SENDETERMIN Mi., 08.09.21 | 21:45 Uhr | Das Erste

So geht bezahlbarer Wohnraum in Wien

PlaySonnwendviertel in Wien
So geht bezahlbarer Wohnraum in Wien | Video verfügbar bis 08.09.2022 | Bild: MDR

• Wohnen ist für viele in Deutschland zum Luxusgut geworden.
• Bezahlbarerer Wohnraum wird immer knapper.
• Durch gemeinnützigen Wohnungsbau gibt es in Österreich und auch in Wien Mietangebote zu moderaten Preisen.
• Das Prinzip dahinter: Mit den Mieten dürfen keine Gewinne gemacht werden, nur die Kosten sollen gedeckt werden.

Bezahlbaren Wohnraum in Deutschland zu finden, wird immer schwieriger. Rudolf Schairer soll nach 30 Jahren raus aus seiner Mietwohnung in München, weil der Vermieter das Haus abreißen lassen will. Eine Modernisierung sei angeblich nicht sinnvoll, dafür solle neu gebaut werden. Schairer bezahlt derzeit für 35 Quadratmeter 350 Euro kalt. Etwas Vergleichbares zu finden, ist aussichtslos für ihn. "Für 30 bis 40 Quadratmeter fast 1.000 Euro Kaltmiete" seien in aktuellen Angeboten verlangt worden.

Er und die noch übrig gebliebenen Mieter fürchten, dass sie sich auch die Mieten für den geplanten Neubau nicht mehr leisten können. Dies scheint auch berechtigt: Im Nachbarhaus, welches ebenso abgerissen und wieder neu errichtet wurde, sind Wohnungen entstanden – für einen Quadratmeterpreis von über 20 Euro. 

Häuser in München.
Zwischen den nebeneinander liegenden Altbauten und Neubauten liegen horrende Mietpreisunterschiede | Bild: MDR

1,9 Millionen bezahlbare Wohnungen fehlen in deutschen Städten

München ist längst kein Einzelfall. Insgesamt fehlen 1,9 Millionen bezahlbare Wohnungen in deutschen Städten. Dabei wird vielerorts gebaut, neue Wohnviertel entstehen. Doch die Mieten sind dann für viele unerschwinglich – wie in Dresden mit zwölf bis14 Euro pro Quadratmetern, die dann im Schnitt fällig werden.

Besonders drastisch stiegen die Mieten in der Hauptstadt. "Selbst Leute, die normalerweise zur Mittelschicht gehören, die sogar zwei Einkommen haben, können sich als Familie keinen Wohnraum mehr leisten", sagt ein Kritiker am Rande einer Demo gegn Mietwucher. Ein anderer führt aus: "Mit Wohnraum wird spekuliert und damit wird nur noch Gewinn gemacht." Berliner Mieter rufen nun zum Volksbegehren auf. Sie wollen große Wohnungskonzerne enteignen und Wohnungen wieder der Gemeinnützigkeit überführen. Am Tag der Bundestagswahl wird es einen Volksentscheid geben.

Ein Demo-Transparent
"Keine Profite mit unserer Miete" fordern Berliner bei einer Demo. | Bild: MDR

Gemeinnütziger Wohnungsbau in Wien

Mit Gemeinnützigkeit im Wohnungsbau hat ganz Österreich jahrzehntelange Erfahrungen und für viel bezahlbaren Wohnraum gesorgt. Dabei können die Bauträger Genossenschaften aber auch Unternehmen sein. Mit den Mieten dürfen keine Gewinne gemacht werden, nur die Kosten sollen gedeckt werden. Im Gegenzug brauchen die Unternehmen keine Steuern zahlen. So sind auch sehr günstige Mieten möglich.

"Wir sind im Neubau in der Größenordnung von sechs bis sieben Euro je Quadratmeter. Das liegt um etwa 30 Prozent unter dem, was der sonstige Markt anbietet. Und ein wichtiges Element aus der gesetzlichen Grundlage ist auch, dass nach der Ausfinanzierungsphase, also nach den 35 Jahren, die Miete gesetzlich fixiert ist, in einer Höhe von 4,50 Euro", erklärt Bernd Rießland, Präsident des "Österreichischen Verbandes Gemeinnütziger Bauvereinigungen". Die Miete kann so auch sinken. "Weil der Grundgedanke ist, dass man nur die Kosten verrechnet und keine Gewinnspannen hat", so Rießland.

