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Denis Scheck kommentiert die Top Ten

Belletristik Bestseller

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Die Top Ten: Belletristik | Video verfügbar bis 05.05.2019 | Bild: BR

Platz 10
Graeme Simsion: "Das Rosie-Projekt"

Ein nahezu autistischer Genetiker entwickelt einen seitenlangen Fragenbogen, mit dem er Effizienz in die Suche nach der richtigen Ehefrau bringen möchte. Aber natürlich verliebt er sich in eine Frau, die titelgebende Rosie, die angefangen von der Länge ihrer Ohrläppchen bis zur Unstrukturiertheit ihrer Lebensführung in keiner Hinsicht seinen Kategorien entspricht. Hölzern im Stil und tumb in der Handlungsentwicklung, bietet dieser Roman eine opulente Schlachtplatte alberner Klischees über Männer und Frauen, Wissenschaft und Vaterfiguren.
(Deutsch von Annette Hahn, Krüger Verlag, 352 Seiten, 18,99 Euro)

Platz 9
John Grisham: "Die Erbin"

Einen Tag vor seinem Selbstmord enterbt ein Sägewerksbesitzer in Mississippi seine Familie und vermacht sein 24 Millionen Dollar schweres Gesamtvermögen seiner schwarzen Haushälterin. Wie John Grisham in seinem durchdacht konstruierten, souverän erzählten Thriller mit dem schon aus seinem Roman "Die Jury" bekannten Anwalt Jake Brigance das Trauma der amerikanischen Südstaaten mit einem spannenden Gerichtssaalreißer verwebt, hat große Klasse.
(Deutsch von Kristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiter und Imke Walsh-Araya, Heyne Verlag, 702 Seiten, 24,99 Euro)

Platz 8
David Safier: "28 Tage lang"

David Safier schreibt sogenannte heitere Romanen, über die ich nicht lachen kann. Nun hat Safier sich einen radikalen Themenwechsel verordnet: Sein neuer Roman handelt vom Aufstand im Warschauer Ghetto aus der Perspektive einer jungen Jüdin namens Mira. Gleich geblieben ist aber Safiers Sprache, eine Art Simpel-Deutsch, sein Hang zu flachen Witzen und noch flacheren Charakteren. Auf Pointe geschriebene Holocaustgeschichten enden in Holokitsch, und deshalb ist "28 Tage lang" ein schlechter Roman über ein ernstes Sujet.
(Kindler Verlag, 414 Seiten, 16,95 Euro)

Platz 7
Donna Tartt: "Der Distelfink"

Das wohl meistgefeierte Buch dieses Frühlings beginnt mit einem veritablen Big Bang: einer Explosion im Metropolitan Museum of Art, bei der ein Teenager seine Mutter verliert. Das Schicksal dieses Jungen und das eines Gemäldes aus dem Museum, eben des "Distelfinks" des niederländischen Altmeisters Carel Fabritius, bilden den roten Faden dieses mitreißenden Entwicklungsromans, der zugleich eine grandiose Meditation über Kunst und Leben, Freiheit und Notwendigkeit, Größe und Hybris ist. Dass dieser Roman alle anderen Titel auf dieser Liste weit in den Schatten stellt, versteht sich von selbst, denn Donna Tartts "Der Distelfink" ist schlicht ein Meisterwerk.
(Deutsch von Rainer Schmidt und Kristian Lutze, Goldmann Verlag, 1023 Seiten, 24,99 Euro)

Platz 6
Simon Beckett: "Der Hof"

Wem beim Stichwort 'Italiener' als erstes Zitronenschüttler und Gondelschnitzer, beim Stichwort 'Holländer' Tulpenstecher und Autobahnschnecken einfällt, der kommt bei diesem in Frankreich spielenden englischen Krimi voll auf seine chauvinistischen Kosten. Franzosen vögeln wie die Säue – diese differenzierte Sichtweise auf die Nachbarkultur entfaltet der Brite Simon Beckett in seinem auch sprachlich unterkomplexen Krimi um Inzest auf einem Schweinezüchterhof in der französischen Provinz. Ein Buch, das einem in jeder Hinsicht den Appetit verdirbt.
(Deutsch von Juliane Pahnke, Wunderlich, 464 Seiten, 19,95 Euro)

