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Betriebswohnungen: Lösung für den Facharbeitermangel?

PlayDer Wohnungsmangel wird zunehmend ein Problem für Unternehmen.
Betriebswohnungen: Lösung für den Facharbeitermangel? | Bild: picture alliance/dpa | Matthias Balk

  • Die Wohnungsnot in deutschen Ballungszentren macht inzwischen auch vielen Unternehmen zu schaffen. Denn bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern spielt das Thema bezahlbarer Wohnraum eine wichtige Rolle.
  • Deshalb setzen einige, vor allem mittelständische Firmen seit kurzem wieder verstärkt auf Betriebswohnungen.
  • Noch vor wenigen Jahren verkauften die großen Konzerne ihre teils riesigen Immobilienbestände – heute wird wieder gebaut. Doch viel zu wenig.

Niklas Möser kommt gerade von einem Einsatz zurück. Seit einigen Wochen arbeitet der ausgebildete Notfallsanitäter, der aus Thüringen kommt, beim Roten Kreuz in Köln. Das Leben in der Domstadt ist teuer, die Mieten hoch. Nie hätte er gedacht, dass er hier einmal arbeiten und wohnen kann. Doch sein jetziger Arbeitgeber stellt ihm eine Werkswohnung zur Verfügung. Zentral und günstig. Für den 22-jährigen ein Glücksfall. "Ich bin sehr zufrieden", erzählt er. "Größe, Umfeld, das alles passt."

Niklas Möser
Niklas Möser | Bild: BR

Erst vor kurzem hat das Rote Kreuz auf seinem Betriebsgelände ein Gebäude mit 29 Wohnungen errichtet, gedacht vor allem für Pflegekräfte und Sanitäter. "Es ist ja so, dass es dort einen sehr hart umkämpften Markt gibt", erklärt der Kreisgeschäftsführer Marc Ruda vom Roten Kreuz in Köln. "Deshalb haben wir gesagt, es ist für Menschen, die vielleicht ein Interesse haben in die Stadt Köln zu wechseln, auch ein guter Grund beim Roten Kreuz anzufangen, wenn es dort zum Wechsel auch eine Möglichkeit des Wohnens gibt."

München statt Frankfurt oder Berlin

Auch in München fehlen qualifizierte Kräfte: rund 70 000, schätzen Experten von der IHK. Und zugleich fehlen bezahlbare Wohnungen. Roberto Calcagnile ist Busfahrer und mit seiner jungen Familie von Konstanz hierhergezogen. Das ging aber nur, weil sein neuer Arbeitgeber, die Münchner Verkehrsbetriebe, ihm eine Betriebswohnung anbieten konnten.

Roberto Calcagnile mit Familie
Roberto Calcagnile mit Familie | Bild: BR

Für 70 Quadratmeter zahlt er knapp 750 Euro. Für München extrem günstig. "Also das war entscheidend für mich, sagt Roberto Calcagnile. "Ich habe mich für München entschieden, ich hatte auch andere Möglichkeiten gehabt wie Berlin oder Frankfurt, aber München war entscheidend wegen der Wohnung."

Für immer mehr Arbeitnehmer wird die Betriebswohnung zum ausschlaggebenden Argument. Das merkt man auch bei der Firma Schmid Alarm in Gauting bei München. Das Geschäft mit der Hausalarmtechnik boomt. Doch aussichtsreiche Bewerber sind dem Chef oft wieder abgesprungen, weil sie keine günstige Wohnung fanden. Jetzt setzt er auf eigene Unterkünfte. Vor zwei Jahren war Baubeginn. Heute ist der Wohnkomplex mit 18 Einheiten fertig. Der IT-Elektroniker Sebastian Pietsch ist einer der ersten Mieter und überglücklich über sein neues Zuhause.

"Ich würde mir wünschen", sagt er, "dass mehr Unternehmen dies machen, dann können die Arbeiter und Handwerker in die Wohnungen ziehen, wenn der Chef das vermietet."

Umdenken gefordert

Doch während immer mehr kleine und mittelständische Unternehmen Betriebswohnungen bauen, halten sich die großen Firmen zurück. Plusminus macht eine Umfrage unter den DAX-Unternehmen. Von den 30 Konzernen wollen nur fünf Wohnraum für ihre Mitarbeiter schaffen. Die anderen 25 nicht. Einige Begründungen:

"Bayer beabsichtigt nicht, weitere Betriebswohnungen zu bauen, da Wohnungsbau und -management nicht zu unseren Kernkompetenzen gehört." (Bayer)

"Gehälter bei Infineon erlauben es unseren Mitarbeiter*innen, die Mieten/Finanzierungen selbst zu leisten." (Infineon)

"Bei Investitionen der Allianz in Immobilien handelt es sich um Immobilieninvestments, die aus Kapitalanlagegründen gekauft und vermietet werden." (Allianz)

"Wir halten (…) Betriebswohnungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht für erforderlich." (Deutsche Börse)

Wohnraum für Mitarbeiter
Wohnraum für Mitarbeiter | Bild: BR

Experten dagegen fordern ein Umdenken und nehmen die Unternehmen in die Pflicht. "A hat der Unternehmer soziale Verantwortung", so Prof. Stephan Kippes vom IVD Immobilienverband Deutschland, "und B höre ich immer das Jammern, dass man zu wenig Mitarbeiter findet in bestimmten Qualilfikationsgruppen. Wenn man aber für die nichts tut, dann wird man auch wenig finden. Insofern: Etwas mehr Verantwortung wäre notwendig, auch wenn – das gebe ich zu – es nicht Kerngeschäft eines Konzerns ist, Wohnungen zur Verfügung zu stellen, aber es sollte eigentlich zu einem vernünftigen Konzern dazugehören."