Ein Mann steht auf einer Dachterrasse.
Bernd Rießland ist der Präsident des Österreichischen Verbandes Gemeinnütziger Bauvereinigungen (ÖVGB). | Bild: MDR

Vorzeige-Projekt Sonnwendviertel

Das Sonnwendviertel ist ein Neubauprojekt am Rande der City, nahe des Wiener Hauptbahnhofes. Eine 3-Zimmerwohnung mit 110 Quadratmetern ist hier für 870 Euro zu haben. Doch das Haus bietet den Mietern noch mehr: diverse Gemeinschaftsräume wie Dachterrasse, Partyraum, sogar ein kleines Kino und eine Schwimmhalle stehen zur Verfügung.

Wer in den Häusern des gemeinnützigen Wohnungsbaus leben will, darf eine bestimmte Einkommensgrenze nicht überschreiten. Für eine dreiköpfige Familie sind das 80.500 Euro netto im Jahr. Damit können die meisten Österreicher davon profitieren. "Wir wollen hier keine Ghettos. Sondern es sollen die niedrigsten Einkommen hier unterkommen und durchmischt mit mittleren und höheren Einkommen. Die Spitzeneinkommen wohnen sowieso woanders. Die sind kein Thema. Das österreichische Konzept geht davon aus, dass man eine gute Durchmischung hat", betont Rießland.

Eltern mit ihren zwei kleinen Kindern am Wohnzimmertisch.
Familienvater Hainz betont, das Wiener Konzept unterstütze "das Menschenrecht auf Wohnen". | Bild: MDR

Vor allem Familien wie die Hainzes profitieren vom Konzept. In Ihrem Fall liegt der Quadratmeterpreis bei ca. neun Euro. Gebe es nur den freien Wohnungsmarkt, hätten sie mit ihren beiden Kindern aufs Land ziehen müssen. "Auch in Wien gibt es Mega-Spekulationsobjekte und auch gerade bei uns in diesem Grätzl (Wohnviertel)", so die Mutter. Auch im Sonnwendviertel gäbe es deswegen auch Wohnungen, die "horrend teuer" sind. "Da bin ich sehr froh, dass wir dann dieses Haus gefunden haben." Mit dem System unterstütze Wien "das Menschenrecht auf Wohnen", ergänzt der Vater.

Gemeinnützigen Wohnungsbau gab es auch in Deutschland

Die Schaffung von preisgünstigem Wohnraum durch gemeinnützige Anbieter war auch im Westen bis in die 1980er-Jahre gesetzlich geregelt. Bis zu fünf Millionen Wohnungen sind so entstanden.1989 wurde das Konzept ersatzlos abgeschafft. Die Politik sah keine Notwendigkeit mehr für dieses Markt-Segment. Ein Fehler, findet Wohnungswirtschafstexperte Jan Kuhnert.

Schon 1989 hatte er als Sachverständiger vor den Folgen der Abschaffung gewarnt. "Weil diese Kostenmietbindung des gemeinnützigen Wohnungsbausektors eigentlich erst in den Folgejahren, also ab 1990, bedeutsam werden würde", argumentierte er damals. Und weiter: "Weil die großen Baujahrgänge des Sozialen Wohnungsbaus aus der Bindung rauslaufen und bei den gemeinnützigen Wohnungsunternehmen hätten sie weiterhin in der Kostenbindung bleiben müssen und damit preiswert bleiben können. Aber dieser Effekt wurde seitens Bundesregierung nicht gesehen."

