SENDETERMIN Mi., 21.04.21 | 22:00 Uhr | Das Erste

Dieselskandal bei Wohnmobilen mit Fiat-Motoren

PlayNun sind auch Wohnmobilbesitzer vom Diesel-Skandal betroffen.
Dieselskandal bei Wohnmobilen mit Fiat-Motoren | Bild: picture alliance/dpa | Marcel Kusch

  • Nach Messungen stoßen Wohnmobile mit Fiat-Motoren teils fast 20-mal mehr Stickoxide aus als erlaubt.
  • Betroffen sind Fahrzeuge der Abgasnorm Euro 5 und Euro 6 aus den Jahren 2016 bis 2019.
  • Weder Italienische Behörden noch die EU oder das KBA haben den Verkauf gestoppt, obwohl Problem seit Jahren bekannt ist.

Wohnmobilhersteller jubeln. Um 12 Prozent sind die Zulassungen allein im ersten Quartal 2021 gestiegen. Gerade in Corona-Zeiten entscheiden sich viele für einen Camper, um trotz der Pandemie ein bisschen Urlaub genießen zu können. Doch es ziehen dunkle Wolken über den Camping-Urlaubern auf: Denn nun sind auch Wohnmobile in den Dieselskandal verwickelt. Über 200.000 Fahrzeuge könnten betroffen sein.

Armin Kusch
Armin Kusch | Bild: BR

Unabhängig sein, die Natur genießen: Armin Kusch hat sich den Traum vom Wohnmobil erfüllt. Rund 60.000 Euro hat er für den Wagen hingelegt und war mit seinem Kauf erstmal zufrieden, bis er vor wenigen Wochen in einem Internet-Forum las, dass sein fast neues Wohnmobil viel mehr giftige Stickoxide ausstößt als erlaubt. "Das Problem, dass Fiat bei dem Diesel womöglich geschummelt hat", sagt er "und die Abschalteinrichtung nach 22 Minuten abschaltet und ich überhaupt keine Euro-Norm mehr habe. Und wenn ich das Auto verkaufen will, habe ich den Schaden."

Nun will er klagen – gegen den Händler, der ihm den Camper verkauft hat. Sein Wohnmobil der Marke Pössl basiert auf dem Fiat-Modell Ducato. Und in dem soll eine illegale Abschalteinrichtung verbaut sein.

Klagewelle in der Wohnmobil-Szene

Der Anwalt Markus Klamert vertritt Hunderte Wohnmobilbesitzer. Die meisten Klagen richten sich gegen Fiat. Die Mandanten befürchten Wertverlust, Fahrverbote und sogar Stilllegungen.

Markus Klamert
Markus Klamert | Bild: BR

Der Rechtsanwalt berichtet sogar von dramatischen Fällen: "Dazu kommt noch, dass die meisten Wohnmobilbesitzer sehr viel Zusatzanbauten in ihrem Fahrzeug haben und ganz viele hohe Kredite aufgenommen haben oder aber Haus und Hof verkauft haben, um die nächsten 20 Jahr zusammen mit dem Partner oder der Partnerin die Welt zu bereisen. Insofern steckt da unter Umständen ein ganzes Lebensschicksal dahinter."

Aus für den Lebenstraum

Ronny Neubert hat sich ein Wohnmobil gekauft, um darin zu leben. Das Fahrzeug ist noch nicht einmal zwei Jahre alt und soll von den Abgasmanipulationen betroffen sein. Er hat Fiat vertraut: "Ich habe mich für einen Fiat entschieden, weil ich dachte, dass das Fahrzeug sauber ist", so der Feuerwehrmann aus Dortmund.

Betroffenes Wohnmobil
Betroffenes Wohnmobil | Bild: BR

Ronny Neubert fährt nach Berlin, um seinen Camper dort überprüfen zu lassen von Axel Friedrich, der regelmäßig für die Deutsche Umwelthilfe Abgasmessungen durchführt. Mit seinem Team baut er eine professionelle Messanlage ein. Er hat schon einige Fiat-Fahrzeuge untersucht. Friedrichs Erfahrungen mit Fiat-Diesel-Fahrzeugen: "Fiat hat sehr simple Abschalteinrichtungen. Einmal nach Zeit oder nach Länge der Fahrt und nach Temperatur."

Katastrophale Messwerte

Auch bei den Messungen von Ronny Neuberts Wohnmobil kann man genau beobachten, wie sich die Stickoxid-Werte während der Fahrt verändern. Das Ergebnis der ersten Messrunde: Der Stickoxidausstoß ist extrem hoch: fast 20-fach über dem Grenzwert!

Axel Friedrich
Axel Friedrich | Bild: BR

Axel Friedrich ist entsetzt: "Das ist unglaublich. Da steht Euro 6 drauf, aber er hat nicht einmal die Euro-1-Grenzwerte eingehalten. Es ist ein Euro-0-Fahrzeug. Das heißt, das Fahrzeug hat Werte, die unglaublich hoch sind und das ist für mich unakzeptabel, wie man ein solches Fahrzeug auf den Markt bringen kann und Euro 6 drauf schreiben kann. Das ist Betrug."

Plusminus konfrontiert den Konzern Stellantis, zu dem Fiat inzwischen gehört mit dem Messergebnis. Die Antwort: "Wir können Messungen angeblich überhöhter Werte weder erklären noch kommentieren. (…) Unsere Ergebnisse entsprechen den geltenden Vorschriften und unsere Fahrzeuge sind von den zuständigen (…) Behörden typgenehmigt."