Kein Interesse

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter
Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter | Bild: BR

Auch Bemühungen von Kommunalpolitikern laufen oft ins Leere, wie der Oberbürgermeister von München, Dieter Reiter (SPD), erzählt: "Ich habe mal die Unternehmen, die mehr als 500 Mitarbeiter haben, eingeladen und sie gebeten, darüber nachzudenken, ob es nicht sinnvoll wäre, im Rahmen ihrer sozialen Verantwortung für die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selber Wohnraum zu schaffen oder entsprechende Belegungsrechte oder Genossenschaftsanteile zu kaufen. Die Resonanz ist überschaubar. Bis jetzt sind die größten Werkswohnungsbauer wir selber: die Stadtwerke München, die Stadtsparkasse und jetzt unser Klinikum."

Arbeitsplätze aber keine Wohnungen

Noch ein Beispiel: Das Internetunternehmen Google baut im Zentrum von München einen neuen Bürokomplex. 1.500 Arbeitsplätze sollen hier entstehen. Die Politiker des örtlichen Bezirksausschusses schlagen quer durch alle Parteien Alarm und fragen sich, wo die neuen Mitarbeiter wohnen sollen. "Wir sind der Auffassung", so Christian Krimpmann (CSU), "dass Google hier in der Pflicht steht für die 1.500 Mitarbeiter auch in Sachen Wohnraum etwas zu unternehmen." Und Svenja Jarchow-Pongratz (Die Grünen) ergänzt: "Wir haben sowieso schon einen sehr angespannten Wohnungsmarkt. Unsere große Sorge ist, dass hier ein Missverhältnis entsteht. Hier kommen sehr gute, hochdotierte Arbeitsplätze. Das ist super und das ist auch für so eine Stadtentwicklung ganz toll, aber wir brauchen diesen Ausgleich." Dabei plant das Google Mitarbeiterwohnungen: Allerdings im Silicon Valley. Und zwar im großen Stil. Warum also nicht in Deutschland? Plusminus fragt bei Google an. Aber: Trotz mehrmaliger Nachfrage: Keine Auskunft.

Rückgang bei den Wohnungen des Bundes

Doch nicht nur Unternehmen stehen in der Verantwortung. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Stephan Thomae wollte von der Bundesregierung wissen, wie viele Wohnungen eigentlich der Bund seinen Mitarbeitern zur Verfügung stellt. "Der Staat", sagt Stephan Thomae (FDP), "ist ja auch Arbeitgeber für viele Menschen, die oft kein so hohes Einkommen haben, mittlerer Dienst, Polizeidienst, im Zolldienst, wo es sinnvoll sein kann, dass der Staat Wohnungen anbietet."

Anzahl bundeseigener Wohnungen
Anzahl bundeseigener Wohnungen  | Bild: BR

Doch die Zahl bundeseigener Wohnungen geht seit Jahren zurück. Waren 2008 noch gut 49.000 Wohnungen im Bundesbesitz, sind es jetzt nur noch 36.000. "Der Staat verhält sich selbst widersprüchlich", meint Stephan Thomae (FDP). "Er erfüllt seine Verpflichtungen in keiner Weise." Zwar will die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die die bundeseigenen Wohnungen verwaltet, jetzt handeln und bis Ende 2024 mindestens 3.000 Wohneinheiten schaffen, doch noch ist man erst im Planungsstadium.

Mehr als warm und trocken

Zurück nach Köln. Nicht nur das Rote Kreuz baut für seine Mitarbeiter, auch die Stadtwerke. Hier entstehen 40 Betriebswohnungen in einem modernen Ensemble mit Cafe und Kita. "Früher war der Werkswohnungsansatz reduziert auf das schlichte Wohnen", erklärt Bernd Preuss von den Stadtwerke Köln. "Das heißt warm und trocken. Heute ist die Angebotsbreite viel größer. Einfach auch weil das, was der Mieter vom Wohnen verlangt, größer geworden ist. Wir sehen das als Instrument, uns als Arbeitgeber attraktiv zu machen. Deshalb mehr als nur warm und trocken." Doch selbst "warm und trocken" würde vielen Arbeitnehmern in Ballungsräumen schon helfen.

(Bericht: Martina Schuster, Johannes Thürmer/BR)
(Stand: April 2021)

Stand: 22.04.2021 08:48 Uhr

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