Ein Mann in einem Arbeitszimmer.
Wohnungswirtschaftsexperte Jan Kunert sagt, Deutschlands Rückzug aus dem gemeinnützigen Wohnungsbau sei ein Fehler gewesen. | Bild: MDR

Das verschärft die Situation auf dem Wohnungsmarkt noch: Es fallen mehr Sozialwohnungen aus der Preisbindung, als neue gebaut werden. Und während der Staat die Gemeinnützigkeit abgeschafft hat und gerade mal eine Milliarde Euro pro Jahr für Sozialwohnungen ausgibt , fließen jedes Jahr 17,5  Milliarden an Subventionen, damit sich Mieter Wohnungen überhaupt leisten können. "Wir haben jetzt mehr Aufwand in der sogenannten Mietensubvention, also in der Subjektförderung, statt das wir vernünftig ein großes Vermögen mit preiswerten Wohnraum erhalten hätten", so Kunert.

Ein Mann vor einem Bücherregal.
Für Ramon Sotelo, Professor für Immobilienanlagen an der Bauhaus-Universität Weimar, ist die Thematik der Gemeinnützigkeit eine Frage von Marktwirtschaft und Sozialismus. | Bild: MDR

Kritische Stimmen aus der deutschen Immobilienwirtschaft

Stimmen gegen eine neue Gemeinnützigkeit in Deutschland kommen vor allem aus der Immobilienwirtschaft. Für Ramon Sotelo, Professor für Immobilienanlagen an der Bauhaus-Universität Weimar, ist die Thematik der Gemeinnützigkeit eine Frage von Marktwirtschaft und Sozialismus: "Wenn Sie ein Problem damit haben, dass Menschen, dadurch dass sie Leistungen für andere anbieten, sei es, dass Sie ein Restaurant , eine Arztpraxis, Gesundheitsdienstleistungen anbieten, wenn das nicht mehr mit Gewinnen oder einen marktwirtschaftlichen Anreiz geschehen soll, dann stellen Sie die Systemfrage."

Mehrere Kräne auf einer Großbaustelle in Wien.
Wien kauft immer wieder Bauland, um es in den Kreislauf des gemeinnützigen Wohnungsbaus bringen zu können. | Bild: MDR

Von mehr bezahlbaren Wohnraum profitiert auch die Volkswirtschaft

Dabei zeigt das Beispiel Österreich, dass es hier nicht zu sozialistischen Verhältnissen gekommen ist, sondern zu mehr Wettbewerb. Denn auch in Wien gibt es nach wie vor teure Wohnungen auf dem freien Wohnungsmarkt. Doch die günstigen Mieten im gemeinnützigen Sektor, wie hier in diesem Viertel, drücken auch die Preise auf dem freien Markt. Damit das auch künftig so bleibt, kauft die Stadt Wien weiterhin Bauflächen, die dann bevorzugt an gemeinnützige Bauträger gehen. "Das ist der Grund, warum wir die Bauordnung jetzt dahingehend geändert haben, dass bei allen Umwidmungen, zum Beispiel, wenn landwirtschaftliche Flächen in Bauland umgewidmet werden, dass verpflichtend 2/3 der errichteten Wohnungen geförderte und damit leistbare Wohnungen sein müssen", sagt der Bürgermeister von Wien, Michael Ludwig.

Michael Ludwig, Bürgermeister von Wien
Michael Ludwig ist der Bürgermeister von Wien. | Bild: MDR

Und auch die Volkswirtschaft profitiert von diesem Konzept, wie eine aktuelle Studie zeigt: Österreicher, die im gemeinnützigen Wohnungsbau leben, haben mehr Geld für Konsum zur Verfügung. Dazu sagt der Wiener Wirtschaftsforscher Michael Klien: "Im Vergleich zu Haushalten am gewinnorientierten Mietmarkt sehen wir, dass diese Haushalte sich ungefähr 160 Euro im Monat ersparen, was für andere Konsummöglichkeiten bereit steht.“ In Deutschland sieht die Entwicklung anders aus: Bereits eine Millionen Haushalte müssen mehr als die Hälfte ihres Einkommens für die Miete ausgeben.

Beitrag: Christiane Cichy und Frank Frenzel
Bearbeitung: Carmen Brehme

Stand: 08.09.2021 22:45 Uhr

10 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.