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Denis Scheck empfiehlt Daniel Mendelsohn: "Eine Odyssee"

PlayDaniel Mendelsohn bei einer Lesung auf der Lit.Cologne 2019
Denis Scheck empfiehlt Daniel Mendelsohn: "Eine Odyssee" | Video verfügbar bis 05.05.2024 | Bild: dpa/picture alliance

Manchmal irrt man durchs Leben und durch die Literatur orientierungslos wie auf offener See. Da hilft die Rückbesinnung auf die Klassiker – also auf die Bücher, die den meisten Menschen schon am längsten verlässlich geholfen haben. Man kann mit guten Gründen argumentieren, dass am Beginn der abendländischen Literatur Homer steht. Aber natürlich nicht mit der "Ilias", der Geschichte vom Trojanischen Krieg, einem Text voller Testosteron wie ein rauschiger Eber, mit lauter Wutgickeln, Schlagetots und Ehrpusseln als Hauptfiguren, der sich stellenweise auch noch liest wie ein antiker Waffenkatalog.

"Eine Odyssee" von Daniel Mendelsohn
"Eine Odyssee" von Daniel Mendelsohn | Bild: Hanser Literaturverlage

Nein, am Beginn der abendländischen Literatur steht ein Epos, in dem sich zum ersten Mal ein wirklich modernes Bewusstsein artikuliert: das Bewusstsein eines Menschen, der schon zu Beginn der rund zwölftausend Verse als "andra … polytropon" bezeichnet wird, was verschiedene Übersetzer mal als "vielgewandert", "vielgestaltig" oder "wandlungsreich" wiedergegeben haben, man könnte diesen Menschen aber auch ebensogut einen "Fuchs", "Gauner" oder "Blender" nennen. "Polytropos" ist im Altgriechischen das Gegenteil von "einfältig", mit anderen Worten ein "wendungsreicher" Mensch, einer, der viel gesehen und noch mehr gehört hat, dem deshalb wenig fremd geblieben ist, der gut mit Worten umgehen kann und der niemals um eine Antwort verlegen war.

Von diesem Menschen und seiner zehnjährigen Irrfahrt zurück aus dem Krieg um Troja nach Hause zu Penelope auf Ithaka erzählt die "Odyssee". Und davon erzählt auch der gewitzte amerikanische Altphilologe Daniel Mendelsohn in seinem hinreißenden Buch "Eine Odyssee – mein Vater, ein Epos und ich".

Eine aufgemischte Interpretation der "Odyssee"

Es ist einerseits eine kluge Anleitung zum Lesen von Homers "Odyssee", eine Interpretation, die uns Odysseus als "Dichter des eigenen Lebens" zeigt. Vor allem aber ist es ein Buch über seinen Vater, den Ingenieur und Mathematikprofessor Jay Mendelsohn, der mit über 80 auf die Idee verfällt, ein Seminar zu besuchen, das sein Sohn über die Odyssee hält und die Diskussionen der Studierenden durch seine Lebenserfahrung und seinen Witz kräftig aufmischt.

So verwandelt sich dieses Buch, dessen Höhepunkt die Schilderung einer gemeinsamen Kreuzfahrt durchs Mittelmeer auf Odysseus' Spuren ist, am Beispiel von Telemach und Odysseus, Daniel und Jay Mendelsohn, in ein lebenskluges Buch über Väter und Söhne. Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Daniel Mendelsohns "Eine Odyssee". Die deutsche Übersetzung von Matthias Fienbork, ist erschienen im Siedler Verlag.

Stand: 06.05.2019 08:54 Uhr

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