Platz 5
Veronica Roth: "Die Bestimmung: Letzte Entscheidung"

Die ewig junge Geschichte vom Aufstand der Jungen gegen das System der Alten erzählt Veronica Roth in ihrer Trittbrettfahrer-Trilogie auf den Spuren von "Die Tribute von Panem". Nicht nur seiner ungelenken und sterilen Plastiksprache halber, sondern auch wegen vieler unmotivierter Perspektivwechsel ist dieser Abschlussband ein Buch fad wie eine Tütensuppe.
(Deutsch von Petra Koob-Pawis und Michaela Link, CBJ Verlag, 511 Seiten, 17,99 Euro)

Platz 4
Ildyko von Kürthy: "Sternschanze"

"Meine Obsttage enden mittlerweile fast zwangsläufig mit einem oder mehreren Wiener Schnitzeln", lässt Ildyko von Kürthy ihre Heldin Nicola Lubitz bekennen, die gegen die Langeweile in ihrer Ehe mit dem karrieregeilen Finanzberater eines Hamburger Reeders mit einem Geliebten rebelliert, bis ihre Affäre auffliegt und ihr Mann sie aus der Wohnung wirft. Einzelne Passagen dieses Textes lesen sich durchaus amüsant. Das Problem ist die Forciertheit, das Timing in diesem in der Tonart Kreisch geschriebenem modernen Frauenroman. Am Ende überwiegt Ermüdung und beim obligaten Happy-end auch Überdruss über diese Feier der Werte des deutschen Kleinbürgertums. Oder in den Worten von Ildyko von Kürthy: "Diese unerschütterlich Gutgelaunten gehen mir so was von auf den Keks!"
(Wunderlich Verlag, 352 Seiten, 17,95 Euro)

Platz 3
Jonas Jonasson: "Die Analpabetin, die rechnen konnte"

Diese Geschichte über eine mathematische Ausnahmebegabung aus Soweto, die nach Schweden kommt und am Ende eine Atombombe zurück nach China expediert, besitzt zwar den mitreißenden Schwung einer Achterbahnfahrt, macht aber auch die Beschränktheit der literarischen Mittel von Jonas Jonasson deutlich, der mit "Der Hundertjähige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" berühmt wurde: Schon mit seinem zweiten Roman ist sein Erfolgsrezept zur Masche geworden.
(Deutsch von Wibke Kuhn, Carl’s Books, 448 Seiten, 19,99 Euro)

Platz 2
Jan Weiler: "Das Pubertier"

Streng genommen hat diese Sammlung von Jan Weilers Kolumnen über die Pubertät seiner Tochter auf einer Belletristik-Bestsellerliste nichts verloren, sondern gehört, wenn schon, ins Sachbuch. Weil Jan Weiler aber beobachtungsscharf und sprachspielerisch über die Veränderungen in seinem Leben und dem seiner Tochter schreibt, habe ich das Büchlein gern gelesen.
(Kindler Verlag, 128 Seiten, 12,00 Euro)

Platz 1
Frank Schätzing: "Breaking News"

Afghanistan, Libyen, Israel und Palästina heißen die Handlungsorte des neuen Buchs von Frank Schätzing, das Agententhriller und Familiensaga, Politkrimi und ein Crashkurs in der Geschichte des Nahostkonflikts ist. Insofern erinnert es mich an den berühmten Witz von dem Juden, der in eine Metzgerei tritt, geradewegs auf einen Schinken zeigt und sagt: "Ich hätt’ gern diesen Fisch dort". Auf seinen Einwand "Aber das ist doch ein Schinken" erhält der Metzger die Antwort "Mich interessiert nicht, wie der Fisch heißt". Im Fall von Schätzings "Breaking News" interessiert auch mich nicht, unter welcher Genrebezeichnung man diesen Roman einordnet. Ist das große Literatur? Nein. Aber ein äußerst gelungener Unterhaltungsroman – und das ist in Deutschland immer noch die große Ausnahme.
(Kiepenheuer & Witsch, 976 Seiten, 26,99 Euro)

Stand: 06.05.2014 09:02 Uhr

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