign. Der Anwalt von Oliver B. teilt schriftlich mit, wegen der laufenden Ermittlungen könne er sich nicht dazu äußern.

Trotz zahlreicher Auffälligkeiten – EY winkt Saldenbestätigungen durch

EY hat wegen der offensichtlichen Fälschungen nicht Alarm geschlagen. Auf Anfrage teilt die Prüfgesellschaft mit, ihr hätten Bestätigungen in Papierform vorgelegen und aus diesen "maßgeblicheren physischen Saldenbestätigungen war eine Manipulation für die Prüfer nicht ersichtlich". Nach Informationen von Plusminus lagen EY die manipulierten Dokumente allerdings auch in digitaler Form vor.

Zudem gab es weitere Auffälligkeiten: So ist auf einigen aus Singapur stammenden Dokumenten das jeweilige Datum in deutscher Schreibweise angegeben. Auf einer Saldenbestätigung des Treuhänders mit Datum "12.4.2019" fehlen Kontonummern und Angaben zur Bank – dabei es geht hier um rund 1,1 Milliarden Euro. Prof. Dr. Hansrudi Lenz, der an der Universität Würzburg Wirtschaftsprüfungswesen lehrt, ist "rätselhaft", warum EY diese auffälligen Saldenbestätigungen des Treuhänders einfach durchgewinkt hat: "Die ganze Existenz und Höhe der Umsatzerlöse, und da reden wir über die Hälfte der Umsatzerlöse von Wirecard, hing im Grunde genommen an der Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit dieser Saldenbestätigung. Da muss ich als Wirtschaftsprüfer also wirklich mit äußerster Sorgfalt und einer kritischen Grundhaltung rangehen."

Testkäufe – ausgewählt von Wirecard

Doch warum landet angeblich so viel Geld auf den Treuhandkonten in Asien? Entscheidend dafür sind die sogenannten Drittpartner: Al Alam in Dubai, PayEasy auf den Philippinen und Senjo aus Singapur. Weil Wirecard in Asien keine Lizenzen hatte, wickelten sie dort die Zahlungen ab. Die fälligen Provisionen wurden aber nicht an Wirecard überwiesen, sondern auf Treuhandkonten – angeblich als Sicherheit für Zahlungsausfälle. 

Die Prüfer nutzten Testkäufe.
Die Prüfer nutzten Testkäufe. | Bild: BR

Ob das Geschäft dieser Drittpartner in Asien überhaupt existierte – auch das musste EY eigentlich kontrollieren.  Die Prüfer nutzten dafür unter anderem Testkäufe. Interne EY-Unterlagen zeigen: Mit Kreditkarten von Wirecard kaufte ein Prüfer im Frühjahr 2019 bei mehreren Online-Shops ein, deren Zahlungen Drittpartnerabgewickelt haben. Allerdings: Die Online-Händler hat nicht EY ausgewählt, sondern Wirecard. Dies belegt eine Mail des Managers Oliver B. an die Prüfer: "Hinsichtlich der Testkäufe schlage ich vor, dass ich Ihnen bereits ein paar Webseiten vorschlage und Sie einfach mal ohne mich ‚testen‘." Für Prof. Dr. Hansrudi Lenz von der Universität Würzburg "ein ganz klarer Verstoß gegen Prüfungsstandards, die schriftlich niedergelegt sind und bei jeder Abschlussprüfung zu beachten sind. Also, das bringe ich meinen Studierenden sozusagen im dritten Semester, im zweiten Semester Wirtschaftsprüfung bei."

Die Berichte des Sonderermittlers – bislang geheim

Welche Rolle EY spielt – das wollte auch der Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags genauer wissen. Er hat dafür extra einen Sonderermittler eingesetzt. Die bislang geheimen Berichte des Ermittlers liegen Plusminus vor. Darin sind zahlreiche weitere Versäumnisse aufgelistet. So sei den Prüfern von EY nicht aufgefallen, dass hohe Millionenbeträge von Transaktionen durch den Drittpartner Al Alam in den Jahren 2016 und 2017 in zwei Quartalen exakt gleich angegeben wurden.

Wirtschaftsprüfer EY
Wirtschaftsprüfer EY  | Bild: BR

Auch standen den Prüfern Großteils nur unbestätigte Finanzdaten der Drittpartner zur Verfügung – wie wenig umfangreiche Umsatz- und Gewinnprognosen. Ob es die Geschäfte gab, ist laut des Berichts des Sonderermittlers nicht direkt bestätigt worden: "Insoweit bestehen keine tatsächlichen Nachweise, dass z. B. die Acquiring-Banken und Card Networks die Transaktionen tatsächlich akzeptiert haben", stellt der Ermittler fest.

Wir zeigen dem Experten Hansrudi Lenz den bislang geheimen Bericht des Sonderermittlers. Sein Fazit: "Wenn man das eben alles zusammen nimmt über die vielen Jahre, dann wäre meine Einschätzung schon, dass wir hier mindestens über grobe Fahrlässigkeit reden. Möglicherweise befindet man sich auch schon im Bereich des bedingten Vorsatzes oder des leichtfertigen und gewissenlosen Handelns."

Florian Toncar, Mitglied des Wirecard-Untersuchungsausschusses, bezeichnet den gesamten Bericht des Sonderermittlers als für EY "vernichtend". Bisher konnte EY die Veröffentlichung des Berichts verhindern. Der Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags will jetzt vom Bundesgerichtshof klären lassen, ob eine uneingeschränkte Veröffentlichung möglich ist.

Muss EY für Verluste von Anlegern haften?

Wolfgang B. hat als Anleger mit Wirecard viel Geld verloren. Er will jetzt klagen, um vom Prüfer EY Schadenersatz zu bekommen: "Hier hat EY einen entscheidenden Teil der Verantwortung und den zu tragen, dazu gehört auch eine finanzielle Beteiligung an den Verlusten des Aktionärs", so die Forderung des Kleinanlegers. 

EY bestreitet jede Pflichtverletzung
EY bestreitet jede Pflichtverletzung | Bild: BR

Kläger müssen dafür allerdings nachweisen, dass EY zumindest bedingt vorsätzlich gehandelt hat, also sehenden Auges falsche Testate erteilt hat. Laut Rechtsanwalt Marvin Kewe stehen die Chancen dafür gut: "Wir gehen davon aus, dass uns dieser Nachweis gelingen wird, weil wir einfach glauben, dass das gesamte Drittpartner-Geschäft so in dieser Form nicht existiert hat. Gleichwohl hat EY das Ganze testiert. Demzufolge müssen sie etwas geprüft haben, was nicht vorlag."

Der Wirtschaftsprüfer EY bestreitet jede Pflichtverletzung. Man habe nach bestem Wissen und Gewissen jedes Jahr umfangreiche Prüfungshandlungen durchgeführt. Am Ende werden Gerichte entscheiden, ob der Wirtschaftsprüfer für einen Teil des Schadens haften muss.

(Bericht: Josef Streule, Arne Meyer Fünffinger/BR)
(Stand: Juni 2021)

Stand: 30.06.2021 22:44 Uhr

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