Behörden wissen seit 2016 Bescheid

Tatsächlich: Die italienischen Behörden haben die betroffenen Fiat-Modelle zugelassen. Das Kraftfahrtbundesamt KBA wiederum hat die Wohnmobile deutscher Hersteller zugelassen, die auf den Fiat-Modellen basieren. Jedoch: Plusminus liegen KBA-Dokumente vor, die beweisen: Das Kraftfahrt-Bundesamt weiß schon seit 2016 von deutlich überhöhten Schadstoffemissionen bei Fiat-Diesel-Fahrzeugen mit Abgasnorm Euro 5 und 6. Die Behörde kommt aufgrund eigener Messberichte zum Ergebnis: unzulässige Abschalteinrichtungen.

KBA-Dokumente
KBA-Dokumente | Bild: BR

Trotzdem werden noch bis 2019 Fahrzeuge mit der betroffenen Motorenreihe hergestellt und zugelassen. Aus dem Kraftfahrt-Bundesamt heißt es dazu: "Fiat erhielt seine Typgenehmigung von der italienischen Typgenehmigungsbehörde. Im europäischen Typgenehmigungsrecht sind erteilte Typgenehmigungen aus anderen EU-Mitgliedsstaaten von den anderen Mitgliedsstaaten und Typgenehmigungsbehörden anzuerkennen."

Europas Mühlen mahlen langsam

Immerhin: Das dem KBA übergeordnete Bundesverkehrsministerium informiert die italienischen Behörden über die unzulässigen Abschalteinrichtungen – doch diese unternehmen nichts. Daraufhin schaltet das Bundesverkehrsministerium die EU-Kommission ein. Die eröffnet ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Italien. Doch das ist bis heute nicht abgeschlossen. Nun ermitteln die Strafermittlungsbehörden gegen Fiat wegen Betrugs. Die hessische Polizei hat betroffene Wohnmobilbesitzer aufgerufen, sich zu melden.

Es bleibt nur der Klageweg

Ronny Neubert will nun klagen wegen seines dreckigen Campers. Anwalt Ralph Sauer aus Lahr in Baden-Württemberg hat den Fall übernommen. Er sieht den Fehler nicht nur bei den italienischen, sondern auch bei den deutschen Behörden. Das Kraftfahrtbundesamt hätte bei der Zulassung der Wohnmobile einschreiten können, da es sich hier um ein zweistufiges Zulassungsverfahren handeln würde.

Anwalt Ralph Sauer
Anwalt Ralph Sauer | Bild: BR

Der Anwalt gegenüber Plusminus: "Das Kraftfahrt-Bundesamt hätte die Möglichkeit gehabt, 2016 bei der Zulassung von Wohnmobilen zu entscheiden, dass diese nicht zulassungsfähig sind. Bei der zweiten Stufe, der über die reine Motorenzulassung hinausgehenden Zulassung für die Wohnmobile hätte es entscheiden können: Nein, das Wohnmobil ist ein neues Fahrzeug, und wir erteilen die nächste Stufe der Zulassung für dieses ergänzte, mit Wohnmobilaufbau in den Verkehr gebrachte Fahrzeug nicht."

Warum hat das Kraftfahrtbundesamt damals anders entschieden? Unterlagen, die Plusminus vorliegen, zeigen: Der heutige Verkehrsminister Andreas Scheuer hat 2016, damals als Bundestagsabgeordneter, das Schreiben eines Wohnmobilherstellers, der um Zulassung der Wohnmobile gebeten hat, an das Bundesverkehrsministerium weitergeleitet.

Antwort Bundesverkehrsministerium
Antwort Bundesverkehrsministerium | Bild: BR

Das Ministerium antwortet ihm damals: "Mit dem KBA wurde inzwischen vereinbart, dass die Typgenehmigung für den Hersteller des Aufbaus dennoch erteilt wird, damit die deutschen Hersteller, die die Fahrzeugtechnik nicht zu vertreten haben, keine Nachteile haben." Plusminus fragt beim Bundesverkehrsministerium, dem heute Andreas Scheuer vorsteht, nach. Hier heißt es: "Andreas Scheuer hat sich als Bundestagsabgeordneter damals nach dem Sachstand erkundigt, aber zu keinem Zeitpunkt Einfluss auf das Verfahren genommen. (…)"

Nachrüstung möglich

Wohnmobilbesitzer können auf eine Nachrüstung für ihre Fahrzeuge ab Sommer hoffen. Das Unternehmen Dr. Pley SCR Technology aus dem fränkischen Buttenheim entwickelt derzeit einen speziellen Katalysator – mit 4 Millionen Euro vom Bundesverkehrsministerium gefördert. Die Nachrüstung eines Campers wird circa 7.000 Euro kosten.

Nachrüstung möglich
Nachrüstung möglich | Bild: BR

Und was sagt der Wohnmobil-Hersteller Pössl, der Armin Kuschs Camper gebaut hat zu den Klagen, die mittlerweile bei ihm eingehen? Der Geschäftsführer Markus Wahl gegenüber Plusminus: "Unsere Aufgabe ist es, die Autos auszubauen. Und alles, was Chassis ist, hat der Hersteller des Chassis zu verantworten. Aber das werden die Gerichte klären, ob die Vorwürfe haltbar sind, ob da was dran ist. "

Die Leidtragenden sind hunderttausende Wohnmobilbesitzer in Deutschland, von denen viele vor Gericht ziehen. Statt ungetrübten Reisespaß haben sie nun den Ärger.

(Bericht: Johannes Thürmer, Martina Schuster/BR)
(Stand: April 2021)

Stand: 21.04.2021 22:47 Uhr

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